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Galerie : Bei Stress in der Umbaupause geht es eine Treppe höher

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Ein Haus für die Kunst: Anette Hawel nutzt sogar ihren Garten und das Dachgeschoss als Ausstellungsflächen. Bild: Kretzer, Michael

Anette Hawel hat die Kunst immer um sich: Seit sie im Jahr 1992 bei sich zu Hause in Großostheim eine Galerie gründete, lebt sie in ständig wechselnden Ausstellungen.

          In das letzte Zimmer des Dachgeschosses darf die Kunst vorerst nicht einziehen. „Da wohnt noch meine Tochter“, sagt Anette Hawel. Ob sie das Zimmer zur Ausstellungsfläche umgestaltet, wenn die Tochter ausgezogen ist, weiß sie noch nicht. Gebrauchen könnte sie den zusätzlichen Platz durchaus: „Die Vernissagen ziehen sich meist über zwei, drei Stunden. Wenn hier oben fünfzig Leute herumlaufen, sind die Räume einfach voll.“ Jede Ecke der Dachetage ist mit Leinwänden bestückt. „Die Stellwände haben wir extra eingezogen“, sagt Hawel, schließlich seien die Dachschrägen als Ausstellungsfläche nicht geeignet. Eine Etage tiefer führt ein Rundgang zu den Plätzen, die sie für Skulpturen reserviert hat. Seit mehr als zwanzig Jahren ist ihr Grundstück in Großostheim, rund zehn Kilometer von Aschaffenburg entfernt, ein Museum für moderne Kunst. Eines, das ohne Vitrinen auskommt: Steinfiguren und Phantasiegebilde verteilen sich im Gemüsebeet und in der Einfahrt, sind zwischen Büschen und unter Bäumen zu sehen. „Wir hatten auch schon einen Kranwagen hier, der die tonnenschweren Skulpturen in den Garten gehoben hat.“

          Ende 1992 wurde aus dem Haus von Anette Hawel und ihrem Mann Franz die Galerie Capriola. Zunächst waren, verteilt auf das Obergeschoss und den Garten, die Arbeiten regionaler Künstler zu sehen. Im Laufe der Jahre trugen immer mehr Bilder die Signaturen international bekannter Maler. Inzwischen ist die Galerie im Eigenheim zu einer Anlaufstelle für Sammler aus aller Welt geworden. Das dürfte vor allem an Hawels Vorliebe für die Künstler der sogenannten „Verschollenen Generation“ liegen, auf die sie sich spezialisiert hat. Es sind Künstler wie Franz Frank, dessen Arbeiten zur Zeit des Nationalsozialismus als entartet galten, Maler wie Willi Oltmanns, der seit 1937 Ausstellungsverbot hatte, aber auch Bruno Müller-Linow, der diesem Schicksal entging, dessen Arbeit aber durch den Krieg unterbrochen und nach seinem Ende durch den Erfolg einer jüngeren Generation verdrängt wurde. Erst in den siebziger Jahren wurden die vergessenen Künstler wiederentdeckt. Momentan seien sie bei Sammlern sehr begehrt. Hawel knüpfte Kontakte zu den Nachkommen und begann, die Werke der Künstler in ihr Programm aufzunehmen. Heute hält die „Verlorene Generation“ mindestens einmal im Jahr Einzug in ihre Galerie.

          Ein Wettbewerbsvorteil

          Aus dem Wohnhaus eine Kunstsammlung zu machen, war zum Zeitpunkt des Hausbaus nicht geplant: „Heute bedauere ich sehr, dass wir nicht behindertengerecht ausgestattet sind. Durch die Treppe zum Obergeschoss ist es für jemanden mit Rollstuhl oder jemanden, der nicht gut zu Fuß ist, schwierig, uns zu erreichen.“ Eine Galerie im nahen Aschaffenburg, ihrem Geburtsort, daran habe sie zwar gedacht, sich dann aber doch nicht dazu entschließen können. Wenige Parkplätze, zu hohe Mieten. In den Jahren, in denen sie ihre Galerie führt, hat sie viele ihrer Kollegen aufgeben sehen. „Kunst ist ein schwieriges Geschäft.“ Besuchern jedoch zeigt sie Aschaffenburg gerne. Hier, „am letzten Schwanzhaar des bayerischen Löwen“, wo doch alles hessisch angefärbt sei, ist sie aufgewachsen. In der Schlossgasse, mitten in der Altstadt. Die Kunst gehörte von Anfang an dazu. Ihre Großmutter malte bis zur Eheschließung, Künstler aus Aschaffenburg und dem Umland gingen bei der Familie ein und aus: „Da spielt man als Kind im Hof und plötzlich ist man auf dem Papier festgehalten.“ Von ihrem Zimmer aus blickte sie in den Hof einer Steinmetzschule und verfolgte, wie Rosetten und Wasserspeier für den Wiederaufbau des Aschaffenburger Schlosses entstanden. „Wenn man zuschaut, wie so etwas entsteht, das lässt einen nicht mehr los.“ Mit 14 Jahren nahm sie zusätzlich Kunstunterricht, schnell stand fest, dass es auch beruflich in diese Richtung gehen sollte. Als älteste Tochter einer Beamtenfamilie musste für sie zunächst aber trotzdem ein soliderer Beruf her. Hawel machte eine Lehre zur Bankkauffrau. Mit 18 Jahren heiratete sie, wenig später begann das Ehepaar, in Großostheim zu bauen. Nach der Eröffnung der Galerie liefen Hauptberuf und Kunst die ersten Jahre noch parallel. „Dann habe ich gemerkt, wenn ich es professionell aufziehen will, muss ich den anderen Job an den Nagel hängen.“

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