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OB-Wahl in Wiesbaden : „Die SPD hat im Bund den Klimaschutz unterschätzt“

Gert-Uwe Mende stellt sich mit seinem CDU-Konkurrenten Eberhard Seidensticker in drei Wochen der Stichwahl. Bild: dpa

Nach dem Erfolg im ersten Wahlgang sagt der Sozialdemokrat Gert-Uwe Mende, was seine Partei in Berlin falsch macht – und wie er sich in der Landeshauptstadt das Vertrauen der Bürger erarbeitet.

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          Haben Sie gut geschlafen nach einer langen und aufregenden Wahlnacht?

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Ich habe sehr gut geschlafen. Wir sind sehr erfreut, dass es im bundespolitischen Kontext und trotz der bitteren Niederlage für die SPD bei der Europawahl bei der Oberbürgermeisterwahl in Wiesbaden so gut geklappt hat.

          Die Basis hat Sie gestern Abend im Rathaus so frenetisch gefeiert, als wären Sie schon der neue Wiesbadener Oberbürgermeister.

          Nein, die Basis hat sich sehr mit mir gefreut, dass wir bei einer Wahl unter schwierigen Bedingungen am Ende vorn liegen. Aber es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns, das wissen wir alle.

          Worauf führen Sie das aus Ihrer Sicht bittere Ergebnis für die SPD bei der Europawahl zurück?

          Die SPD hat im Bund die Dynamik beim Thema Klimaschutz unterschätzt. Für mich war das während meiner ganzen Kampagne ein zentraler Punkt, für die Bundes-SPD leider nicht.

          Was machen die Grünen besser als die SPD?

          Ihr Image passt zur gesellschaftlichen Stimmung.

          Welche Schlüsse oder Lehren sollte die SPD daraus ziehen?

          Man muss sich nichts bei anderen abgucken, sondern bei den großen Zukunftsthemen Klimaschutz und Digitalisierung mehr Innovation wagen und Glaubwürdigkeit gewinnen.

          Was ist das Geheimnis Ihres erfolgreichen Direktwahlkampfs?

          Ich habe das intensive Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern gesucht, oft auch ohne Begleitung der Medien. Ich habe mir dabei sehr viel Zeit genommen und intensiv zugehört. Dieser wertschätzende Dialog ist offenbar sehr gut angenommen worden.

          Trotzdem ist es ungewöhnlich, wie weit Sie sich vom Bundestrend Ihrer Partei absetzen konnten.

          Ich habe noch keine Wahlanalysen gesehen. Aber eine Direktwahl ist eine Persönlichkeitswahl, und die hat ihre eigenen Gesetze. Das ist wie bei einem Pokalspiel im Fußball. Es ist mir aber offenbar gelungen, mit meinem Profil zu überzeugen.

          Lässt sich daraus ein Rezept für Bürgermeister-Kandidaten ableiten?

          Nun, die SPD stellt außer in Darmstadt in allen hessischen Großstädten die Oberbürgermeister. Meine Partei hat also schon jetzt ein sehr gutes Gefühl, was einen erfolgreichen Bewerber ausmachen soll. Da muss ich keine Ratschläge erteilen.

          Werden Sie in den nächsten drei Wochen noch neue Themen setzen?

          Meine Agenda steht. Es geht mir vor allem um bezahlbaren Wohnraum, um moderne Mobilität, die zum Umstieg einlädt, um Klimaschutz und um sozialen Zusammenhalt in der Stadt. Das waren und das bleiben die bestimmenden Themen, auch in den nächsten drei Wochen.

          Rechnen Sie damit, dass jetzt mehr Schärfe im Wahlkampf Einzug hält?

          Von meiner Seite aus nicht. Die Bürgerinnen und Bürger haben nach meinem Eindruck den bislang unaufgeregten Wahlkampf ohne scharfe Töne honoriert.

          In welcher Frage sehen Sie die größten Differenzen zu Ihrem Mitbewerber Eberhard Seidensticker von der CDU?

          Er ist in vielen Fragen – vom bezahlbaren Wohnen bis zum Klimaschutz – sehr viel unverbindlicher als ich.

          Und wo liegen die größten Gemeinsamkeiten?

          In der Absicht, einen angemessenen Umgang miteinander zu pflegen.

          Sie haben der begeisterten Parteibasis gesagt, Sie seien zuversichtlich, es „jetzt rocken“ zu können.

          Wenn ich nicht von Anfang an optimistisch gewesen wäre, dann hätte meine Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters keinen Sinn gehabt. Wir haben am Sonntag die Voraussetzungen für einen Sieg geschaffen. Doch es liegt viel Arbeit vor uns.

          Die Fragen stellte Oliver Bock.

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