https://www.faz.net/-gzg-8egix

Geringe Wahlbeteiligung : „Wir wandern sowieso aus“

In Griesheim: Auf der Suche nach Wählern und Nichtwählern sowie ihren Gründen. Bild: Wolfgang Eilmes

Am Sonntag sind in Frankfurt und andernorts in Hessen weniger Wähler als je zuvor zur Kommunalwahl gegangen. Warum nur? Die Antworten sind so vielsagend wie erstaunlich.

          2 Min.

          Der Nichtwähler ist ein scheuer Typ. Er äußert sich bereitwillig zu seinen Gründen, aber nur selten vor der Kamera und lieber anonym. In Griesheim ist er häufig anzutreffen. In dem Stadtteil ist die Wahlbeteiligung traditionell niedrig. 2011 gingen hier nur 30,3 Prozent der Stimmberechtigten zur Wahl. Weniger waren es nur im Gallus, wo mit 28,5 Prozent die niedrigste Wahlbeteiligung der Stadt gemessen wurde. Für die aktuelle Kommunalwahl will das Amt für Wahlen und Statistik die Werte erst am Mittwoch bekanntgeben. Aber auch am Sonntag sind wieder mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten zu Hause geblieben: Nicht einmal 40 Prozent haben gewählt. Weniger waren es bei einer Kommunalwahl in Frankfurt noch nie.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor dem Bahnhof in Griesheim gibt jeder Zweite zu, dass er nicht wählen war. Zum Beispiel die junge Polin Ewa, die seit zwei Jahren in Frankfurt lebt und als EU-Bürgerin an der Kommunalwahl teilnehmen dürfte. Aber Ewa sagt, sie wisse einfach nicht, ob sie nächstes Jahr nicht schon in den Niederlanden wohnt. Warum soll sie dann noch hier die Politik mitgestalten? „Ich weiß doch nicht, was richtig ist.“

          „Ohne meine Stimme geht es doch auch.“

          Mit kleinen Schritten, leicht vornübergebeugt und die Umhängetasche fest umklammert, steuert eine alte Frau die Bushaltestelle an. „Ich bin 91 Jahre alt, und das Wetter war einfach zu schlecht“, sagt sie und zieht die weiße Wollmütze tiefer in die Stirn. Früher sei sie stets zur Wahl gegangen, meint die alte Frau entschuldigend – und eilt dann zum Bus.

          Eine Frau aus Kroatien, die seit 46 Jahren in Frankfurt lebt und rauchend auf den Bus wartet, klagt über die Größe des Stimmzettels. „Der ist ja höher als ich. Das wirkt kompliziert und hat mich abgeschreckt.“ Ihren Einfluss auf die Politik hält sie ohnehin für gering. „Ohne meine Stimme geht es doch auch.“ An den Wahlen in der kroatischen Heimat, in der sie die ersten zwanzig Jahre ihre Lebens verbracht hat, nimmt sie dank doppelter Staatsbürgerschaft allerdings teil.

          Andere haben schlicht „nicht mitgekriegt“, dass Wahl war. Obwohl der Musterstimmzettel im Briefkasten lag. Und eine Frau, die zur S-Bahn läuft und hastig in die Brezel beißt, meint: „Es gab niemanden, dem ich hundertprozentig mein Ja hätte geben können.“

          „Wer wählen geht, ist unzufrieden.“

          Nur Jekaterina Drumm, die in Lettland geboren wurde, seit 17Jahren in Deutschland lebt und seit zwölf Jahren wahlberechtigt ist, verkündet stolz, dass sie zum ersten Mal überhaupt an einer Wahl teilgenommen habe.

          Jekaterina Drumm hat erstmals abgestimmt.

          Als alleinerziehende Mutter habe sie es schwer und müsse von 900 Euro im Monat leben. Die Flüchtlinge hingegen bekämen „alles umsonst“. „Ich will, dass sich etwas ändert in Deutschland.“ Deshalb hat Drumm die Linke unterstützt.

          Franz Illich hält seinen Einfluss für gering.

          In einem Baumarkt an der Mainzer Landstraße kaufen nicht nur Griesheimer ein. Franz Illich, ein Unternehmer aus Goldstein, meint, er könne auf kommunaler Ebene nichts bewirken. Die Parteien seien sich zu ähnlich. „Ich sehe wenig Unterschiede, ob nun Roth oder Feldmann dran sind.“ Illich bereut jedoch, nicht zur Wahl gegangen zu sein. „Die politischen Ränder dürfen nicht überhandnehmen“, sagt er und macht für das Erstarken der AfD vor allem Horst Seehofer verantwortlich. Ein Unternehmer aus Sachsenhausen, auch ein Nichtwähler, sieht die Sache pragmatisch. „Man lebt doch ganz gut in Deutschland. Wer wählen geht, ist unzufrieden.“

          „Es bringt nichts.“

          Unzufrieden wirkt auch das ältere Paar aus der Innenstadt, das einen mit Styroporplatten beladenen Einkaufswagen aus dem Baumarkt schiebt. Gewählt haben die Spanierin und der Portugiese trotzdem nicht. „Es bringt nichts“, lautet ihre Erklärung. Früher hätten sie die SPD gewählt, aber deren Position zur Flüchtlingskrise können sie nicht teilen. „Wir wollen, dass erst mal den Deutschen geholfen wird. Aber wir wandern sowieso aus nach Malaga.“

          Einer jungen Frau ist es peinlich, nicht gewählt zu haben. „Ich habe es einfach verschwitzt. Das ist schade, denn anderswo dürfen die Menschen nicht wählen.“ Als Xaver Gröscho aus Zeilsheim hört, wie niedrig die Wahlbeteiligung war, klingt der SPD-Wähler ernsthaft besorgt. „Das ist schlimm, man kann doch so viel bewirken.“ Das Ergebnis spiegele die Meinung der Bevölkerung nun doch gar nicht wider. Er findet: „Wer nicht wählt, darf sich auch nicht beschweren.“

          Weitere Themen

          Börsenglocke zum Geburtstag Video-Seite öffnen

          F.A.Z. wird 70 : Börsenglocke zum Geburtstag

          Nein, die F.A.Z. geht nicht an die Börse. Dass Werner D'Inka, seine Mit-Herausgeber und die Geschäftsführer die Eröffnungsglocke auf dem Frankfurter Parkett läuten durften, war ein Geschenk der Deutschen Börse zum 70. Geburtstag.

          Topmeldungen

          Altersvorsorge : Rentenpolitik ohne Kompass

          Die Koalition lobt die Grundrente als einen „sozialpolitischen Meilenstein“. Die Wahrheit ist: Die Grundrente wird weder das Vertrauen in den Generationenvertrag stärken, noch taugt sie als Konzept gegen Altersarmut.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.