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Gaskraftwerk Ingelheimer Aue : Stromerzeugung mit halber Kraft

Energiebündel: Die Ingelheimer Aue mit dem Müllheizwerk (grüner Schornstein), dem Gasturbinenkraftwerk und dem Gaskraftwerk (weißes Gebäude) Bild: dapd

Ein neuer Liefervertrag sichert die Zukunft des Gaskraftwerks auf der Ingelheimer Aue in Mainz für drei Jahre. Lohnend ist der Betrieb allerdings nur noch zu Spitzenzeiten.

          Auf der Ingelheimer Aue, dem seit 1899 genutzten Mainzer Kraftwerksstandort am Rheinufer, kann auch in den nächsten Jahren noch Strom und Fernwärme sowie Dampf für die ansässigen Industriebetriebe produziert werden. Wenngleich künftig wohl nur noch mit halber Kraft. Ein für drei Jahre geltender Anschlussvertrag mit dem bisherigen Brennstofflieferanten mache es möglich, das seit 2001 laufende Gas- und Dampfturbinenkraftwerk - noch immer eine der modernsten GuD-Anlagen der Welt - „trotz der generell sehr schwierigen Marktlage in Deutschland wirtschaftlich sinnvoll zu betreiben“, teilte die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden (KMW) AG mit.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz.

          Allerdings werde die 400-Megawatt-Anlage, weil das Gas vergleichsweise teurer geworden sei, fortan nicht mehr ganzjährig im Einsatz sein, sondern vorrangig dann Strom erzeugen, wenn die an der Börse ermittelten Preise gleichfalls hoch seien: im Winterhalbjahr etwa und insbesondere an Werktagen. Auf der Ingelheimer Aue müsse also viel häufiger als bisher „an- und abgefahren“ werden, um flexibel Strom herstellen und gewinnbringend verkaufen zu können; dies werde künftig aber wohl nur noch in einem Drittel des Jahres möglich sein.

          Das Gemeinschaftsunternehmen der Stadtwerke Mainz AG und der Eswe Versorgungs AG geht dennoch davon aus, „auch 2014, 2015 und 2016 schwarze Zahlen schreiben zu können“. So jedenfalls äußerten sich der Technische und der Kaufmännische Vorstand, Werner Sticksel und Ralf Schodlok, nach den aus ihrer Sicht erfolgreichen Vertragsverhandlungen mit der Eon Energy Sales GmbH. „Angesichts der teilweise wirklich dramatischen Situation bei anderen Betreibern von Gaskraftwerken ist das ein überaus erfreuliches Ergebnis“, teilten die beiden KMW-Verantwortlichen mit.

          Spätfolge eines alten Kampfes

          Dass die stadtnahe Aktiengesellschaft mit aktuell etwa 450 Mitarbeitern selbst „erfreuliche Ergebnisse“ nicht mehr in Pressegesprächen bekanntgibt, dürfte eine Spätfolge des zwischen 2009 und 2012 die Beteiligten zermürbenden Kampfes um ein Kohleheizkraftwerk auf der Ingelheimer Aue sein. Auf Druck von Bürgerinitiativen und am Ende auch der Politik mussten die Vorstände, die Baugenehmigung schon in Händen haltend, ihre Pläne für eine neue 820-Megawatt-Kohleanlage doch wieder aufgeben, für die damals Kosten in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro veranschlagt waren.

          Seitdem wird bei KMW nach neuen Betätigungsfeldern gesucht: Dazu gehören Beteiligungen an Windparks und Biogasanlagen sowie das in Mainz-Hechtsheim begonnene Projekt, einen mit Hilfe überschüssiger Windenergie gespeisten Gas-Speicher zu erproben. Aufgrund einer weiterhin unklaren Energiepolitik auf Bundesebene scheint es für den strategisch günstig gelegenen Kraftwerksstandort am Rheinufer, an dem genügend Platz für eine größere Investition wäre, dagegen noch immer keine verlässliche Perspektive zu geben.

          Der 1977 ans Netz genommene alte Gas-Kombiblock, der für Notfälle als offizielle Kaltreserve zur Sicherung der Stromversorgung in Süddeutschland vorgesehen ist, sei mittlerweile „komplett aus dem Markt genommen“, so die KMW-Darstellung: Strom lasse sich mit der 350-Megawatt-Anlage, deren Wirkungsgrad nur bei 44 Prozent liegt, „schon seit längerem nicht wirtschaftlich produzieren und verkaufen“. Schließlich wird der Brennstoff heutzutage ausnahmslos zu Marktpreisen gehandelt und den Kraftwerken nicht mehr wie früher zu Sonderkonditionen und noch dazu mit langen Laufzeiten angeboten.

          Eine Frage der Rahmenbedingungen

          Deshalb zögern die Betreiber aus Mainz und Wiesbaden auch mit dem Bau eines neuen Gaskraftwerks, für das es alte Pläne gibt, die schon vor der Kohle-Diskussion entwickelt worden waren. Aktuell werde mit der Aufsichtsbehörde über Änderungen und Anpassungen für eine grundsätzlich vorstellbare, zweite GuD-Anlage am Rhein gesprochen; schließlich laufe die bisher gültige Genehmigung 2014 aus. „Wenn mittelfristig die entsprechenden politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, könnte der Neubau eines Gaskraftwerks relativ zügig zur Entscheidungsreife gebracht werden“, ließ die KMW AG noch wissen.

          Sicher scheint derzeit nur, dass das vorhandene Gas- und Dampfturbinenkraftwerk von 2001 im Sommer für etwa 60 Millionen Euro einer Generalüberholung unterzogen werden soll. Danach wäre die runderneuerte Anlage wohl wieder für die nächsten zehn bis 15 Betriebsjahre einsatzbereit - auch wenn der neue Gasliefervertrag nur für drei Jahre gilt.

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