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Gefahrgutdeponie in Osthessen : Gift für den Berg

  • -Aktualisiert am

Unter Verschluss: Hinter den Stahltoren im Bergwerk in Heringen lagert tonnenweise Giftmüll. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Unter der Erde in Osthessen liegt die weltweit größte Gefahrgutdeponie. Weil die Menschen gut mit ihr leben, gibt es kaum Proteste. Und doch steht immer die Frage im Raum: Ist alles sicher?

          5 Min.

          Der Himmel wirkt schief. Bis das giftige Paket ganz im Aufzug steckt, Metallkäfig und Horizont für die Männer wieder gerade rücken. Auf der einen Seite des Eisengitters stehen sie, Typen mit großen Händen, auf der anderen Seite der gefährliche Müll aus der Schweiz. Sie werden nach knapp acht Stunden wieder nach oben fahren, die Sonne sehen, das Gift aber wird unten bleiben, möglichst für Jahrhunderttausende.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Die Sirene schrillt. Erst fährt der Müll in die Tiefe. Dann steigen die Männer ein und grüßen „Glück auf“. 30 Sekunden dauert ihre Fahrt. An einem halben Dutzend Stahlseile ruckeln sie zum Grund. Ihre Stirnlampen werfen Schatten auf die weiße Grubenwand, an der eine Bergmanngeneration vor ihnen noch Salz aus dem Schacht geschlagen hat. Weißes Gold, das sie dem Berg genommen haben. Die Männer heute bringen einen Teil davon zurück, aber es ist ein giftiges Geschenk. In unzählige Schichten Kunststoff eingepackt und ohne Schleife. Ein Präsent, das niemand will.

          Salz - ein besonderer Stoff

          Erst nehmen die Menschen das Gute, das Salz, dann geben sie das Schlechte, das Gift, zurück. Das ist der Kreislauf im Bergwerk Herfa-Neurode. Das Unternehmen K+S, vormals Kali und Salz, baut dort schon seit Jahrzehnten ab und wird es auch noch eine Weile tun. Denn der Berg gibt viel. Die Salzschichten sind viele Meter dick, und die Menschen wollen immer mehr von dem Stoff, zum Düngen, Essen, Heilen. Manchmal bleibt nach der Verwertung aber ein giftiger Rest. Etwa bei der Produktion von Stahl oder Beton.

          Wegbereiter: Die Bergleute haben Stollen in die Salzflöze getrieben.
          Wegbereiter: Die Bergleute haben Stollen in die Salzflöze getrieben. : Bild: Wohlfahrt, Rainer

          Wohin damit, fragte der Chemiekonzern BASF schon Ende der sechziger Jahre, als ihm Kali und Salz noch gehörte, und fand, die abgebauten Stollen des Kaliwerks Werra, unter der hessischen Grenze im Nordosten gelegen, böten sich dazu an. Denn oberhalb und unterhalb der 300 Meter dicken Salzflöze liegen noch eine beträchtliche Schicht Ton und ein halber Kilometer Buntsandstein. Undurchdringlich für Wasser und Gas und geschützt vor nahezu allem, was oben auf der Welt passieren könnte.

          Außerdem ist Salz ein besonderer Stoff. Nur aus dem Berg geschlagen ist es spröde, eigentlich fließt es wie Zahnpasta, klebrig und träge. Es ist langsam, aber zäh. In vielen Jahren wird es sich um die eingelagerten Fässer und Pakete mit dem Gift gelegt haben und sie für immer einschließen, so planen sie es bei K+S. Das Unternehmen gab bei seinem Antrag zur Gründung der Anlage den Behörden eine Garantie von 10 000 Jahren. So entstand 1972 die Untertagedeponie. Als erste weltweit - und bislang größte.

          Radioaktive Stoffe nicht eingelagert

          Die Männer, die dort arbeiten, haben Respekt vor dem Berg. Wenn sie von ihm nehmen, aber auch, wenn sie ihm wieder etwas geben. Die Kumpel in Herfa-Neurode sind keine graugerußten Kerle, wie sie der Kohlebergbau färbt. Hier sind die Männer weiß und sauber, und auf ihren Zungen schmecken sie die Zukunft, denn mindestens 20 Jahre bleiben sie noch hier und füllen den Schacht nach und nach wieder auf. Auf ihren Overalls und Wangen glitzert fein das Salz aus tausend Jahren.

          Beispiel: Eine Probe des Giftmülls.
          Beispiel: Eine Probe des Giftmülls. : Bild: Wohlfahrt, Rainer

          Der Gabelstaplerfahrer kennt jeden Griff. Hunderte Male macht er sie am Tag, hebt mit der Gabel das Big-Bag genannte Paket aus dem Aufzug und hievt es auf einen der Transporter neben ihm. Auf die weiße Plastikfolie sind nur ein paar Buchstaben und Zahlen gedruckt, UMH-B-001. Den Männern sagen sie alles, dem Laien nichts. Giftiger Restmüll aus Winterthur, erklären sie. Bevor sie den tief im ehemaligen Bergwerk verstauen dürfen, wird er über Tage gründlich untersucht. Es muss drin sein, was draufsteht. Vor allem nichts Radioaktives und Explosives. Ansonsten wird alles eingelagert: Asbest, Phenol, Cadmium. Die Menge Arsen, die schon unter Tage lagert, reicht, um die Menschheit zu vernichten. Ein Mitarbeiter nimmt eine Probe, die ist bei jeder Lieferung vorgeschrieben. Sie landet später im Probenraum unter Tage, auch der gefährlich wie eine Höhle voll giftiger Schlangen.

          Theoretisch. Denn natürlich kommt es immer auf die Dosis an. Das sagen die Männer oben wie unten. Und erhoffen sich doch die Hilfe der Heiligen Barbara, der Beschützerin der Bergleute. Aus ihrem gläsernen Schrein blickt sie auf die vorbeifahrenden Transporter und wünscht stumm gute Fahrt.

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