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Gesundheitsämter in der Krise : Protokolle der Pandemie

Viel zu tun: Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts nur noch in Ausnahmefällen Infizierte persönlich anrufen. Bild: Michael Braunschädel

Die Gesundheitsämter kommen an ihre Grenzen, sie können die Zahl der wirklich infizierten nicht mehr zuverlässig nachvollziehen. Zeit für einen Strategiewechsel.

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          Priorisieren – dieses Wort sagt Peter Tinnemann, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt, gerade häufiger, als er eigentlich möchte. Aber längst ist klar, dass sein Team die anfallende Arbeit nicht mehr so erledigen kann, wie es idealerweise sein soll. Also wird priorisiert. Was gestern noch galt, kann morgen schon wieder völlig neu geregelt sein. Wie noch vor einem Jahr gearbeitet wurde, ist mittlerweile kaum vorstellbar. Wurden zu Beginn der Pandemie noch Infizierte von Mitarbeitern des Gesundheitsamtes täglich angerufen, die sich nach dem Befinden erkundigten, schaffen es die Mitarbeiter des Amtes nur noch in ausgewählten Fällen, Kontakt aufzunehmen.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Sie sind froh, wenn sie die neuen Corona-Fälle überhaupt aktuell erfassen können. Es sind zu viele geworden. „Wir werden zu Protokollanten der Pandemie“, sagt Tinnemann. Der persönliche Kontakt zu den Infizierten sei längst die Ausnahme. Dabei seien die Fragen derjenigen, die ein positives Ergebnis hätten, eher mehr als weniger geworden. „Es wäre schön, wenn wir die Regeln wieder vereinfachen könnten. Je schwieriger sie zu vermitteln sind, desto schwieriger ist es, die Leute mitzunehmen.“

          Der Leiter des Gesundheitsamtes vermutet, dass die Sieben-Tages-Inzidenz in Frankfurt viel höher liegt, als vom Robert-Koch-Institut in der täglichen Übersicht angegeben. Die Meldesoftware, mit der das RKI arbeite, sei veraltet, sagt Tinnemann. Nach einem Update in der vergangenen Woche seien Schwierigkeiten aufgetreten, die bisher nicht behoben werden konnten. Auch Amtsleiter anderer Städte und Kommunen in ganz Deutschland klagen, wie Tinnemann aus Gesprächen mit seinen Kollegen weiß. „Die Fallzahlen werden bundesweit unterschätzt.“

          Immer komplizierter sinnvolle Erkenntnisse aus den Daten zu ziehen

          Dass nach dem Beschluss der Ministerpräsidenten eine Priorisierung bei den PCR-Tests vorgenommen wird, bewertet der Amtsleiter prinzipiell als „richtigen Weg“. Trotzdem kritisiert er den fehlenden Praxisbezug. Denn wenn im Umkehrschluss die vielen kleinen Testcenter täglich die positiven Schnelltests an das Gesundheitsamt melden müssen, verdoppeln oder verdreifachen sich seiner Einschätzung nach die Datensätze, die dann einlaufen.

          Es existiere noch kein digitales Verfahren, das den Antigen-Schnelltestcentern eine einheitliche und einfache Meldung ermögliche. Daher wird es nach Angaben Tinnemanns immer komplizierter, mit den vielen unterschiedlichen Daten umzugehen und sinnvolle Erkenntnisse aus diesen zu ziehen. Solange eine Infektion mit dem Corona-Virus gesetzlich als „meldepflichtige Erkrankung“ gilt, ist es die gesetzliche Aufgabe des Amtes, diese entsprechend zu registrieren und im Rahmen des Gesundheitsschutzes sicherzustellen, dass Infizierte möglichst wenige weitere Menschen anstecken.

          Kaum möglich, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen

          Angesichts der steigenden Fallzahlen sei es aber kaum noch möglich, diese gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen und den Gesundheitsschutz sicherzustellen. Eine Kontaktnachverfolgung sei kaum noch möglich. Auch deshalb werde es Zeit, neu zu denken, sagt Tinnemann. „Im Moment verhängen wir sehr ähnliche Maßnahmen für Infizierte und Kontaktpersonen“, kritisiert er. Dabei müsse diskutiert werden, ob Menschen, die beispielsweise schon ihre Auffrischungsimpfung erhalten haben, sich schneller freitesten können als jene, die noch gar nicht oder nur unvollständig geimpft sind.

          Tinnemann bekommt immer häufiger berichtet, dass mittlerweile Bürger darauf verzichteten, ein positives Testergebnis, das bei der privaten Testung aufgefallen ist, offiziell abklären zu lassen. Wer keinen Genesenen-Nachweis oder ein Dokument für den Arbeitgeber benötige, treffe manchmal die Entscheidung, sich selbst zu isolieren, statt auf Anweisungen seitens des Amtes zu warten. Tinnemann hofft, dass genau über solche Entwicklungen auf politischer Ebene diskutiert wird. „Wir müssen uns fragen, wie wir künftig generell mit der Meldepflicht umgehen“, sagt er und schließt eine Frage an: „Ab wann lassen wir uns beispielsweise darauf ein, in bestimmten Fällen zu sagen: ‚Es reicht, wenn ihr zu Hause bleibt.‘“

          Die Crux der Dateneingabe

          Das Programm Survnet wird den Gesundheitsämtern vom Robert-Koch-Institut (RKI) zur Verfügung gestellt, um die aktuellen Corona-Infektionszahlen übermitteln zu können. Ein Soft­ware-Update in der vergangenen Woche hat jedoch nicht nur in Frankfurt zu Problemen geführt: Einige Anwendungen stürzten ab, die Ladezeiten verlängerten sich, Bestätigungs- oder Informationsfenster wurden nicht mehr angezeigt. Bei der Menge an Meldungen und einer verlängerten Bearbeitungszeit je Fall können die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes inzwischen nicht mehr alle Datensätze am gleichen Tag ans RKI übertragen. 

          Je mehr Personen gleichzeitig am System arbeiten, desto instabiler werde es. Außerdem brächte das Programm, selbst wenn nur die Sanduhr zu sehen sei, die Server  des Gesundheitsamtes an ihre Kapazitätsgrenze. Andere Programme müssten dann heruntergefahren werden, heißt es. Solange Daten nicht in Survnet erfasst sind, könnten Infizierte auch nicht vom Gesundheitsamt kontaktiert werden. In Frankfurt sind derzeit 5000 bis 6000 neue Fälle noch nicht ans RKI gemeldet worden. Gesundheitsamt und RKI arbeiteten derzeit gemeinsam an einer technischen Lösung des Problems. Die Inzidenz, also die Zahl der erfassten Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen einer Woche, liegt daher deutlich höher als in der offiziellen Statistik,  nach   Schätzung des Gesundheitsamtes bei etwa 1700 und nicht – wie in der Tabelle unten vom Sozialministerium angegeben – bei 1352,4.  mg. 

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