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Frankfurt im Wandel : Treffen sich ein Hipster, ein Inder und ein Junkie

Orientalische Düfte: Hashim Bobat bietet in seinem Geschäft „Haris Trading“ viele Produkte aus Indien, Pakistan und Afghanistan an. Bild: Max Kesberger

In der Kaiserpassage im Frankfurter Bahnhofsviertel prallen die Welten indischer Gemüsehändler, junger Künstler und Drogenabhängiger aufeinander. Die Mieter fürchten, dass sie bald ausziehen müssen.

          7 Min.

          Hashim Bobat ist ein Meister in der Kunst, möglichst viele Dinge auf engem Raum unterzubringen. Indische Backwaren, Armreifen, Haarfärbemittel, Kricketschläger, Ventilatoren, Reis, Tee, Rasierer und Klingen, Plakate, Videokassetten und DVDs stapeln sich in seinem kleinen Geschäft in der Kaiserpassage bis unter die Decke. 1983 war der heute 63 Jahre alte Verkäufer der Erste, der ein indisches Geschäft im Durchgang zwischen Kaiser- und Taunusstraße im Bahnhofsviertel eröffnete. „Sonst ist alles neu“, sagt er zu den Läden um ihn herum, „alles kommt und geht.“ Der Kontrast zu dem Geschäft nebenan könnte kaum größer sein: eine Galerie mit dunklem Teppich und nackten weißen Wänden. Zwei weiße Gebilde aus Wachs und ein Baumstamm liegen auf dem Teppich, ansonsten herrscht hier puristische Leere.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Kaiserpassage ist ein kleines Biotop voller solcher Gegensätze. Betritt der Besucher sie von der hektischen Kaiserstraße aus, findet er sich in einer anderen Welt wieder: In der dunklen, seit den siebziger Jahren nicht renovierten Einkaufszeile entdeckt er Gewürze, Obst und Gemüse, die es sonst in Deutschland kaum zu kaufen gibt, etwa Bittergurken oder Okraschoten. Afghanische Lebensmittelgeschäfte und Reisebüros gibt es hier, pakistanische Kleider- und Teppichgeschäfte, kleine Handyreparaturshops, Nagelstudios.

          Ein Viertel im Wandel

          Kommen Besucher hingegen von der Taunusstraße aus in die Passage, treffen sie auf Drogenabhängige, die am Eingang herumlungern. Hier herrscht eher Verwahrlosung als heruntergekommener Charme. Mittendrin: ein Fahrrad- und ein Plattenladen sowie Galerien und der Redaktionsraum einer Kunstzeitschrift. Sie müssen für die Ladenflächen nicht mehr als die Nebenkosten zahlen. Einige der 35 Geschäfte stehen trotz dieses Programms leer, durch verstaubte Fenster schaut man ins Dunkel. Mal wurde ein Besen von den Vormietern stehen gelassen, mal ein Hocker.

          Das Bahnhofsviertel ist im Wandel. Es entwickelt sich vom Bezirk des Drogen- und Rotlichtmilieus zum hippen Ausgehquartier. Restaurants eröffnen, Wohlhabende investieren in Immobilien, die Nähe zu Pornokinos und Bordellen gilt nicht mehr als abschreckend, sondern als wild und sexy. Noch halten viele das für ein Gerücht und meiden die Gegend, vor allem in der Dunkelheit. Doch in Blogs wird das einen knappen Quadratkilometer große Gebiet zwischen Mainufer und Westend, in dem nur 3500 Menschen leben, als dynamisches Zentrum der Frankfurter Kreativszene gefeiert. Selbst das Magazin der Deutschen Bahn widmete dem Wandel im Bahnhofsviertel kürzlich einen Artikel, in dem die Terminusklause, eine alte Eckkneipe an der Moselstraße, zum neuesten Szenetreff erklärt wurde.

          Willkommen in Little Bollywood

          In der Kaiserpassage kann man diese Entwicklung wie unter einer Lupe betrachten. Aus der einst eleganten Passage verschwanden in den achtziger Jahren die Luxusgeschäfte, sie zogen hinaus auf die Kaiserstraße, wo sie sichtbarer waren, wie Stadtführer Sascha Stefan Ruehlow erzählt. Die ersten Bordelle hatten in der Nachbarschaft schon zwanzig Jahre zuvor eröffnet, besucht wurden sie vor allem von den amerikanischen Soldaten, die in der Gutleutkaserne stationiert waren. Die Kaiserpassage sollte dem Rotlichtmilieu den Schick entgegensetzen, der hier zur Gründerzeit geherrscht hatte. Doch die niedrigen Mieten machten die Passage schnell zur Multikulti-Einkaufsmeile: Nach Hashim Bobat kamen zahlreiche weitere Inder. Die damals rund 3000 Inder im Rhein-Main-Gebiet linderten ihr Heimweh mit Gewürzen, Henna und Filmen aus der Heimat.

          Heute leben rund 6000 Inder in der Region, doch in Little Bollywood, wie die Passage von einigen genannt wird, sind sie kaum noch vertreten. Die Ladenzeile hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Noch vor wenigen Jahren dominierten indische Sari-, Gewürz- und DVD-Läden das Bild. Damals rissen sich Inder und Deutsche um Filme von Shah Rukh Khan. „Jetzt ganz wenig“, sagt Hashim Bobat und seufzt. „Gibt es alles im Internet.“ Bei vielen liefen die Geschäfte nach dem Abebben des Bollywood-Hypes und dem Aufkommen von Streamingdiensten so schlecht, dass sie sich etwas Neues suchten oder nach Indien zurückkehrten.

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