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Ganztägig betreut : Skepsis gegenüber 24-Stunden-Kitas

Eine gute Idee? Die 24-Stunden-Kita Bild: dpa

Viele berufstätige Eltern tun sich schwer, Arbeitsalltag und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Eine 24-Stunden-Kita könnte Abhilfe schaffen. Doch es gibt kritische Stimmen.

          Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei ein wichtiges Ziel, sagt Jürgen Hartmann-Lichter, Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie im Caritasverband für die Diözese Limburg. Allerdings müsse in der Abwägung der Interessen das Kindeswohl Priorität haben. Dass das bei der Überlegung von Frankfurter Politikern, eine rund um die Uhr geöffnete Kindertagesstätte einzurichten, der Fall ist, bezweifelt Hartmann-Lichter, der auch Vorsitzender des Arbeitskreises Kinder, Jugend, Frauen und Familie der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen ist.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Lediglich die Fraktion der Bürger für Frankfurt hatte sich in der Stadtverordnetenversammlung gegen den Vorschlag der schwarz-rot-grünen Koalition gewandt, die Eröffnung einer Kita zu prüfen, die 16 oder 24 Stunden am Tag in Betrieb ist. Mit einem Pilotprojekt, für das nach Möglichkeit mit freien Kita-Trägern wie der Caritas kooperiert werden soll, will die Politik es Alleinerziehenden ermöglichen, eine Tätigkeit im Schichtdienst auszuüben. Ziel dabei sei nicht, die täglichen Betreuungszeiten je Kind zu verlängern, heißt es in dem Antrag. Es gehe vielmehr um ein zeitlich flexibles Angebot etwa für Beschäftigte in der Pflege und bei der Polizei.

          Kinder benötigen erträglichen Rhythmus

          Hartmann-Lichter findet den Begriff „24-Stunden-Kita“ denn auch unglücklich gewählt, schließlich wolle niemand, dass Kinder rund um die Uhr in einer Einrichtung seien. Aber auch die angestrebten flexiblen, einem womöglich wechselnden Schichtdienst angepassten Öffnungszeiten beurteilt er sehr kritisch. „Ein Kind braucht einen entwicklungsadäquaten Tag-und-Nacht-Rhythmus.“ Es sei ihm auf die Dauer nicht zuzumuten, es wegen eines frühen Schichtbeginns morgens um vier zu wecken, in die Kita zu bringen und dort wieder schlafen zu legen.

          Nach Einschätzung von Johannes Frass, Sprecher der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt, gehen die Überlegungen der Stadtverordneten am Bedarf der Eltern vorbei. Zwar habe auch die Arbeiterwohlfahrt darüber diskutiert, Kitas über Nacht zu öffnen, diese Idee aber wieder verworfen. „Es macht keinen Sinn, ein Angebot zu schaffen, für das keine Nachfrage besteht.“ Eltern im Schichtdienst wünschten sich statt institutioneller eher individuelle, ihren jeweiligen Bedürfnissen entsprechende Lösungen, zum Beispiel durch eine Verzahnung der Betreuung in Kindertagesstätten und bei Tageseltern. Frass bezweifelt überdies, dass sich für einen Über-Nacht-Betrieb Personal fände – „bei einer Fachkraftsituation, die jetzt schon als angespannt bezeichnet werden muss“. Denkbar sei jedoch, die Betreuungszeiten in weiteren Kitas in den Morgen oder Abend auszuweiten.

          Ulrike Berger, Geschäftsführerin der ASB-Lehrerkooperative, erkennt den Willen der Politik an, etwas für Alleinerziehende und Doppelverdiener im Schichtdienst zu tun. „Aber es schlagen zwei Herzen im meiner Brust.“ Im Sinne des Kindeswohls reiche es nicht aus, die Öffnungszeiten einfach zu verlängern: „So eine Kita braucht andere Regeln.“ Auszuschließen sei, dass Kinder am Ende doch 16 oder mehr Stunden in die Einrichtung geschickt würden. Möglich wäre es Bergers Ansicht nach zum Beispiel, eine Kita-Gruppe von 6 bis 14 Uhr und eine von 14 bis 22 Uhr anzubieten. Klar sei aber auch: „Wir können nicht jedes beliebige Schichtmodell abdecken.“

          Notwendiger Bedarf unklar

          Wie groß der Bedarf in Frankfurt sei, könne sie wegen fehlender Erhebungen nicht beurteilen, sagt Berger. Die Kitas der ASB-Lehrerkooperative würden je nach Stadtteil unterschiedlich beansprucht: In den innenstadtnahen Einrichtungen brächten die Eltern die Kinder oft erst am Vormittag, holten sie dann aber auch erst um 18 Uhr ab, in Höchst dagegen herrsche schon um 7 Uhr Hochbetrieb, während am späten Nachmittag nur noch vereinzelt Kinder da seien.

          Grundsätzlich verschließe sich die Lehrerkooperative der Idee einer 24-Stunden-Kita nicht, sagt Berger. „Aber das geht nicht für lau.“ Um eine solche Einrichtung zu betreiben, reichten die Platzkostenpauschalen, welche die Träger derzeit von der Kommune bekommen, nicht aus. Das Personal müsse Schichtzulagen bekommen, die Essensbeiträge müssten höher ausfallen, und auch der zusätzliche Raumbedarf, etwa für Schlaf- und Ruhezonen, sei zu berücksichtigen.

          „Heute so und morgen so – das geht nicht.“

          Vor allem aber müsse das Angebot „vom Kind aus gedacht sein und nicht von der Wirtschaft“, sagt Berger. Gerade in gutsituierten Kreisen komme es vor, dass Kinder als „Dekorationsobjekte“ neben der beruflichen Karriere gesehen würden. Kinder bräuchten aber Kontinuität in den zeitlichen Abläufen und den Bezugspersonen. „Heute so und morgen so – das geht nicht.“

          Auch Hartmann-Lichter appelliert an die Verantwortung der Gesellschaft für das Kindeswohl. „Die Politik kann nicht alles regeln.“ Arbeitgeber müssten Beschäftigungsverhältnisse so gestalten, dass Eltern ihren Beruf mit dem Familienleben vereinbaren könnten. Und auch die Mitarbeiter seien in der Pflicht, Rücksicht auf Kollegen mit Kindern zu nehmen, etwa bei der Absprache von Arbeitszeiten und Vertretungen.

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