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Kampf gegen Übergewicht : „Für mich gab’s kein Satt“

  • -Aktualisiert am

Eintritt ins neue Leben: Im Krankenhaus Sachsenhausen hat sich Madelaine Geibel den Magen verkleinern lassen. Bild: Frank Röth

Madelaine Geibel war schon als Kind stark übergewichtig. Mit 16 wog sie 100 Kilo. Dann wurde es schlimmer. Irgendwann kam sie an einen Punkt, an dem es nicht mehr ging.

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          Noch schleppt Madelaine Geibel 129 Kilogramm Körpergewicht mit sich herum. Wie mühsam das ist, lässt sich an ihrer Art, zu gehen, erkennen. Die Treppe in den ersten Stock des Krankenhauses Sachsenhausen, in dem sie an diesem Morgen den ersten Nachsorgetermin nach ihrer Magenverkleinerung hat, steigt sie zwar gemächlich, mittlerweile aber ohne immense Schwierigkeiten hinauf. Vor zwei Monaten war das anders: Damals brachte die erst 24 Jahre alte Adipositas-Patientin 146 Kilogramm auf die Waage. Zu den Vorgesprächen sei sie die Treppe kaum hinaufgekommen, erinnert sich Geibel. Weil sie aber nicht wollte, dass die Leute sie für zu faul zum Laufen hielten, traute sie sich nicht, den Aufzug zu nehmen. Im ersten Stock angekommen, konnte sie zunächst überhaupt nicht sprechen, so sehr war sie aus der Puste. „Ich hätte erst mal ein Sauerstoffzelt gebraucht“, scherzt sie.

          Im Adipositas-Zentrum des Krankenhauses ist alles darauf ausgelegt, dass die stark übergewichtigen Patienten gut zurechtkommen: Die Türen haben eine auffällige Überbreite, genauso wie die Stühle im Wartezimmer und auch die viereckige Toilette. Geibel sagt: „Die ist so breit, dass sogar ich gedacht habe, ich falle da gleich rein.“

          Schon Cafébesuch war angstbesetzt

          Ihr Übergewicht ist für sie kein Tabuthema. Dass sie wegen ihres offenen und humorvollen Umgangs mit den vielen Pfunden recht selbstbewusst wirkt, hört sie öfter. Sie vermittele immer den Eindruck, als sei alles gut, in Wirklichkeit aber plagten sie ständig Selbstzweifel, sagt sie. Selbst unter Freunden fühle sie sich immer als schwächstes Glied: Während die anderen sich schön anzögen und hübsch machten, habe sie den Eindruck, sie könne gar nicht gut aussehen. Mit ihrem Gewicht sei sie eben „jenseits von Gut und Böse“.

          Schon mit 16 hat sich Madelaine Geibel für ihre damals rund 100 Kilogramm Körpergewicht geschämt. Weil sie zu dieser Zeit regelmäßig Fußball spielte, sei sie jedoch nur kräftig und außerdem topfit gewesen. Inzwischen wünscht sie sich, wieder so auszusehen. Erst während des Abiturs, als sie für Fußball keine Zeit mehr hatte, wurde sie richtig dick. Auf dem Tiefpunkt wog Geibel 146 Kilogramm und hatte einen Körpermasse-Index (BMI) von 50. Als übergewichtig gelten schon Personen mit einem BMI von 26 oder 27. Das Normalgewicht läge für Geibel bei 65 bis 70 Kilogramm, also etwa bei der Hälfte ihres jetzigen Gewichts. In der Adipositas-Sprechstunde seien ihr allerdings „noch ganz andere Kaliber“ begegnet: Patienten, die 200 Kilogramm wogen.

          So dramatisch war es bei Geibel nie. Von einem gewissen Punkt an hätten sich aber dennoch alle Gedanken nur noch um das Dicksein gedreht. Mit 130 oder 140 Kilogramm gehe gar nichts mehr: Achterbahnfahren, eine Segway-Tour machen, in den Kletterpark gehen - und auch mit Jungs sei es natürlich schwierig. Vor Ausflügen mit den Kollegen habe sie sich gefragt, wer denn überhaupt noch mit ihr in ein Kanu steigen wolle, und auch der Café-Besuch am Wochenende war schon vorher angstbesetzt. Würden die Stühle Armlehnen haben? Würde sie dazwischen passen?

          „Ab und dann wieder auf, auf, auf“

          Am Ende wollte Geibel überhaupt nicht mehr ausgehen, nicht einmal zur Eintracht, für deren Heimspiele sie eine Dauerkarte hat. Es sei ihr einfach unangenehm gewesen, im Stehblock zwei Plätze einzunehmen. „Man isoliert sich langsam, so war es zum Schluss.“

          Diäten konnten daran nichts ändern. Ihr ganzes Leben lang habe sie es immer wieder versucht: Weight-Watchers, Aqua-Jogging, Wirbelsäulengymnastik, Ernährungstagebücher, die ganze Jugend lang irgendwelche Drinks und Shakes. Schon im Alter von zehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus in Steinau an der Straße, um eine Kur in der Spessartklinik im Nachbarort zu machen. Drei Wochen lang habe sie dort mit der „30-Gramm-Fett-Methode“ und viel Bewegung abgenommen. Das habe ihr Spaß gemacht. Nach dem Ende der Kur allerdings nahm sie die Pfunde, die sie sich mühsam wegtrainiert hatte, doppelt wieder zu.

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