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Archäologischer Fund : Goldkreuz und Bärenklauen für die letzte Reise

Geheimnisvoll: Das Kindergrab unter der Bartholomäuskirche in Frankfurt (Archivbild) Bild: Michael Jung

Zwei Kinder sind um 700 unter dem heutigen Dom beigesetzt worden. Ihr Grab birgt viele Geheimnisse. Nun sind einige Rätsel um Frankfurts bedeutendsten archäologischen Fund gelöst worden.

          Als Frankfurt 1994 mit Glanz und Hochseillauf seinen 1200. Gründungstag feierte, wussten Eingeweihte, dass das Datum falsch gewählt war. 794 war Frankfurt zwar zum ersten Mal schriftlich erwähnt worden - im Zusammenhang mit der von Karl dem Großen dort einberufenen Synode wichtiger Kirchenvertreter des Fränkischen Reichs. Doch der Ursprung von Franconofurd reicht viel weiter zurück. Wie weit, erläutert ein von Egon Wamers, dem Direktor des Archäologischen Museums, jetzt herausgegebener Band über das Grab unter dem Frankfurter Dom.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Entdeckt hat diese Grabstätte bei Ausgrabungsarbeiten 1992 Andrea Hampel, die heutige Leiterin des Denkmalamtes. Ein Mädchen war um das Jahr 700 auf dem späteren Domhügel beerdigt worden, offensichtlich ein Kind aus vornehmer Familie, denn seinem Leichnam war reicher Schmuck mitgegeben worden: ein Paar Bommel-Ohrringe aus Gold etwa, drei filigran verzierte goldene Fingerringe, ein Pektorale, also eine Brustkette, gefertigt aus Glas- und Goldperlen sowie kunstvoll gearbeiteten Anhängern ebenfalls aus Gold.

          Erste Frankfurterin

          Auf dieses Mädchen haben die Archäologen anfangs ihre Hauptaufmerksamkeit gerichtet. Wer war es? Woran ist es gestorben? Warum wurde es an prominenter Stelle auf dem späteren Domhügel beigesetzt? Es sei die Tochter eines Königs gewesen, wurde vermutet. Manche glaubten, die Tote sei noch mehr als ein Jahrhundert später als Heilige verehrt worden, weil die 855 von König Ludwig dem Deutschen errichtete Pfalzbasilika exakt mit ihrer Mittellinie über dem Grab positioniert war. Da das Skelett dieses namenlosen Mädchens das erste Relikt eines Menschen vom einstigen fränkisch-merowingischen Königshof (Villa) Franconofurd - Furt der Franken war, kann man von dem Kind durchaus als der ersten Frankfurterin sprechen.

          Weil alle auf das Mädchenskelett und den beigegebenen kostbaren Schmuck blickten, schenkten die Forscher anfangs der rundlichen Ansammlung von verbrannten Knochen neben der rechten Hand des Mädchens nur wenig Aufmerksamkeit. Es handelte sich, wie man inzwischen weiß, um die Überreste eines zweiten Kindes, das, auf einem Bärenfell liegend, verbrannt worden war. Im Leichenbrand entdeckten die Archäologen neben den kremierten menschlichen Knochen auch die verbrannten Krallen eines Braunbären. Wie das Mädchen aus dem Grab war dieses Kind, wie jetzt Untersuchungen ergeben haben, ebenfalls vier Jahre alt. Sein Geschlecht war aber aus den spärlichen Resten nicht zu ermitteln.

          Jahrzehntelange Verehrung

          Mehr als 20 Jahre lang haben Forscher verschiedenster Fachrichtungen die Relikte aus dem Kinder-Doppelgrab unter der Frankfurter Bartholomäuskirche, wie der Dom eigentlich heißt, nach allen Regeln der Kunst untersucht. Die Wissenschaftler haben die menschlichen Überreste anthropologisch begutachtet und eine Isotopenanalyse vorgenommen. Sie haben die Gefäße studiert, in denen Speisen für die Reise ins Jenseits mitgegeben worden waren, haben den Schmuck mit Röntgenfluoreszenz analysiert sowie die Reste der Kleider und das Grabtuch unter die Lupe genommen.

          Die Ergebnisse eröffnen nach Angaben von Museumsleiter Wamers, der alle Forschungsresultate in den Band mit dem Titel „Franconofurd 2“ gepackt hat, eine völlig neue Sicht auf den wohl spektakulärsten archäologischen Grabfund Frankfurts. Das einzigartige bi-rituelle Kindergrab ist jetzt zu einem Gutteil entschlüsselt.

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