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Gedenkstätte : Das unvergessene Leid der Sinti-Familien

Gegen das Vergessen: Das Sinti-Denkmal in Hattersheim-Okriftel Bild: Cornelia Sick

In Okriftel erinnert jetzt eine Sandstein- Stele an Sinti-Familien, die von Nazis verschleppt und ermordet wurden. Aber sie soll angesichts aktueller Entwicklungen mahnen.

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          Von ihrem verstorbenen Großvater hat sie so gut wie nichts gewusst, seine Lebensgeschichte war ein blinder Fleck für die Enkelin Marliese Gier. Sie hatte auch keine Ahnung von den unfassbaren Greueltaten, welche die Nazis ihrer aus Hattersheim-Okriftel stammenden und gut integrierten Sinti-Familie angetan hatten. Fast alle ihre Vorfahren wurden ausgelöscht, weil sie nach der nationalsozialistischen Rassenideologie als „deutsche Zigeuner“ galten.

          Heike Lattka
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          „Vielleicht gibt es noch welche unter Ihnen, die mir von meinem Großvater Gustav Keck erzählen können? Ich bin auf Sie angewiesen“, bat am Samstag die Enkelin. Dem kollektiven Vergessen der Sinti-Familien Keck, Adam und des Ehepaars Kreuz hat die Hattersheimer Arbeitsgemeinschaft Opfergedenken ein Ende gesetzt. Sie enthüllten im Beisein Giers und des hessischen Landesvorsitzenden der Sinti und Roma, Adam Strauß, am Rande des Okrifteler Kirchplatzes unweit des früheren Wohnhauses der Familie ein Mahnmal.

          Die 350 Kilogramm schwere Sandstein-Stele mit Giebeldach, eine Arbeit des Hattersheimer Künstlers Kai Wolf, ziert ein großes Ventilrad der früheren Zellulosefabrik Phrix, in der Gustav Keck arbeitete. Darüber thront die Inschrift „Sie lebten in unserer Mitte.“ Auf einer Metalltafel sind die Namen von 15 Opfern aufgelistet.

          Das Okrifteler Mahnmal ist eines von zweien in ganz Deutschland, die auf Betreiben der Bürger aufgestellt worden seien, hob Strauß hervor. Dies mache die Stele zu etwas Besonderem.

          Bedeutung von Akzeptanz und Toleranz

          Für den Hattersheimer Bürgermeister Klaus Schindling (CDU) ist das Mahnmal ein Anlass zum Innehalten und zum „Nichtvergessen“, wie er sagte. Es hebe die Bedeutung von Akzeptanz und Toleranz hervor und werbe dafür, christliche Werte in einer multikulturellen Gesellschaft hochzuhalten. Ausdrücklich lobte er die zehnjährige Forschungsarbeit der AG Opfergedenken, ohne die das Mahnmal wohl nicht errichtet worden wäre.

          Bei Stallarbeiten mit Okriftler Kollegen: Alexander Adam (links), der im KZ umkam. Bilderstrecke
          Sinti-Gedenkstätte : Gegen das Vergessen der Nazi-Verbrechen

          „Gedenken ist nicht möglich ohne Erinnerung. Aus dem Erinnern erwächst das Gebot zur Mahnung“, sagte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Ulrike Milas-Quirin. Anders als bei der Gründung der AG Opfergedenken sei es mit dem Mahnen heute aber nicht mehr getan. Keiner hätte sich vor neun Jahren vorstellen können, dass heute Rechtspopulisten salonfähig würden. Dass ihre „völlig enthemmte Sprache“ voller Provokationen den Nährboden bereiteten für radikale Taten. Milas-Quirin zitierte die Inschrift: „Wir gedenken der Opfer und mahnen die Lebenden rechtzeitig gegen Intoleranz, Unmenschlichkeit und Gewalt einzutreten.“ Und sie fügte hinzu: „Rechtzeitig ist jetzt!“

          Gut integrierte Familien

          Wie gut die Familien Keck und Adam in Okriftel integriert waren, zeigt eine Dokumentation. Die Kinder besuchten die Volksschule, die Söhne spielten Fußball. Vater Adam arbeitete in den Opelwerken in Rüsselsheim, die älteren Töchter bei großen Unternehmen in der Umgebung und bei der nur wenige Schritte entfernten Zellulosefabrik. Erst 1941 verließen die Adams aufgrund der Drangsalierung durch die Behörden den Ort, der ihnen mehr als 20 Jahre lang Heimat gewesen war. Von den 13 Familienmitgliedern überlebten nur Alwine Adam und ihre Tante Anna Keck die Konzentrationslager.

          Was der Familie ihres Großvaters zugestoßen war, der in einem Versteck überlebte, erfuhr die Rheinländerin erst, als sie schon selbst Kinder hatte. Dadurch habe sich ihr beschauliches Leben gewandelt, die Sicherheit sei ihr abhandengekommen. Denn schließlich seien ihre Familienmitglieder allein wegen ihrer Abstammung ermordet worden. Und aktuell zeige sich wieder „die hässliche Fratze der Angstmacher“, sagte Gier. Sie fühle sich mit dem Wissen über die Familiengeschichte nun zwar „kompletter“, aber es sei auch anstrengender, sagte die Enkelin Kecks und schloss mit den Worten: „Sprechen Sie mich gegen das Vergessen an – und bleiben Sie wachsam.“

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