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Gesellschaft : „Gewaltausbrüche wie in Frankreich unwahrscheinlich“

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Ausschreitungen wie in Paris und anderen französischen Städten halten Fachleute in deutschen Kommunen für eher unwahrscheinlich. Allerdings müsse die Entwicklung genau beobachtet werden. "Es gibt in Deutschland ...

          Ausschreitungen wie in Paris und anderen französischen Städten halten Fachleute in deutschen Kommunen für eher unwahrscheinlich. Allerdings müsse die Entwicklung genau beobachtet werden. "Es gibt in Deutschland keine absolut abgehängten Stadtteile wie in der Gegend um Paris, nicht einmal in Berlin-Kreuzberg ist das der Fall", sagt Ferdinand Sutterlüty vom Institut für Sozialforschung an der Frankfurter Universität. Dieser Meinung ist auch Christoph Kulenkampff, Vorstand der Schader-Stiftung in Darmstadt. Die Stiftung hat Empfehlungen für eine "sozialräumliche Integration von Zuwanderern" gegeben, mit denen sich derzeit acht Städte - darunter Frankfurt - auseinandersetzen.

          Kulenkampff hält es für nötig, sozial benachteiligte Stadtteile mit allen geeigneten Mitteln zu stabilisieren. Nur so könne eine Ghettoisierung verhindert werden. Beispielsweise könnten Schulen, etwa mit mehr Angeboten für Eltern ausländischer Schüler, zu "Integrationszentren" werden.

          Sutterlüty und Kulenkampff sehen für deutsche Städte derzeit keine Gefahr von Ausschreitungen. Dazu seien die Unterschiede zum Nachbarland zu groß. Trotz "ethnisch geprägter" Stadtteile in Frankfurt und anderswo gebe es keine Vororte wie in Frankreich, so Kulenkampff. Zudem sei die Gruppe der Zuwanderer in Deutschland viel heterogener. Die Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt sei in Frankreich größer, sagt Sutterlüty. Dort genössen Migranten zwar als Staatsbürger Wahlrecht, aber man habe wenig getan, um sie sozial zu integrieren, etwa in den Arbeitsmarkt. Da Zuwanderer allerdings auch in Deutschland zunehmend Schwierigkeiten hätten, Arbeit zu finden, werde die soziale Entwicklung der Stadtteile immer wichtiger.

          Ein Beispiel sei die Nordweststadt in Frankfurt. Dort würden immer mehr Wohnungen frei, weil die Generation der Erstbewohner aussterbe. Ausländer, die preiswerten, familiengerechten Wohnraum suchten, zögen zu. Dieser Prozeß müsse begleitet werden. Sutterlüty warnt von einem "problematischen Trend zur Entmischung" der Bevölkerung in Teilen mancher Kommunen. Dem aber versuchten Lokalpolitiker entgegenzusteuern.

          Auch der Frankfurter Sozialdezernent Franz Frey (SPD) sieht keine Gefährdung. Man dürfe sich aber nicht in Sicherheit wiegen. In Frankfurt gebe es viele Jugendliche, die kaum berufliche Perspektiven hätten. Deswegen sei die von der Stadt geförderte Jugendarbeit unerläßlich. Die Politik müsse deutlich machen, daß sie sozial schwierige Stadtteile nicht vergesse.

          Aus Sicht der Frankfurter Polizei beschränken sich Gewalttaten an sozialen Brennpunkten der Stadt auf Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Personen oder kleineren Gruppen. Immer wieder mal gebe es jugendliche Brandstifter, die Autos und Mülltonnen anzündeten, aber das seien Einzelfälle. "Auswüchse" wie derzeit in Paris - von Massen getragene und gezielte Angriffe gegen die Staatsgewalt - seien in der Mainmetropole nicht vorstellbar, meint Polizeisprecher Jürgen Linker. Ähnlich undramatisch beurteilt der Geschäftsführer des städtischen Präventionsrats, Frank Goldberg, die Situation in Frankfurt. Zwar formierten sich gelegentlich Gruppen krimineller und sozial benachteiligter Jugendlicher, die versuchten, Teile eines Stadtteils zu terrorisieren. Doch sei es dank des Engagements von 14 ehrenamtlichen Präventionsräten in den Stadtteilen und mit Hilfe von Polizei und Sozialarbeitern bisher immer gelungen, eine Eskalation zu verhindern. Voraussetzung sei allerdings, daß eine solche Entwicklung frühzeitig erkannt werde. "Wenn nicht sofort gehandelt wird, ist das nicht mehr in den Griff zu bekommen." (toe./ler.)

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