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Oberbürgermeister in Wiesbaden : Triumph des Staatsmännischen

Wahlkampf ohne Schärfe: Mende im Wiesbadener Rathaus. Bild: Michael Kretzer

Gert-Uwe Mende ist Wiesbadens neuer Oberbürgermeister, obwohl er ein SPD-Mann ist. Er erhielt fast 10.000 Stimmen mehr als seine Partei.

          4 Min.

          Erst zu Tode betrübt, dann himmelhoch jauchzend. Das erste Halbjahr 2019 wird den Wiesbadener Sozialdemokraten als außergewöhnlich aufregende Achterbahnfahrt lange in Erinnerung bleiben. Binnen fünf Monaten verloren sie ihren Hoffnungsträger und gewannen einen Triumphator. Gert-Uwe Mende siegte in der Oberbürgermeisterwahl mit einer Deutlichkeit, die viele Sozialdemokraten nicht einmal dem vor dem Jahreswechsel noch populären Amtsinhaber Sven Gerich zugetraut hätten.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Dabei schien schon alles bereit für die zweite Amtszeit des ersten 44 Jahre alten Gerich. Seit der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende im Jahr 2013 in der Stichwahl völlig überraschend Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) aus dem Amt gedrängt hatte, war Gerich der unumstrittene Liebling der Partei. Nicht nur in Wiesbaden, auch in Hessen und sogar darüber hinaus galt Gerich als Shooting-Star der SPD, dem gelegentlich und gleichsam unter der Hand auch größere Aufgaben zugetraut wurden.

          Die Misere begann, als politische Freundschaften zerbrachen. Gerich opferte den Geschäftsführer der kommunalen Holding, Ralph Schüler, als diesem wegen seiner geschäftlichen Beziehungen mit dem damaligen Vorsitzenden der CDU-Rathausfraktion, Bernhard Lorenz, mögliche Interessenkonflikte vorgeworfen wurden. Die juristischen Auseinandersetzungen über die anschließende Entlassung Schülers sind noch lange nicht beendet. Schüler revanchierte sich für seinen Rauswurf an seinem Duz-Freund Gerich mit einer Selbstanzeige, in der er eine Luxusreise mit Gerich und den jeweiligen Lebenspartnern nach Andalusien offenbarte, die er, Schüler, fast vollständig aus der eigenen Tasche bezahlt haben will. Gerich bestreitet das.

          Ermittlungen gegen Gerich

          Zudem waren zwischenzeitlich Einladungen des Münchner Gastronomie-Unternehmers Roland Kuffler an Gerich zu einem gemeinsamen Urlaub auf dessen Domizil in Südfrankreich und zum Münchner Oktoberfest öffentlich geworden. Schüler kündigte noch weitere Enthüllungen über Zuwendungen von Kuffler an, sollte Gerich nicht in Wiesbaden den Rückzug antreten.

          Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen gegen Gerich wegen des Verdachts der Vorteilsnahme ein. Als Gerich zudem zugeben musste, alle zwei Jahre mit Mainzer Amtskollegen und den beiden Lebenspartnern auf Kosten der Wiesbadener Stadtkasse diniert zu haben, hatte er seiner Partei schon den Verzicht auf eine Kandidatur für die zweite Amtszeit mitgeteilt. An dem Tag, als die Partei Gerich offiziell auf den Kandidatenschild heben wollte, wurde der Paukenschlag öffentlich: Gerich zog zurück.

          Die SPD war geschockt. Und schüttelte sich nur kurz, denn viel Zeit blieb ihr nicht, sich von dem Tiefschlag zu erholen. Zwar erfüllte sich die Hoffnung der sozialdemokratischen Frauen auf eine weibliche Kandidatin nicht, die die zugleich Parteimitglied, in Wiesbaden beheimatet, verwaltungserfahren, vom Willen zum Wahlsieg beseelt und unmittelbar startklar für einen elfwöchigen Wahlkampf war.

          „Gum“ als Retter der Partei

          Doch die Partei fand stattdessen „Gum“. Eine Abkürzung, die für Gert-Uwe Mende steht und die eine gut besuchte Mitgliederversammlung nur 45 Tage nach dem Verzicht von Gerich auf dem Nominierungsparteitag für Mende enthusiastisch und lautstark skandierte: Gum, Gum, Gum

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