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Gebärmutterhalskrebs : Ein Tumor, der sich ausrotten ließe

Papillomviren können Gebärmutterhalskrebs auslösen Bild: dpa

Zu wenige Frauen sind in Hessen gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft. Vor diesem Hintergrund läuft ein Pilotprojekt in südhessischen Schulen.

          Die Angst, an Krebs zu erkranken, treibt viele Menschen um – besonders Frauen: Mehr als 70 Prozent gaben in einer Umfrage der Krankenkasse DAK an, sie fürchteten diese Krankheit. Umso verwunderlicher ist es, dass eine Impfung, die Frauen vor einer Krebsart schützt, fast zehn Jahre nach ihrer Einführung noch immer selten in Anspruch genommen wird. Nicht einmal ein Drittel der jungen Mädchen, für die die Krankenkassen die Impfkosten übernehmen, ist gegen Humane Papillom-Viren (HPV) immunisiert.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Viren werden beim Geschlechtsverkehr über die Schleimhäute übertragen. Wenn sie sich in der Schleimhaut am Muttermund einnisten, können sie die Zellen dort verändern. Erst zehn bis 20 Jahre nach der Infektion können sich Karzinome bilden. „Das HP-Virus ist der Hauptauslöser für Gebärmutterhalskrebs“, sagt Marc Thill, Chefarzt der Gynäkologie am Frankfurter Agaplesion Markus-Krankenhaus. In Deutschland erkranken jährlich etwa 5000 Frauen an dieser Tumor-Art, 1600 sterben daran.

          100.000 Frauen jährlich operiert

          Zur Krebsvorsorge können Frauen einmal im Jahr die Schleimhaut von ihrem Frauenarzt auf Veränderungen kontrollieren lassen. Bei etwa zehn Prozent ist der Befund laut Thill auffällig. Manchmal bildeten sich die Veränderungen wieder zurück, sei dies aber nicht der Fall, müsse das krankhafte Gewebe entfernt werden. Fast 100.000 Frauen werden jährlich in Deutschland operiert, um Krebsvorstufen zu entfernen.

          Am Markus-Krankenhaus gibt es dafür ein zertifiziertes Dysplasiezentrum, das sich auf die Diagnose und Therapie von gynäkologischen Gewebeveränderungen spezialisiert hat. Früher seien ganze Keile aus dem Gewebe am Muttermund geschnitten worden, berichtet Thill, heute werde nur das veränderte Areal mit einer elektrischen Schlinge abgehobelt. Die Betroffenen, meist handele es sich um junge Frauen zwischen 25 und 40 Jahren, könnten immer noch Kinder bekommen.

          In schweren Fällen müsse die Gebärmutter jedoch entfernt werden. In den vergangenen Jahren seien zudem vermehrt Krebsgeschwüre an den Schamlippen aufgetreten, was gravierendere Eingriffe nötig mache. All diese Krebserkrankungen ließen sich mit der HPV-Impfung vermeiden, hebt Thill hervor. „Man könnte sogar den Gebärmutterhalskrebs ausrotten.“ Dafür müssten jedoch 90 Prozent der jungen Frauen geimpft sein.

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          Seit 2008 wird die HPV-Impfung angeboten, seit 2014 übernehmen alle gesetzlichen Krankenkassen die Impfkosten für Mädchen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut empfiehlt eine zweimalige Impfung im Alter von neun bis 14 Jahren, bei Älteren ist eine dreimalige Impfung nötig. In jedem Fall sollten die Mädchen vor dem ersten sexuellen Kontakt immunisiert sein.

          Die Impfung ist nach Angaben des Kinderarztes Fred Zepp, Mitglied der Stiko, zunächst gut angenommen worden; die Quote lag auf Anhieb bei etwa 40 Prozent. Nach negativen Berichten in der Presse sei die Bereitschaft jedoch zurückgegangen, berichtet Zepp, der Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Mainz ist. Zwei ungeklärte Todesfälle von jungen Frauen seien in Zusammenhang mit der HPV-Impfung gebracht worden, erklärt Thill. Zu Unrecht, wie inzwischen klar sei, denn Studien hätten keine schweren Nebenwirkungen gezeigt.

          In anderen Ländern wird die Impfung besser akzeptiert. In England, Skandinavien, Italien und Australien zeigten sich inzwischen erste Effekte, die Tumorrate sei schon zurückgegangen, sagt Zepp. In Deutschland werde das Ziel, 90 Prozent der Frauen zu impfen, jedoch frühestens in fünf Jahren erreicht. Deshalb überlege man, die Impfung nun auch für Jungen zu empfehlen, um die Übertragung zu reduzieren. In Österreich, Australien und England würden Jungen schon geimpft.

          Weil durch das HP-Virus ausgelöste Krebserkrankungen wie ein Peniskarzinom bei Männern eher selten sind, hielt man das bisher nicht für nötig. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte vermuten jedoch, dass das Virus auch Tumoren in Hals und Lunge verursachen könne. Solange es keine Stiko-Empfehlung gibt, wird die Impfung von Jungen allerdings nur von wenigen Krankenkassen als freiwillige Leistung übernommen. Die niedrigen Impfquoten könnten laut Thill auch damit zusammenhängen, dass unklar ist, wer die Mädchen impfen soll. „Die Stiko hat sich nicht suffizient darum gekümmert.“ Laut Zepp ist die HPV-Impfung schon im neunten Lebensjahr möglich, verabreichen kann sie dann der Kinderarzt. Allerdings sind viele Kinderärzte eher zurückhaltend und übernehmen die Impfung nur auf Nachfrage. Thill hält deshalb den ersten Besuch beim Frauenarzt für eine gute Gelegenheit. In Ländern wie Großbritannien, die eine Durchimpfungsrate von 80 Prozent erreichten, werde dagegen in der Schule geimpft.

          13 Prozent der Eltern lehnen die Impfung ab

          Die HPV-Impfung in der Schule wird derzeit in einem Pilotprojekt in Südhessen getestet. An je drei Grundschulen in Bensheim und Lampertheim werden die Eltern und Kinder zum Thema informiert, und die Impfung wird angeboten. Dort konnte die Impfrate auf mehr als 60 Prozent gesteigert werden. Allerdings lehnten 13 Prozent der Eltern die Impfung nach der Aufklärung ab.

          Für eine Impfpflicht, wie sie derzeit etwa für die Ausrottung der Masern erwogen wird, ist Zepp aber nicht: „Das würde das Misstrauen schüren. Es muss aus Überzeugung gemacht werden.“ Allerdings müssten die Ärzte mehr Zeit für die Aufklärung erhalten, was eine Sache der Kostenerstattung sei. Thill, der täglich mit den Folgen von HPV-Infektionen konfrontiert wird, brauchte nicht überzeugt zu werden. Seine beiden zehn und zwölf Jahre alten Töchter hat er schon impfen lassen.

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