https://www.faz.net/-gzg-9m30c

Gala für Liesel Christ : Ein Hoch auf die „Fraa Frankfort“

Liesel Christ 1993 im Frankfurter Volkstheater, das sie 1971 gegründet hat Bild: picture-alliance / dpa

Sie hätte auch ganz anders gekonnt: Eine Gala am Abend des 100. Geburtstags von Liesel Christ im Hessischen Rundfunk. Da dürften die „Hesselbachs“ und Nudeln in Tomatensoße nicht fehlen.

          Es war nicht der Große Sendesaal, nur das Foyer. Aber dort war schon eine halbe Stunde vor Beginn des Programms kaum noch ein Stuhl frei. Auf dem letzten reservierten Platz in der ersten Reihe ließ sich Petra Roth nieder. Die frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin wollte einer „engagierten Kämpferin für das Frankfurter Kulturleben“ Reverenz erweisen. „Ich habe sie sehr geschätzt“, sagte Roth über Liesel Christ, deren 100. Geburtstag im Hessischen Rundfunk von alten Freunden und Kollegen gefeiert wurde. Leider ohne die Schauspieler des Frankfurter Volkstheater-Ensembles, die teils auf anderen Bühnen stehen mussten, teils einfach mit Abwesenheit glänzten. In der ersten Reihe aber saß Bärbel Schöne von Carben, die Tochter der 1996 gestorbenen Frankfurter Volksschauspielerin.

          Claudia Schülke

          Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Geladen hatten der Sender hr2-Kultur und die Volkstheater-Frankfurt-Stiftung, die 2015 von Gisela Dahlem-Christ, der anderen Tochter, gegründet worden war. Als treue Verwalterin des Erbes von Liesel Christ hatte sie das Theater von 1996 bis 2013 weitergeführt. Seit ihrem Tod Ende 2015 hält nun die Stiftung das Erbe hoch. Im Vorstand sitzen neben der Journalistin Sabine Börchers die Historikerin Sabine Hock und hr-Redakteur Hans Sarkowicz, die den Abend moderierten. Mit großem Applaus und lautem Johlen begrüßte das Publikum Dieter Schwanda, den Rudi aus der „Familie Hesselbach“. Den „Hesselbachs“ war auch der erste und längste Teil der Geburtstagsfeier gewidmet. Schließlich hatte Liesel Christ als die „Mama“ Leib und Seele ihrer Familienfirma zusammengehalten: mit Nudeln in Tomatensoße.

          „Unsere halbe Wohnung hat mitgespielt“

          Als „zupackende Frau“ und „ungemein authentisch“ lernte Petra Roth sie auch im Alltag kennen. Vor allem Christs „Einsatz für andere“ hat sie beeindruckt. „So war, so lebt Frankfurt, als mäzenatische Bürgerstadt, die sich an der Mundart erfreut.“ Mit der Mundart half Christ der gebürtigen Bremerin manchmal auch hochoffiziell auf die Sprünge. Die Schriftstellerin Eva Demski, gebürtige Regensburgerin, sieht Frankfurt eher als eine „Mischung aus Kaff und Universum“. Ihr Vater Rudolf Küfner hatte die Bühnenbilder für die „Hesselbachs“ gebaut. „Unsere halbe Wohnung hat mitgespielt“, weiß sie noch. Und manches verschwand auch. Demski fand Liesel Christ „überhaupt nicht mütterlich“. Aber: „In ihrem Blick hatte sie ein paar Geheimnisse.“ Und den Subtext: „Isch könnt ganz anners.“

          „Das Mütterchen hat Krallen“, so hatte ihr Vater Kafka zitiert. Als „Mama Hesselbach“ wurde die Schauspielerin sogar übergriffig, wie in einem Ausschnitt der Folge „Der Kriminalfall“ zu sehen war. Da verschwanden die Bleistifte der Firma in den Schubladen der arglosen Mama, und Wolf Schmidt, der als „Babba“ die Jacke von Demskis Großvater trug, war so lange entrüstet, bis „Mama“ beleidigt schlafen ging. Eine typische Szene, wie sie der Kleinkünstler Jo van Nelsen später mit einer anderen Textpassage hinreißend aufleben ließ. Den Satz „Kall, mei Drobbe“ habe sie übrigens in keiner der Hörspielfolgen gesagt, wusste die „Stimme der Hesselbachs“. Van Nelsen hatte mit seinen Auftritten Begeisterungsstürme im Stalburg Theater geerntet.

