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Gesangsfestival : Viele Chöre, große Klänge

  • -Aktualisiert am

Nächster Halt Marienkirche: die Sänger von Belcanto beim Chorfestival Bild: Rainer Wohlfahrt

Eigentlich ist es bei Konzerten eine gute Angewohnheit, möglichst still zu sitzen. In Gelnhausen aber sollte das Publikum besser gut zu Fuß sein. Doch der zusätzliche Gang lohnt sich.

          Aus der ehemaligen Synagoge in Gelnhausen klingt leise Gesang. Im Innenraum mit einem großen Kronleuchter in der Mitte singt der Frauenchor Eintracht Rothenbergen. Nach einer halben Stunde tritt er ab, der gemischte Chor GV Meerholz beginnt mit seinem Programm. Ein paar Zuhörer huschen in die Synagoge, einige verlassen sie und laufen die Petersiliengasse hoch Richtung Obermarkt. Dort tummeln sich einige Herren mit roter Fliege und grauem Sakko der Sängerlust Oberndorf vor der kleinen und schlichten Kirche St. Peter, während der Chor Querbeet Jossgrund die Bühne betritt. Bei dem Lied Baba Yetu, einem Vaterunser auf Swahili, begeistert Renate Röder mit ihrem Tenor-Solo das Publikum. Eigentlich Altistin, singt sie in der hohen Männerstimme – dort fehlen Sänger. Gegen 20 Uhr wird eine Pause angekündigt, es kommt Leben in die Stadt. Inzwischen ist es dunkel, und die mittelalterlichen Fachwerkhäuser der Barbarossastadt Gelnhausen leuchten im sanften Orange der Straßenlaternen.

          Durch die früher einmal engste Stelle der Handelsstraße von Leipzig nach Frankfurt am Main, ein schmales Gässchen in der Altstadt, laufen Besucher zur Marienkirche, die, von Scheinwerfern angeleuchtet, über dem Städtchen thront. Ihnen kommen Chormitglieder entgegen, welche die kurze Pause für einen Schoppen im Museumshof nutzen, in dem an drei Ständen Getränke und Würstchen verkauft werden. Eine halbe Stunde später beginnt der Männerchor Somborn ein zweites Mal mit seinem Repertoire aus A-cappella-Stücken in der Marienkirche. Besonders die sakralen Stücke sorgen in dem alten Sandsteingemäuer mit den gotischen Bögen und dem eindrucksvollen Altarraum für eine besondere Atmosphäre. Im Anschluss hören die Besucher Belcanto Linsengericht. Auch in dessen bunt gemischtem Programm findet sich das Stück Baba Yetu, und bei Belcanto übernimmt den Solopart mit Klaus Ries auch tatsächlich ein Mann. Nach dem traditionellen Blessing of Aaron zum Ende des Belcanto-Konzerts strömen Besucher und Chormitglieder in den Museumshof, wo im Schein des Beinahe-Vollmondes gemeinsam das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ angestimmt wird und somit zumindest das offizielle Programm der Nacht der Chöre beendet ist.

          „Die Jugend singt wieder“

          „Dieser Abend war ein aufleuchtender Moment für die ganze Region, ja, für die ganze Chorszene“, meint Klaus Ritter. Er ist Ehrenvorsitzender des Chorverbands Main-Kinzig, der mit Unterstützung des Main-Kinzig-Kreises und der Stadt Gelnhausen das inzwischen dritte Chorfestival dieser Art veranstaltet hat. Das ganze Wochenende über trafen sich Musikliebhaber in der Stadt und lauschten den verschiedenen Programmpunkten. Mit dem Konzert „Kleine Chöre – große Klänge“, das am Freitagabend stattgefunden hatte, wolle der Chorverband kleinen Chören die Chance geben, vor einem größeren Publikum aufzutreten, erläutert Ritter. Im Chorverband Main-Kinzig sind Chöre aus dem ganzen Main-Kinzig-Kreis vereint. Alles in allem gehören 67 Vereine und somit 144 Chorgruppen dem Chorverband an. Mit einer Chormatinee am Sonntagmorgen und dem Musical „Götterolympiade“ zweier Kinderchöre aus Horbach und Langenselbold fand das Festival seinen Abschluss. Die Kinder dürften bei solch einer Veranstaltung nicht fehlen, meint Ritter.

          Der Leiter Belcantos, Musikdirektor Gerd Zellmann, ist Musiklehrer an der Kopernikusschule Freigericht, von wo aus er regelmäßig junge Sängerinnen und Sänger für seinen Chor anwirbt und es so schafft, das Durchschnittsalter des Chores vergleichsweise niedrig zu halten. „Die Jugend singt wieder“, sagt er zuversichtlich. Probleme nehme er nur bei dem Nachwuchs für Männerchöre und den Stammzuschauern wahr. Momentan würden Konzerte noch gut besucht, aber ob die jüngere Generation ebenso aus Verbundenheit regelmäßig zu den Auftritten ansässiger Chöre käme, bleibe abzuwarten. „Früher war das einfacher, man war im Ort, und man blieb im Ort“, bestätigt der Schriftführer des Männerchores Sängerlust Oberndorf.

          Früher habe es zudem mehr Treffen zwischen Chören gegeben, meint Zellmann. Gerade deshalb sei die Nacht der Chöre so ein schönes Erlebnis, da man dort wieder mal zusammentreffe. Auf die Frage, was Chormusik für sie bedeute, antworteten die meisten Teilnehmer an diesem Abend ähnlich: Die Gemeinschaft im Chor, die geteilte Liebe zur Musik und die Freude am gemeinsamen Singen sind die Gründe dafür, dass keiner von ihnen den Chor missen wolle.

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