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Geschäftsmodell Tempokontrolle : Blitzschnell Geld verdienen - oder auch nicht

Bis zu 60 Tage unentgeltlich blitzen

In der Branche gilt German Radar als aggressiver Werber, der gerne mit niedrigen Fallpauschalen und etlichen unentgeltlichen Zusatzleistungen lockt. Tatsächlich wirbt das Haus im Internet unter anderem damit, dass es schon bei Vertragsabschluss über eine einzige Blitzersäule bis zu 60 Tage unentgeltliche Messungen mit einer mobilen Anlage obendrein gibt. Für den Vorstand einer Gemeinde mit siechen Finanzen natürlich eine Verlockung. Sie müsste dann aus rechtlichen Gründen nur jeweils einen Hilfspolizisten dazustellen. Wie sich das alles aber für das Unternehmen rechnet, muss an dieser Stelle offenbleiben, denn von German Radar war innerhalb einer Woche und trotz mehrfacher Anfrage keine Auskunft zu erhalten.

Dass Dienstleister Kunden technische Geräte, Maschinen und dergleichen zur Verfügung stellen, die diese nicht auf einen Schlag finanzieren können oder wollen, ist in praktisch allen Branchen übliche Praxis. Das gilt auch für die Verkehrsüberwachung. Sehr viel zuverlässiger zu kalkulieren sind dabei allerdings die klassischen Miet- oder Leasingmodelle. Ein Fallpauschalenmodell führt fast zwangsläufig zu den Effekten, die sich auch in Schlangenbad und Niddatal eingestellt haben: Mit der Annäherung an das proklamierte Ziel, Raser zu bremsen, sinken logischerweise die Einnahmen. Hat das Unternehmen zu knapp kalkuliert, um die Konkurrenz auszustechen, wird es eng.

80.000 Euro je Säule - oder mehr

Das ist der Grund, weshalb man beispielsweise beim Dienstleister Eberwein & Theis aus Niedernhausen bei Wiesbaden ein klar kalkulierbares Mietmodell mit einer Laufzeit von fünf bis sechs Jahren empfiehlt. Auf diese Weise sei man unabhängig davon, ob viele oder wenige Autofahrer geblitzt würden, sagt Miteigentümer Karl-Heinz Eberwein.

Das Unternehmen bedient die Kunden vor allem mit den Blitzersäulen der Wiesbadener Vitronic GmbH. Die Preisliste für deren Säulen, die inzwischen sogar im Nahen Osten Raser blitzen, beginnt bei 80.000 Euro für Geschwindigkeitsüberwachung in eine Richtung und der notwendigen Schulung für den Kunden. Wenn beide Fahrtrichtungen und vielleicht noch eine Ampel überwacht werden sollen, wird es entsprechend teurer. Vitronic tritt selbst nicht als Dienstleister für den Betrieb auf, bietet Kunden aber Finanzierungs- und Leasingmodelle, wie es bei den Wiesbadenern heißt. Den Betrieb müssen die Kunden selbst organisieren.

Frankfurt rüstet auf

Frankfurt bringt seine Straßen seit 2012 in Sachen stationäre Geschwindigkeitsüberwachung auf den neuesten Stand. Seinerzeit wurde ein Investitionsprogramm bis 2015 mit einem Volumen von fast drei Millionen Euro beschlossen, das 20 neue Geschwindigkeits- und Rotlichtmessstandorte vorsieht sowie die Ertüchtigung von sechs Standorten mit digitaler Technik. Die Mainmetropole geht dabei nicht den Weg über einen Dienstleister. Außerdem halte man sich akribisch an die Vorgaben der Polizeiakademie Hessen, was die Standortauswahl betrifft, sagt Rainer Michaelis, Leiter der Abteilung Straßenverkehrssicherheit beim Straßenverkehrsamt der Stadt. Für ihn steht außer Frage, dass es bei dem Programm um mehr Sicherheit auf den Straße geht, nicht darum, eine weitere städtische Einnahmequelle zu erschließen.

Auch die Landeshauptstadt Wiesbaden hat inzwischen etliche Säulen mit der Technik von Vitronic aufgestellt. Deren Standorte und Leistungsfähigkeit sind allerdings inzwischen auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Wohl auch deshalb stellen die Wiesbadener Überwacher öfter unweit der festen zusätzlich mobile Blitzer auf, gerne kurz vor den Übergängen zu Schnellstraßen und Autobahnzubringern. Erläuterungen zur Praxis bei Tempokontrollen waren von der Stadt trotz mehrmaliger Nachfrage nicht zu erhalten.

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