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Frank Wolff : Der mit dem Cello tanzt

  • -Aktualisiert am

Revoluzzer mit bürgerlichem Instrument: Im September 2018 spielte Frank Wolff bei einer Besetzung der Paulskirche durch Aktivisten des globalisierungskritischen Bündnisses Attac. Bild: epd

Frank Wolff, Alt-Achtundsechziger und Frankfurter „Stadtstreicher“, vereint auf seinem Instrument die Musik von Bach und Jimi Hendrix. Wie gut das geht, wird er zu seinem 75. Geburtstag bei einem Konzert in der Paulskirche zeigen.

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          Beide sind sie an einem 28. August zur Welt gekommen. Goethe 1749 in Frankfurt, Frank Wolff 1945 in Battenberg an der Eder. Selbstverständlich bekommt Goethe den Vorzug, wenn es um die Paulskirche geht. Deshalb wird an seinem Geburtstag am nächsten Freitag im Heiligtum der deutschen Demokratie der mit 50.000 Euro dotierte Goethepreis der Stadt Frankfurt verliehen – in diesem Jahr an den bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan. Der Alt-Achtundsechziger Wolff dagegen kommt mit dem Konzert zu seinem 75. Geburtstag, das er sich selbst und 200 Gästen mit Unterstützung der Sängerin Ingrid El Sigai und des Pianisten Markus Neumeyer gibt, erst am Tag darauf zum Zug.

          Immerhin hat Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) dem Musiker Wolff die Paulskirche geöffnet, will dort sogar selbst ein paar Worte sagen, bevor der Jubilar mit seinem Cello tanzt. Zugegeben: So wild wie einst kann Wolff nicht mehr mit seinem Instrument während des Spiels hüpfen und springen. Doch zumindest für seine Musik gilt das alte Motto seiner Generation: „Forever young.“ Er spiele heute, auch wenn seine Finger nicht mehr so schnell seien wie früher, so gut wie noch nie in seinem Leben, sagt der Cellist.

          Was würde Adorno dazu sagen? Einen Auftritt Wolffs hat er nie erlebt, wiewohl er und sein damaliger Student sich in der Frankfurter Universität durchaus schon mal über Musik unterhalten haben. Wie hätte der Philosoph und Musiktheoretiker Adorno wohl auf Wolffs heutige Musikcollagen aus Klassik, Pop und kritischen Texten reagiert? Vermutlich ungnädig. Adorno war zwar ein Verfechter der Neuen Musik, aber nicht der damals aufblühenden Rock- und Popmusik. Die hätte in ihm wohl nur Abscheu erregt. Wie der Jazz, den er in einer Schrift verurteilt hat – ohne ihn freilich mehr als nur oberflächlich zu kennen.

          Im Sog der Studentenproteste

          Wolff ist ein Hochbegabter gewesen. Bevor er sein Abitur machte, hat er schon an der dortigen Musikhochschule das Cello-Spiel studiert. 1966 aber brach er dieses Studium ab und ging nach Frankfurt ans Institut für Sozialforschung – wegen Adorno. Für ihn war der Philosoph das Gegenbild zu seinem autoritären, zuweilen jähzornigen Vater, einem Richter. Der Denker als „Gegenvater“. Adorno hat Wolffs Talent sofort erkannt. Nach einem Referat über die Klassentheorie bei Marx, von dem jungen Studenten vorgetragen im schwarzen Anzug und weißem Hemd vor 600 Zuhörern im großen Hörsaal der Universität, bot ihm Adorno spontan eine Doktorarbeit an.

          Aus dem Doktortitel ist nichts geworden. Aus zwei Gründen. Zum einen geriet Wolff immer stärker in den Sog der damaligen Studentenproteste: gegen den Vietnamkrieg, den tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg, die Notstandsgesetzgebung, die Springerpresse, die verkrusteten Universitätsstrukturen. Als Frank Wolff und sein Bruder KD (Karl Dietrich) zu Vorsitzenden des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, des Motors der damaligen Proteste, gewählt wurden, blieb keine Zeit mehr zum Studieren. Frank Wolff organisierte nun hauptsächlich Demonstrationen, bereitete Kongresse mit Rudi Dutschke und anderen Großhirschen der Achtundsechziger-Bewegung vor oder schrieb Flugblätter. Vollends zu Ende war es mit dem Doktor-Projekt am 6. August 1969. An diesem Tag war Adorno während einer Sommerfrische in den Schweizer Bergen einem Herzinfarkt erlegen. Wolff hatte keinen Doktorvater mehr.

          Das Cello hat ihn gerettet. Während der wilden Zeit der Studentenbewegung hatte er sich nicht vollständig von seinem Instrument abgewandt. Hin und wieder übte er im Keller seines Studentenheims. Heimlich. Denn das Cello und die klassische Musik galten den jungen Möchtegern-Revolutionären in seiner Umgebung als bürgerliche Relikte und waren verpönt. Nur im Ausland wagte Wolff damals einen Auftritt. Später, nachdem er zum kulturellen Aushängeschild der Frankfurter Sponti-Szene um Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit geworden und schließlich mehrmals im Auftrag des Goethe-Instituts mit Konzerten in China, Vietnam und anderen fernen Ländern die avancierte deutsche Musikkunst repräsentiert hatte, gab Wolff einmal zu Protokoll: Die Rückkehr zum bürgerlichen Instrument Cello habe ihn nach der Studentenrevolte vor der Radikalisierung, dem Gefängnis oder einem Ministeramt bewahrt. Das mit dem Ministeramt war ironisch auf seinen Mitstreiter Joschka Fischer bezogen.

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