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Corona-Krise : Ein Dokument unserer Zeit

Shutdown mit guten Wünschen: Zwei Monate lang bis Mitte Mai war das Gelnhäuser Kino geschlossen. Bild: Stadt Gelnhausen

Die Stadt Gelnhausen beteiligt sich an der Plattform „coronarchiv“, auf der Bürger ihre Erfahrungen mit der Pandemie einstellen können.

          3 Min.

          Erst einmal wird nur gesammelt, denn das ist ja die Hauptaufgabe eines Archivs.“ Die Rede ist vom „coronarchiv“, in das die Gelnhäuser seit Donnerstag ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Leben in Corona-Zeiten online einstellen können. Wie eine spätere Auswertung der Text- und Bildbeiträge aussehen kann, steht nach den Worten von Projektleiterin Anette Vinnen, Kulturwissenschaftlerin und Stadtarchivarin von Gelnhausen, noch nicht fest. Jetzt geht es nach ihren Worten darum, so viele persönliche Beiträge wie möglich für die Nachwelt festzuhalten.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Derzeit finde ein weltweiter Umbruch des menschlichen Lebens und der Zivilisation statt. Die Situation sei einzigartig, deshalb gelte es, ihre Facetten zu bewahren. Anders als in früheren Jahren, als sich die Welt grundlegend veränderte, verfüge die Menschheit mit dem Internet heute über die technischen Mittel, den Wandel ausgiebig aus der Sicht derjenigen zu dokumentieren, die ihn unmittelbar in ihrem Alltag erlebten – auf lokaler Ebene. Festgehalten werden sollen daher weniger dramatische Krankheitsgeschichten, sondern vielmehr die Auswirkungen, Erlebnisse und Gedanken der Menschen, die mit der Corona-Krise zusammenhängen.

          Die Beiträge können nur aus Text bestehen oder illustriert mit Fotoaufnahmen sein, die auch allein stehen können. Vinnen, die das Projekt in Gelnhausen betreut, ist seit Wochen in der Stadt auf der Suche nach Corona-Motiven unterwegs. Die Fotoaufnahmen von Verbots- und Hinweisschildern, Absperrbändern oder Maskenträgern sollen nach und nach Eingang in die Plattform finden. Gefüllt werden soll diese aber vor allem von den Bürgern. Vieles, was diesen heute im aktuellen Erleben als banal, unwichtig oder unspektakulär erscheine, gewinne in der Zukunft an Bedeutung und stelle einen Mosaikstein dar, um später ein authentisches und atmosphärisches Bild von den Anfängen und dem weiteren Verlauf der Pandemie in den jeweiligen Städten und Regionen zusammensetzen zu können.

          „Wir werden durch verschiedene Phasen der Pandemie gehen und neue Wege finden, mit dem Virus umzugehen. Wie dann in Gelnhausen von der Corona-Krise gesprochen und wie über sie gedacht wird, hängt davon ab, welche Zeitzeugnisse vorhanden sind“, sagt die Projektleiterin.

          Ergebnisse für alle einsehbar

          Sie fragt die Bürger beispielsweise, wie die Pandemie ihr Leben verändert hat, welche Herausforderungen sich bei der Ausübung von Sport, dem Glauben, dem Schul- und Berufsalltag oder dem Umgang mit Familienmitgliedern und Freunden gestellt haben. Die Ergebnisse sollen nicht nur der Betrachtung in der Zukunft dienen. Sie sind für alle einsehbar und sollen daher auch eine berührende Lektüre sowie Vergleichsmöglichkeiten mit dem aktuellen eigenen Erleben bieten.

          Das Gelnhäuser Corona-Archiv ist angedockt an ein überregionales Projekt, das Kulturwissenschaftler der Universitäten Hamburg, Bochum und Gießen im März eingerichtet haben. Dort kann jeder seine Corona-Erfahrungen einstellen. Das Motto lautet: „Sharing is caring – become a part of history!“ (Teilen ist Fürsorge, werde ein Teil der Geschichte). Es gibt schon eine Vielzahl von Einträgen. Einer zeigt einen gemalten Eisvogel. Der Text dazu lautet: „Das Bild mit dem Eisvogel, im Hintergrund der Mount Everest, habe ich gerade fertig gemalt. Es ist eine Erinnerung an eine Reise nach Nepal. Warum habe ich es erst jetzt gemalt, habe ich mich gefragt. Es ist die Empfindung der Einsamkeit und Isolation angesichts der massiven Herausforderung durch Corona, aber dennoch zeigt es Zuversicht und Neugierde, wenn die ,Eiszeit‘ vorbei ist und was dann anders sein wird.“

          Mut macht auch der Vater, der für den Kindergarten seines Nachwuchses eine überdimensionale Corona-Hand mit sehr langem Arm gebastelt hat. „Damit können wir uns wieder die Hand geben, auf die Schulter klopfen oder uns umarmen“, schreibt er zu dem Foto.

          Strenge Datenschutzauflagen

          Mit Gelnhausen sind es fünf Kommunen, die sich beteiligen. Dabei bildet das Rhein-Main-Gebiet einen Schwerpunkt, denn auch Hanau und Darmstadt machen mit. Der Vorteil der lokalen Beteiligung liegt nach den Worten Vinnens darin, dass Erfahrungsberichte und Fotos aus regionaler Sicht direkt Bestandteil des jeweiligen Stadtarchivs werden. Die Universitäten unterstützen ihre Partner unter anderem mit der Bereitstellung von fachkundigen Moderatoren, welche die Beiträge auf ihre Eignung hin prüfen. Gibt es unpassende Einträge oder solche mit rassistischen oder hetzerischen Untertönen, werden die Einsender per E-Mail darüber informiert, dass der Beitrag nicht ins Netz gestellt werden kann. Streng geachtet wird laut Vinnen auch auf den Datenschutz: So dürfen keine erkennbaren Personen ohne deren Zustimmung auf den Fotos zu erkennen sein. Auch wird die Identität der Beiträger nicht öffentlich bekannt.

          Zusätzlich zur Archivierung der Texte und Fotos sammelt das Stadtarchiv Gelnhausen Erinnerungsstücke und Dokumente zum Thema Corona. Sie können nach Absprache beim Stadtarchiv abgegeben werden.

          Für Bürgermeister Daniel Glöckner (FDP) beginnt mit der Teilnahme an dem Projekt ein neues digitales Zeitalter in der Geschichtsschreibung der Stadt. Deshalb ist die Seite auch auf der Homepage der Stadt zu finden (www.gelnhausen.de/coronarchiv). Möglich ist ein Zugang zudem über www.coronarchiv.de sowie über Facebook (facebook.com/coronarchiv), Twitter (@coronarchiv), Instagram (@coronarchiv) und Tiktok (@coronarchiv). Das Gelnhäuser Stadtarchiv ist zu erreichen über Anette Vinnen, Stadtschreiberei 3, 63571 Gelnhausen, Telefon 0 60 51 / 830 306, E-Mail archiv@gelnhausen.de.

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