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Stadtentwicklung in Frankfurt : Das Erbe der „Gaumer-Immobilien“

  • -Aktualisiert am

Die Abrissgenehmigung liegt vor: Die Tage des 1828 an der Leipziger Straße erbauten Hauses mit der Nummer 68 sind gezählt. Bild: Wolfgang Eilmes

Ein heruntergewirtschaftetes Gebäude in Bockenheim soll abgerissen werden. Was danach kommt, ist aber noch unklar.

          Eigentlich sind die Menschen in Bockenheim stolz auf die Leipziger Straße: Als Zentrum des Stadtteils mit viel Einzelhandel und als Treffpunkt der Nachbarschaft nehmen viele Anwohner die Straße wahr. Hier kommen die Bockenheimer zum Plausch an den Obstständen zusammen oder verabreden sich in einem der vielen Cafés und Restaurants. Die Straße hat aber auch schmutzige Ecken.

          Eine der Immobilien, die immer wieder für Ärger im Viertel sorgt, ist das Haus mit der Nummer 68. Zuletzt war dort im Erdgeschoss ein asiatischer Schnellimbiss untergebracht - nun fällt schon von weitem die heruntergekommene Fassade auf, an der sich Farbschmierereien mit Taubenkot vermischen und der Putz auf den Gehweg bröckelt. Wo einst die Haustür war, versperrt ein Holzbrett den Weg. „Kameraüberwachung“ verkündet ein Aufkleber auf einer der zersprungenen Scheiben. Eine Kamera ist zwar nicht zu sehen, dafür aber allerlei Müll und aufgebrochene Briefkästen im Hausgang.

          Der berüchtigte Immobilienspekulant Gaumer

          Die Tage des Gebäudes aus dem Jahr 1828 sind wohl gezählt. Seit zehn Monaten liegt eine Abrissgenehmigung vor. Vielen Bockenheimern war das Haus ein Dorn im Auge - was vor allem an seinem ehemaligen Eigentümer lag: dem berüchtigten Immobilienspekulanten Heinrich Gaumer, zu dessen großem Portfolio an Häusern auch verwahrloste Gebäude gehörten, in denen Osteuropäer unter zweifelhaften Bedingungen lebten.

          So auch in der Leipziger Straße 68: Immer wieder machte das Haus Schlagzeilen, weil etwa im Hinterhof wohnungslose Bulgaren in Schuppen untergebracht waren - illegal. Der 2015 verstorbene Gaumer stand im Verdacht, diese Menschen als billige Arbeitskräfte auszunutzen. Er selbst wies die Schuld stets von sich und überließ die Vermietung einem eingesetzten Immobilienverwalter. Zu einem Gerichtsprozess gegen Gaumer kam es nie.

          Mehrere Medien berichteten über Jahre hinweg von überbelegten Zimmern im Haus selbst, regelmäßig beschwerten sich Anwohner bei der Stadt. Nach Gaumers Tod ging die Liegenschaft an seine Erbengemeinschaft über, wie das Frankfurter Amtsgericht mitteilt. Als Eigentümer ist im Grundbuch die durch drei Frauen vertretene Gaumer Hausverwaltung GmbH eingetragen.

          Ortsvorsteher Axel Kaufmann (CDU) hat das Haus schon lange im Blick. „Die Eigentümer haben es über Jahre verfallen lassen“, sagt er. Im Grunde sei es deshalb begrüßenswert, dass nun endlich etwas passiere. Er geht von einer neuen Wohnbebauung aus. „Eine Nachverdichtung mit Augenmaß ist in Ordnung“, findet Kaufmann.

          Kundgebung zur Erhaltung des Gebäudes

          Anette Mönich hingegen wäre es am liebsten, das Haus würde erhalten und saniert. „Mit Baujahr 1828 ist es eines der ältesten noch stehenden Häuser, die den charakteristischen Ortskern Bockenheims prägen“, sagt die Vorsitzende des Stadtteilbüros und verweist auf die geltende Erhaltungssatzung im Viertel. Dem Eigentümer wirft sie vor, das Gebäude gezielt heruntergewirtschaftet zu haben. „Die Entwicklung konnte man live verfolgen.“ Mönich kündigt an, dass das Stadtteilbüro sowie die „Freunde Bockenheims“ in der zweiten Augustwoche eine Kundgebung zur Erhaltung des Gebäudes abhalten werden. „Falls es dazu zu spät ist, fordern wir eine grundsätzliche Veränderung in der Stadtverwaltung: Es gibt trotz geltender Erhaltungs- und Milieuschutzsatzung keinen nachhaltigen Umgang mit Bestandsbauten, unabhängig aus welcher Epoche.“

          Dass der Abriss kurz bevorsteht, scheint indes klar. Die Beschlusslage der Stadt sagt Folgendes: Die Abrissgenehmigung aufgrund „schlechten baulichen Zustands“ liegt seit September 2018 vor. Im Magistratsbericht steht auch, dass der „Abbruch des grenzständigen Gebäudes ohne Auswirkungen auf das Nachbargebäude kaum möglich ist“. Es ist unklar, was danach passiert. „Ein Bauantrag liegt noch nicht vor“, sagt der Sprecher des Planungsamts.

          Abrissbeginn womöglich Ende Juli

          Uwe Amend, stellvertretender Leiter der Bauaufsicht, sagt, dass „beratende Gespräche“ mit den Eigentümern zur Weiterentwicklung geführt wurden. Amend geht vom Abrissbeginn in der dritten Juliwoche aus. Auch er verweist auf die geltende Erhaltungssatzung: „Luxuswohnungen mit Pool im Keller werden dort sicher nicht entstehen.“ Klar sei, dass es bei einem Neubau zu „Beeinträchtigungen“ auf der Leipziger Straße käme. Diese Sorge hat auch der Inhaber des Schmuckhandels auf der linken Seite des Areals. Er befürchtet, dass weniger Kunden kommen, sollte hier, an der relativ schmalen Leipziger Straße, über längere Zeit eine Baustelle entstehen.

          Auch Kai Schönbach, Leiter der Stabsstelle Mieterschutz, kennt die Historie des Gebäudes gut. „Das Vorgehen von Heinrich Gaumer auf dem Immobilienmarkt war legendär“, sagt er. „Und zwar nicht im positiven Sinne.“ Ein von Gaumer eingesetzter Immobilienverwalter warf dieser Zeitung im Frühjahr 2014 eine „Rufmordkampagne“ vor, nachdem über einen Brand mit 16 Verletzten in einer weiteren überbelegten Immobilie auf der Leipziger Straße berichtet wurde, deren Eigentümer Gaumer war. Die Tradition, nicht mit, sondern nur über die Medien zu sprechen, setzen die Gaumer-Erben jedenfalls fort. Wiederholte Presseanfragen zur Liegenschaft blieben unbeantwortet.

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