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Genossenschaftsbanken : Klassentreffen der Realwirtschaft

Chefsache: Daimler-Vorstand Zetsche erläutert beim Wirtschaftstag den Moderatoren Ferstl und van Kampen (Mitte) das „Zukunftsauto“ Mercedes SLS E-Cell Bild: Fricke, Helmut

Der Mittelstand feiert sich und die soliden Volksbanken in Frankfurt. Die Vertreter der Finanzindustrie sind die anderen. Daimler-Chef Zetsche verbreitet Optimismus, Minister Rösler bleibt blass.

          3 Min.

          Das mit den Frauen ist noch so eine Sache. Unter den 2500 Volksbankern und Mittelständlern, die an diesem Donnerstag zum Wirtschaftstag der Volksbanken und Raiffeisenbanken in die Frankfurter Jahrhunderthalle gekommen sind, finden sich kaum weibliche Gäste. Und als Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, von Moderatorin Carola Ferstl auf das Thema Frauen in Führungspositionen angesprochen wird, spricht er etwas gestelzt von Bewerbern mit weiblichen Genen - und scherzt dann noch zu Ferstl: „Also Menschen Ihrer Sorte.“ Doch er weiß auch, dass jede fünfte Führungskraft bei Daimler künftig eine Frau sein solle.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zetsche beherrscht die große Bühne souverän. Schon sein Auftritt - er fährt im grellgelben Elektro-Sportwagen ein - ist großes Kino. Und das perfekte Marketing für die angebliche Zukunftsfähigkeit der Stuttgarter Autobauer. In seiner Rede sind alle Herausforderungen Chancen. Die neue Wirtschaftsmacht China? „Der neue Absatzmarkt hat sich auch in der letzten Krise als Wachstumsinsel erwiesen.“ Die von deutschen Herstellern lange verschlafene Elektromobilität? „Wir machen E-Mobilität faszinierender.“

          Eine Spitze gegen Rösler

          Leichtfüßig plaudert er noch über Frankfurt und den Taunus, seine Heimat. Erst kürzlich sei er hier gewesen zum 40-Jahre-Abi-Treffen. Im Grunde sei ja so ein Wirtschaftstag der Volksbanken mit all den Mittelständlern im Saal auch ein bisschen wie ein Klassentreffen, sagt der Daimler-Chef: „Nur fragt einen hier niemand, wo die langen Haare geblieben sind.“

          Auch eine Spitze für seinen Nachfolger am Rednerpult, Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hat er parat. Noch unbeliebter als Banker seien ja Autoverkäufer, danach kämen dann noch die Politiker, zählt Zetsche auf - aber die Redner-Reihenfolge Genossenschaftsverbands-Präsident Bockelmann, Zetsche, Rösler sei sicher reiner Zufall.

          Eigentlich sollte ein Wirtschaftstag der Genossenschaftsbanken ein Heimspiel für einen liberalen Wirtschaftsminister sein. Doch gerade nach dem Dynamiker Zetsche gibt Rösler ein erschreckend schwaches Bild ab. Stark ist er nur in Selbstironie. So hat er die Lacher im Saal zwar auf seiner Seite, wenn er sich etwa bedankt, vor 2500 Zuhörern sprechen zu dürfen. So großes Publikum sei in seiner Partei ja inzwischen selten. Aber ernsthafte Ideen, kluge eigene Gedanken sind seiner Rede nicht zu entnehmen. Mit Blick auf die Rohstoffversorgung Deutschlands bemängelt der Vizekanzler allen Ernstes, dass zu Beginn der libyschen Revolution nur 600 Deutsche, aber 20000 Chinesen ausgeflogen werden mussten - was ja offenbar heißen soll, die Deutschen hätten zu wenig Geschäft mit Gaddafi-Libyen gemacht.

          Das ständige Krisen-Hin-und-Her

          Nicht einmal die Steilvorlage des Moderators Udo van Kampen, die Frage, warum man in diesen Tagen noch die FDP wählen sollte, verwandelt der Parteivorsitzende. Rösler freut sich zwar bübisch mit einem „cool“ über die Einladung zum Wahlkampfmachen, nutzt sie aber nicht. Es folgt eine wenig überzeugende Darlegung, dass Freiheit mehr Stabilität biete. Was solle sich die FDP nun auf die Fahne schreiben, da das Schlagwort Steuersenkungen etwas unzeitgemäß scheine, fragt van Kampen weiter. Die Fahne solle zumindest nicht weiß bleiben, sagt Rösler - viel mehr nicht.

          Das Problem hat er wohl erkannt und genannt, dass das ständige Krisen-Hin-und-Her mit den damit einhergehenden Koalitionsstreitereien das Vertrauen in die Politik zerstört habe. Doch mit den Phrasen, die er als seine Idee der künftigen Wirtschafts- und Technologiepolitik aufzählt, wird er dazu wenig beitragen.

          „Krötenwanderung jetzt!“

          Die Zukunftsidee der Volks- und Raiffeisenbanken wirkt da überzeugender. Der Auftritt von Verbandspräsident Michael Bockelmann folgt stringent dem Ziel, die Genossenschaftsbanken als bodenständige Alternative zur großen Finanzwelt aufzustellen. Bodenständiger als mit dem gewählten Bühnendesign kann sich eine Bankenvereinigung nicht zeigen. Hinter den Rednern steht eine Betonwand mit Graffiti, die Videoleinwand ist im Youtube-Stil gehalten. Und zur Eröffnung des Programms tanzt eine Breakdance-Truppe.

          „Willkommen, liebe Realwirtschaft“, ruft Bockelmann zur Begrüßung. Und spricht vielen der anwesenden Mittelständler wahrscheinlich aus dem Herzen, indem er sagt: „Die Weltachse dreht sich nicht um die Finanzindustrie.“ Insofern ist der Wirtschaftstag auch der Versuch des großen Schulterschlusses mit den Unternehmern, den die Genossenschaftsbanken zuletzt auch mit der Occupy-Bewegung gesucht hat. Bei den Demonstranten hat die Verbrüderung offenbar schon gewirkt. Attac hat schon zum Bankenwechsel aufgerufen, unter dem Motto: „Krötenwanderung jetzt!“

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