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Gasförderung : Frankfurter Unternehmen will Fracking-Boom nutzen

Protest gegen Fördermethode: Fracking hat viele Gegner. Bild: dpa

Fracking soll in Hessen nicht gestattet werden. Doch eine junge Frankfurter Firma will sich in der Welt einen Namen mit Produkten für diese Art der Gasförderung machen.

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          Die Front gegen Fracking wird von Tag zu Tag breiter. Das Land Hessen erteilt keine Erlaubnis für Probebohrungen nach Erdgas im Kasseler Raum, wie Umwelt- und Energieministerin Lucia Puttrich (CDU) berichtet. Die Opposition im Landtag spendet Applaus und wendet nur ein, das Verbot sei überfällig. Auch aus anderen Bundesländern mehren sich die kritische Stimmen zum Fracking, bei dem Frischwasser und Sand neben Chemikalien in tiefe Erdschichten gepresst werden. Durch die entstehenden Risse im Gestein sollen Erdgas oder Öl freigesetzt werden - Energieträger, die mit herkömmlichen Fördermethoden nicht gewonnen werden könnten. Puttrich meint, Fracking sei weder wirtschaftlich darstellbar noch umweltverträglich.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Den Frankfurter Unternehmer Karl-Gerhard Seifert und den Manager Horst-Tore Land ficht solche Kritik nicht an. Beide wollen mit dem neuen Frankfurter Unternehmen Tou-Gas auf dem Markt für Fracking-Produkte fortan Aufträge ergattern. Seifert zeichnet als Aufsichtsratschef, Land führt die Geschäfte. Sie heben hervor, die von ihrem Unternehmen verwendeten, in Frankfurt von der Allessa GmbH entwickelten Erzeugnisse seien umweltschonender als jene Produkte, die bisher international eingesetzt würden. Zudem seien sie auch hitzebeständiger, was der Förderung von Gas diene. Seifert ist Gesellschafter der Allessa.

          Erdgaspreise auf Talfahrt

          Aus geologischer Sicht erfüllen zum Beispiel Teile von Südhessen und der Raum Kassel die Voraussetzungen, um Schiefergas auszuweisen, das beim Fracking an die Oberfläche gerät. Wenn es um die „unkonventionelle Art der Erdgasförderung“ geht, wie Fracking von Befürwortern dieser Technik genannt wird, denken Land und Seifert allerdings nicht an Nordhessen. Im geschützten Kellerwald nach Erdgas zu suchen käme auch ihnen nicht in den Sinn. Vielmehr schauen sie auf den internationalen Markt: nach China sowie nach Nord- und Südamerika zum Beispiel.

          So hat Fracking in den Vereinigten Staaten die Erdgaspreise auf Talfahrt geschickt. Erdgas kostet dort etwa zwei Drittel weniger als in Deutschland und stützt so die amerikanische Wirtschaft. „Das ist gut für die Chemieindustrie“, sagt Land. „Ich finde es faszinierend, dass die Chemie die Ölindustrie instand setzen kann, Vorkommen zu fördern, die bisher nicht verfügbar gewesen sind.“ Zudem braucht die Chemiebranche selbst viel Energie. Auch andere Industriezweige profitieren vom Preisverfall. In Amerika entfällt mittlerweile ein Drittel der Gasproduktion auf Schiefergas-Fracking. Dabei wird zuerst nach unten und danach, 1000 bis 5000 Meter tief im Erdreich, bis zu zwei Kilometer horizontal gebohrt. Längst führen die Vereinigten Staaten sogar per Fracking gewonnenes Gas aus.

          Gespräche mit potentiellen Kunden

          Dieser Umstand ist auch dem Verband der Chemischen Industrie Hessen wohlbekannt. So hat sich die Organisation erst im April dafür ausgesprochen, Fracking vorbehaltlos zu prüfen. „Wir werden uns diesem Thema offen stellen, denn Deutschland ist von Rohstoffen abhängig und kann es sich nicht leisten, sich Fracking zu verschließen“, gab Bernd Reckmann, Chef des Verbands, zu bedenken.

          Vor diesem Hintergrund hat Seifert vor einigen Wochen Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nach Südamerika begleitet und dort Gespräche mit potentiellen Kunden geführt. In Texas, dem Ölzentrums Amerikas, will er ein Tou-Gas-Labor einrichten. Aus China liegen der Tou-Gas Oilfield Solutions GmbH nach den Worten von Land schon mehrere Anfragen vor, Fracking-Produkte der Allessa aus Frankfurt-Fechenheim vorzuführen. Die Allessa zeichnet auch als Gesellschafterin der Tou-Gas, wobei Gespräche mit weiteren Investoren laufen, wie Land sagt. Für ihre Fracking-Produkte nutzt sie Polymere, eine gallertartige Masse, die kleine Kügelchen transportiert, die Risse im Tiefengestein verursachen und offenhalten.

          Ausstoß von Kohlendioxid senken

          Im Vergleich zu den herkömmlichen Fracking-Chemikalien schreiben Land und Seifert den eigenen Produkten den Vorteil zu, selbst bei einer Temperatur von 200 Grad noch „völlig ausreichend“ zu funktionieren - während Konkurrenzerzeugnisse jenseits von 100 Grad versagten. Auch brauche die Tou-Gas im Gegensatz zu bisherigen Methoden kein Frischwasser - Gesteinswasser genüge.

          Am Fracking führt nach Meinung von Land kein Weg vorbei. Die erneuerbaren Energien müssten ausgebaut werden, sagt der frühere Geschäftsführer der 2006 an die BASF verkauften Frankfurter Brennstoffzellenfirma Pemeas. Bisher deckten sie jedoch weniger als zehn Prozent des Energiebedarfs ab, während Kernkraft auf 14 Prozent und Kohle auf 40 Prozent komme. Gleichzeitig stehe die Menschheit vor der Herausforderung, den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid zu senken - bei wachsender Nachfrage nach Energie und der Zunahme von Kohlekraftwerken in China. Wie Land erläutert, hat Amerika von 2006 bis 2011 den Ausstoß von Kohlendioxid durch den vermehrten Einsatz von Gaskraftwerken zu Lasten von Kohlemeilern um acht Prozent gesenkt. „Ein Gaskraftwerk emittiert rund 50 Prozent weniger Kohlendioxid als ein Kohlekraftwerk bei gleicher Leistung.“

          Und für Europa sagt die Beratungsgesellschaft A.T.Kearney einen Anstieg des Anteils von Schiefergas an der Gasproduktion bis 2035 auf 45 Prozent voraus. In Europa sei Schiefergas, anders als in Übersee, noch nicht wirtschaftlich zu fördern.

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