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Gefängnisseelsorge : Glaubenslehre hinter Gittern

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Ort für Spiritualität: Imam Husamuddin Meyer im Hof der Wiesbadener Moschee, die er besucht. Bild: Michael Kretzer

Husamuddin Meyer ist Gefängnisseelsorger. Eine Aufgabe sieht er auch darin, muslimische Häftlinge davor zu bewahren, radikal zu werden.

          Früher hieß er Martin und war ein evangelischer Christ. Heute nennt er sich Husamuddin, ist Muslim und Gefängnisseelsorger. Zum Islam konvertierte Martin Meyer vor mehr als 20 Jahren und wechselte dabei auch seinen Namen. Als Sohn einer Psychologin und eines Lehrers kam er in Groß-Bieberau zur Welt und wuchs „absolut wohlbehütet“ im Odenwald auf. Er war „immer gut“ in der Schule, hatte Mathe und Physik als Leistungsfächer und machte 1988 mit einem Notendurchschnitt von 1,3 das Abitur. Dass er einmal als Imam in deutschen Gefängnissen arbeiten würde, das war damals fern seiner Vorstellungskraft.

          Wer glaubt, er sei in der Kindheit emotional zu kurz gekommen und auf der Suche nach Zuwendung und Zugehörigkeit zum Islam konvertiert, liegt falsch. Das mag für manch einen konvertierten Muslimen zutreffen, nicht aber für Imam Meyer.

          „Kulturschock“ in Ägypten

          Nach dem Zivildienst schrieb er sich an der Technischen Universität Darmstadt für Wirtschaftsingenieurwesen ein und hätte wohl einen ganz anderen Weg eingeschlagen, wäre da nicht kurz nach dem Abitur diese eine Situation gewesen, in der er nicht schnell genug reagierte und keinen Platz mehr bekam im Flieger nach Jamaika. Meyer wollte nämlich in „irgendein“ exotisches Land reisen, und weil es mit dem telefonischen Buchen des Jamaika-Flugs nicht klappte, kaufte er ein Ticket nach Luxor in Ägypten.

          „Dort erlebte ich den absoluten Kulturschock“, erzählt er und lacht. Morgens um fünf Uhr hörte er erstmals in seinem Leben den Gebetsruf des Muezzins und empfand es als „Geschrei“. Trotzdem war seine erste Reise in ein islamisches Land „absolut“ prägend. Kaum zurückgekehrt, plante er die nächste Tour - diesmal fuhr er mit dem Motorrad für drei Monate nach Marokko, Algerien und Tunesien. Es folgten Reisen nach Mali, Guinea und Senegal, wo er „spirituelle Erfahrungen“ machte und spürte, „wie der Islam das Leben und Verhalten der Menschen bestimmt“. Er fühlte sich umgeben von Menschen, „die Güte, Weichheit und Demut ausstrahlen und all das praktizierten“.

          Betreut muslimische Gefangene

          In Senegal lernte er seine „Lehrerin“ kennen. Die Mutter eines einheimischen Freundes, so alt wie seine eigene Mutter, wird ihm zum Vorbild für ein gottgefälliges Leben. Wenn Meyer von ihr spricht, dann nennt er sie nie beim Namen, sondern sagt immer nur „die Frau“. In Senegal lernte er auch seine zukünftige Ehefrau kennen, die aus Burkina Faso stammt. Dort heirate das Paar 1994 und lebte zunächst in Freiburg, wo Meyer Islamwissenschaft, Ethnologie und Geographie auf Magister studierte. Inzwischen hat das Ehepaar fünf Kinder im Alter von 18, 16, 13, zehn und fünf Jahren und lebt in Wiesbaden. „Aus beruflichen Gründen“, sagt Meyer, der eigentlich das Landleben vorzieht.

          Beruflich unterwegs ist Imam Meyer zwischen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden und der JVA Rockenberg. In diesen beiden Gefängnissen betreut er als Honorarkraft, finanziert aus den JVA-Budgets, muslimische Gefangene. In der JVA Wiesbaden, wo er schon seit 2008 tätig ist, bietet er dreimal in der Woche Gruppengespräche an; das Thema bestimmt mal einer aus der Runde, mal Meyer selbst. Mal geht es um Religion, mal um Politik, oft auch um Persönliches.

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