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Weibliche Genitalverstümmelung : Sie kämpft gegen das Tabu

  • -Aktualisiert am

60 bis 70 Opfer weiblicher Genitalverstümmelung betreut allein Rafatou Tchanilé jährlich in Hessen. Bild: Samira Schulz

Sie ist eine von 200 Millionen Opfern weltweit: Mit neun Jahren wurde Rafatou Tchanilé beschnitten. Heute kämpft sie gegen ein Ritual, von dem auch Mädchen im Rhein-Main-Gebiet bedroht sind.

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          Die Frau spricht schnell und wird laut. Der Tag, der Rafatou Tchanilés Leben veränderte, liegt schon mehr als vier Jahrzehnte zurück. Doch er ist ihr bis heute bildlich präsent. Die Frau aus Togo wurde beschnitten. An den Schmerz kann sie sich immer noch genau erinnern. „Als Kind hat man ein anderes Zeitgefühl als eine Erwachsene“, sagt sie. Es habe etwa ein bis zwei Minuten gedauert, doch sie habe das Gefühl gehabt, es sei viel länger gewesen. „Es war so, als würde ich hören, wie geschnitten wird“, sagt Tchanilé und versucht, das Geräusch nachzuahmen. So habe es für sie geklungen, sagt sie.

          Die heute Einundfünfzigjährige gehört zur Ethnie der Tem, von der die Mehrheit im zentralen Togo lebt. Ihr Vater arbeitete bei der staatlichen Post des westafrikanischen Landes. Die Familie musste alle paar Jahre umziehen, weil der Vater an verschiedenen Orten im Land tätig war. Als Rafatou Tchanilé neun Jahre alt war, wohnte die Familie in Sotoboua in der Mitte des kleinen Landes. Es kamen die Sommerferien. „Wir sind dann im Juni nach Sokodé gefahren“, erinnert sich Tchanilé. Sokodé ist die zweitgrößte Stadt des westafrikanischen Staates. Ihre beiden Schwestern im Alter von 14 und acht Jahren seien auch dabei gewesen. Einen unmittelbaren Anlass habe es nicht gegeben. „Wahrscheinlich war es, weil meine Schwester in die Pubertät kam. Da dachte man wohl, es sei jetzt Zeit.“ Über den Grund des Urlaubs habe ihre Mutter sie im Unklaren gelassen. „Ich wusste gar nicht, warum wir nach Sokodé fahren.“

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