          Beinahe wieder auferweckt

          Die Hesselbach-Familie ist groß. Mit Gaby Reichardt und Helga Wilhelm-Neuner erinnerten sich zwei der damals jungen Wilden an die Zusammenarbeit mit Christ. „Die Rollen wurden uns von Wolf Schmidt auf den Leib geschrieben“, verriet Wilhelm-Neuner, Schwiegertochter der „Mama“. „Die Alten zählten für uns gar nicht“, so Reichardt, die immer verliebt sein musste und keinen abkriegte. Heute, nach 41 Theaterjahren, sagt sie: „Meine große Liebe ist das Mikrofon, nicht die Kamera.“ Mit der Rezitation des Gedichts „Die Frankfurter Möv’“ von Erich Fries hätte sie Liesel Christ beinahe wieder auferweckt.

          Hat sich Christ 1971 mit dem Frankfurter Volkstheater ihren Wunsch nach Autonomie erfüllt, wie Demski meint? „Immer wenn das Theater anfängt, dekadent zu werden, gibt es eine Gegenbewegung“, räsonierte die Schriftstellerin. „Jedes Theater sollte eigentlich ein Volkstheater sein. Das ist eine Binse“, schloss Demski. Da konnte Margit Sponheimer wohl nur zustimmen. Die bekannteste Vertreterin der Mainzer Fassenacht ist in Frankfurt geboren. Sie hat nach Christs Tod zehn Jahre lang am hiesigen Volkstheater gespielt und ging dabei zum Amüsement von Regisseur Wolfgang Kaus „durch geschlossene Türen“. Jetzt bedankte die „Seiteneinsteigerin“ sich bei Bärbel Schöne und trug allerlei Frankfurter Volkshymnen vor.

          Seiteneinsteiger war auch der Wirtschaftsjournalist Frank Lehmann, der nur zweimal im Volkstheater aufgetreten ist, aber mit Christ im „Fröhlichen Frankfurt-Telefon“ Frohsinn verbreitet hat. Als Berliner musste er dafür die Mundart lernen. Jetzt trug er seinen Nachruf aus dem Jahr 1996 vor, in dem er die Prinzipalin mit den telefonischen Kochrezepten als „Fraa Frankfort“ tituliert hatte. Als dritter Seiteneinsteiger kam ein Darmstädter, Helmut Markwort, früher „Focus“-Chef, heute bayerischer Landtagsabgeordneter für die FDP, endlich auf das „Alter Ego“ der Prinzipalin zu sprechen, den künstlerischen Leiter des Volkstheaters Wolfgang Kaus, der im vorigen Jahr gestorben ist. Ihm hatte er es zu verdanken, dass er 2010 im „Jedermann“ als „Tod“ auftreten durfte. Er bedauerte den Verlust des Archäologischen Gartens als Aufführungsstätte vor dem Dom.

          Inzwischen waren die ersten Besucher gegangen, denn das pausenlose Marathon-Gedenken trug dem Altersdurchschnitt des Publikums nicht Rechnung. Drei Stipendiaten der jungen Volkstheater-Stiftung verabschiedeten die Gäste mit einem halsbrecherischen Mundart-Sketch aus alemannischer und bajuwarischer Equilibristik.

          Eine Aufzeichnung der Veranstaltung sendet hr2-Kultur am Ostermontag von 12.04 Uhr und 23.04 Uhr an.

          Weitere Themen

          Mysteriöse Gemeinschaften

          Hessisches Staatsballett : Mysteriöse Gemeinschaften

          In dem neuen Format „Shortcuts“ des Hessischen Staatsballetts sind Choreographen dazu eingeladen, mit eigenem Stil und wenig Zeit neue Stücke zu entwickeln. Zwischen der ersten Probe und der Premiere lagen nur 16 Tage.

          Topmeldungen

          Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

          Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchener setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.
          Regisseur Bong Joon-ho hat mit seinem gesellschaftskritischen Thriller die erste Goldene Palme für Südkorea geholt.

          Blog | Filmfestival : Hochverdienter Gewinner

          Mit „Parasite“ siegt in Cannes ein gesellschaftskritisches Drama mit teils schwarzem Humor aus Südkorea. Zwei Entscheidungen der Jury überraschen allerdings.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.