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Genetikerin bekommt Paul-Ehrlich-Preis : Kämpferin gegen Krebs und Verbrechen

Preiswürdig: Mary-Claire King. Bild: dpa

Das Magazin „Glamour“ hat King einst zur „Woman of the Year“ gekürt - der Genetikerin sind aber andere Auszeichnungen wichtiger, etwa der Paul-Ehrlich-Preis.

          Drei Ziele sind es, die Mary-Claire King mit ihrem Wirken verfolgt: die Evolution besser verstehen, die Gesundheit der Frauen fördern und Verletzungen der Menschenrechte sühnen. Dabei bedient sie sich stets des gleichen Hilfsmittels - der Genetik. King, Professorin an der University of Washington in Seattle, hat nachgewiesen, dass bestimmte Formen von Brustkrebs vererbbar sind. Ebenso großes Ansehen wie unter Medizinern genießt die 67Jahre alte Amerikanerin bei den Angehörigen politisch Verfolgter. Als Forensikerin hilft sie, Opfer von Gewalttaten zu identifizieren oder das Schicksal von deren Kindern aufzuklären.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Magazin „Glamour“ hat King einst zur „Woman of the Year“ gekürt, aber wenn man ihren Worten glauben darf, bedeutet ihr diese Ehrung weniger als der Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preis, der ihr gestern in der Paulskirche überreicht wurde. „Es ist nicht wichtig, glamourös zu sein“, findet die Forscherin. Umso mehr weiß sie die Anerkennung schätzen, die ihr durch die Verleihung des mit 100.000 Euro dotierten Medizinpreises zuteil wird.

          Hilfe bei der Suche nach Enkelkindern

          King, inzwischen dreizehnfache Ehrendoktorin, hat Veränderungen an einem Gen untersucht, das sie BRCA1 nannte. Es ist ein sogenanntes Tumorsuppressor-Gen, wie der Frankfurter Universitätspräsident Werner Müller-Esterl in einem Pressegespräch vor der Preisverleihung erläuterte: Ist diese Erbanlage defekt, haben die Betroffenen ein hohes Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Dank Kings Entdeckung lässt sich das genetische Risiko für solche Tumore heute mit Tests ermitteln, was vielen Frauen das Leben rettet. Die Professorin hat noch andere Genmutationen entdeckt, die unter anderem für Taubheit, Schizophrenie und Autismus bedeutsam sind. Und sie wies nach, dass das Erbgut von Mensch und Schimpanse zu 99Prozent identisch ist.

          Von Kings humanitärem Engagement profitieren unter anderen die „Großmütter des Plaza de Mayo“ in Argentinien. Die Wissenschaftlerin unterstützt sie bei der Suche nach ihren Enkelkindern, die zur Zeit der Militärdiktatur den Eltern weggenommen wurden. In solchen Fällen helfen Gentests, die Abstammung zu klären. Der Rat der Forensikerin King ist aber auch beim UN-Kriegsverbrechertribunal gefragt, und an der Identifizierung der 1918 erschossenen Familie des letzten Zaren war sie ebenfalls beteiligt.

          „Wissen, was normal ist“

          Als Segen für die Menschheit werden sich vielleicht auch die Arbeiten von James Poulet erweisen. Zwar ist der 37Jahre alte, am Berliner Max-Delbrück-Centrum tätige Engländer in erster Linie Grundlagenforscher. Seine Studien zur Kopplung von Sinneseindrücken und Bewegungen könnten aber für die Medizin höchst bedeutsam werden, wie der Hirnforscher Wolf Singer erläuterte. Er hielt gestern in der Paulskirche die Laudatio auf Poulet, der den mit 60000Euro ausgestatteten Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Nachwuchspreis erhielt.

          Poulet interessiert sich für Rückkopplungs-Effekte, die zum Beispiel dafür verantwortlich sind, dass Menschen sich nicht selbst kitzeln können und beim Schreien keinen Hörschaden bekommen. Die neuronalen Prinzipien, die dahinter stehen, erforscht er an den Barthaaren von Mäusen. Laut Singer lassen sich mit Poulets Erkenntnissen womöglich auch die Ursachen von Schizophrenie aufklären. Dessen Ansatz sei dabei eher erfolgversprechend als Untersuchungen an Patienten, die bisher wenige Fortschritte gebracht hätten und außerdem ethisch bedenklich seien. Poulet selbst drückt es so aus: „Bevor man weiß, was krankhaft ist, muss man wissen, was normal ist.“

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