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Geistliche Betreuung : Mit dem Heiligen Geist durchs Bahnhofsviertel

  • -Aktualisiert am

Berührend: Alice Van Menxel sucht den Körperkontakt zu ihren Gesprächspartnern. Für sie ist das Teil der Mission. Bild: Kretzer, Michael

Die Löwe-von-Juda-Gemeinde kümmert sich um Obdachlose und Prostituierte aus der Gegend um die Kaiserstraße. „Gott hat hier einen Plan mit uns“, sagt die Pastorin.

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          „Genesis 1:8: And there was evening and there was morning, a second day.“ Der Vers aus der biblischen Schöpfungsgeschichte flimmert auf dem Computerbildschirm vor Alice Van Menxel. Von draußen dringen Schreie durch das angelehnte Bürofenster. „Die sind wie Tiere“, sagt die zierliche Frau mit dem pechschwarzen Pagenschnitt und seufzt. „Gegen Monatsende, wenn ihr Geld für Drogen knapp wird, werden sie aggressiver, schlagen sich vor unserer Haustür.“ Van Menxel ist Pastorin der Löwe-von-Juda-Gemeinde, einer evangelikalen Freikirche im Bahnhofsviertel. Die Gemeinderäume liegen an der Niddastraße oberhalb eines Druckraums, eines Treffpunkts für Abhängige, in dem sie sich unter Aufsicht mit sauberen Spritzen Drogen verabreichen können.

          Van Menxel ist überzeugt davon, dass die Geschichte ihrer Gemeinde „unter der Leitung des Heiligen Geistes steht“. Am deutlichsten wird das in den Gottesdiensten, die sie feiert. Dort wird gesungen, geklatscht, gejubelt und getanzt, manchmal auch geweint. Die Betenden heben die Hände in die Luft oder knien auf dem Boden, wie es aus anderen evangelikalen Gemeinden bekannt ist, deren Mitglieder sich im direkten Kontakt mit dem Heiligen Geist glauben. Manche beginnen im Gebet krampfartig zu zucken, andere fallen wie leblos zu Boden. „Unsere Gemeinde ist aber keine Sekte, nur eben lebendiger als traditionelle Gemeinden“, sagt die Pastorin.

          An Heiligabend geboren

          In offiziellen Anträgen an die Stadt spielt das freilich keine Rolle. In ihnen hebt Van Menxel die Sozialarbeit der 100Mitglieder zählenden Gemeinde hervor: ein Café für Bedürftige an vier Tagen in der Woche, die samstägliche Essensausgabe samt Kleiderspenden am Kaisersack und ein Brunch für Prostituierte einmal im Monat. Die Pastorin hat keinen Zweifel an ihrem Auftrag. Nicht nach all dem, was sie erlebt hat.

          Alice Van Menxel wurde an Heiligabend 1945 in Belgien geboren. Ihre Jugend verbrachte sie in der Hamburger Künstlerszene der sechziger und siebziger Jahre. Eine Zeit der wilden Partys, der freien Liebe und politischen Umwälzungen. Viele junge Menschen waren auf der Suche. Auch Alice Van Menxel. Nach einer gescheiterten Beziehung, Alkoholexzessen und der ständigen Frage nach dem Sinn des Lebens erlebte sie im Alter von 28Jahren, was sie heute als „Wiedergeburt“ beschreibt: der Moment, in dem ihr Jesus begegnet sei, der Moment, der ihrem Leben eine Richtung gegeben habe.

          Widrige Umstände

          Von nun an entsagte Van Menxel „Bier und Babypille“ und begann, die Umkehr zum Glauben zu predigen. Zuerst auf einer Kiste am Hamburger Hauptbahnhof, von 1991 an als „Evangelistin“ für die christlich-missionarische Organisation „Jugend mit einer Mission“ im Frankfurter Bahnhofsviertel. Am Hauptbahnhof8, zwischen den Prostituierten im Obergeschoss und den Drogenabhängigen im Untergeschoss, legte sie den Grundstein für die Löwe-von-Juda-Gemeinde: einen wöchentlichen Gebetskreis für Junkies und Obdachlose in ihrem Wohnzimmer. Sie empfing Prostituierte zu Apfelkuchen mit Schlagsahne, betete für die „verlorenen Schafe“ und schleppte Thermoskannen mit heißem Kaffee zum Autostrich an die Weser- und die Elbestraße. Die Vermieterin, die Frau eines mutmaßlichen Kriminellen mit Waffenarsenal und Kampfhund, duldete die „Betschwester“.

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