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Gastronomie in Offenbach : „Einmal gefettet, zweimal gebetet“

Traditionell: Walter und Sabine Klein führen das Apfelweinlokal im Offenbacher Nordend in der fünften Generation. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Anfänge des Offenbacher Lokals „Apfelwein Klein“ gehen auf das Jahr 1882 zurück. Das Besondere ist, dass es eine klassische Gaststätte geblieben ist. Nicht nur das macht es inzwischen ziemlich einmalig.

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          An einen Besuch Tarek Al-Wazirs kann sich Walter Klein nicht erinnern. Der stellvertretende Ministerpräsident Hessens und Spitzenpolitiker der Grünen vergisst dagegen nicht, auf Apfelwein Klein hinzuweisen, wenn er einem die Stadt zeigt, in der er geboren, aufgewachsen und in die Politik eingestiegen ist und in der er heute noch wohnt. Für einen bekennenden Offenbacher wäre es allerdings auch eine heikle Wissenslücke. Denn die Anfänge des Traditionslokals gehen bis auf das Jahr 1882 zurück. Walter Klein führt das Haus an der Bettinastraße zusammen mit seiner Frau Sabine heute in der fünften Generation.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Das Besondere an Apfelwein Klein ist, dass dort noch vieles genau so ist, wie es vor Jahrzehnten eben nicht besonders, sondern ganz normal war für ein Speiselokal. Der Wirt, gelernter Koch, steht selbst in der Küche, der Apfelwein wird selbst gekeltert, im eigenen Keller gelagert und ausschließlich im Lokal ausgeschenkt. Wäre Apfelwein Klein der hastigen Trendhörigkeit der Gastronomie dieser Tage zum Opfer gefallen, würde das Lokal womöglich „Cider Lounge“ oder „Apple Bar“ heißen, wäre schon x-fach umgestaltet worden – und womöglich schon Geschichte.

          Bei Apfelwein Klein ging es aber immer eher ums Erhalten, nicht so sehr ums Verändern. Gut, ein paar große, dekorative Spiegel an den Wänden sind hinzugekommen, und der ein oder andere robuste Wirtshausstuhl wurde aufgearbeitet. Aber der Charakter einer unprätentiösen, gemütlichen Gaststätte für jedermann hat sich augenscheinlich nie verändert.

          Apfelweinpresse aus dem Jahr 1926

          Die sechs bis acht Tonnen Äpfel, die Klein, seine Frau und Freunde in der Saison verarbeiten, reichen, um den Ausschank im Lokal für eine Saison zu sichern. Den Wein in Flaschen abzufüllen und zu vermarkten wäre viel zu aufwendig, wie Klein erläutert, die Menge an Äpfeln zu gering. Viel mehr würde die betagte, über Riemen angetriebene Kelteranlage aber wohl nicht schaffen. Die Apfelweinpresse stammt aus dem Jahr 1926.

          Da eine Neuanschaffung für die vergleichsweise geringe Eigenproduktion nicht mehr rentabel wäre, gibt es bei Kleins eine ganz besondere Faustformel, mit der man sich und vor allem die betagte Anlage auf das Keltern vorbereitet: „Einmal gefettet, zweimal gebetet“, lautet sie. In die mächtigen alten Eichenfässer im Gewölbekeller des Hauses kommt der Apfelwein schon lange nicht mehr. Der lagert vielmehr in modernen Tanks. „Die Vorschriften sind da sehr streng“, sagt Walter Klein. Die Äpfel, die er zu Wein verarbeitet, stammen von Streuobstwiesen aus der Wetterau.

          Mit dem Keller und seinen mächtigen Säulen hat es auch eine besondere Bewandtnis: Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus der Kleins von einer Bombe getroffen und weitgehend zerstört. Nur der Keller mit seinen wuchtigen Säulen hielt stand. Der Not gehorchend, schenkte die Familie von da an eben in diesem Keller aus, bis das Haus darüber wieder aufgebaut war.

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