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Schock-Filme für Social Media : Gaffer behindern oft die Retter

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„Die Sensationsgier ufert immer mehr aus“, warnt der hessische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei vor filmenden Gaffern. Die Politik will dem entgegenwirken. Bild: dpa

Gaffen, Filmen, Im-Weg-Stehen: Oft behindern Schaulustige nach Unglücken massiv die Retter bei ihrer Arbeit. Schärfere Gesetze sollen nun Unbelehrbare zur Vernunft bringen.

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          Es brennt, ein schlimmer Unfall ist passiert, jemand liegt schwer verletzt auf der Straße: Wenn Helfer eigentlich schnell zu einem Unglücksort eilen müssen, werden sie nicht selten von Schaulustigen massiv behindert. Ein besonders drastischer Fall ereignete sich dieses Jahr im nordrhein-westfälischen Hagen, als 150 Gaffer bei einem Verkehrsunfall die Retter nicht durch ließen. Ähnliche Szenen sind auch Einsatzkräften in Hessen bekannt - etwa von einem Brand in Rüsselsheim im Juni.

          Erst vor wenigen Tagen schnappte die Polizei zwei Männer, die im Juli bei einem Unfall auf der Autobahn 60 bei Ginsheim-Gustavsburg (Kreis Groß-Gerau) gefilmt haben sollen, wie ein Mann in seinem Lastwagen verbrannte, statt zu helfen. Einer von ihnen stellte sich selbst den Ermittlern, nachdem die Behörden ein Foto der beiden Handyfilmer im Internet veröffentlicht hatten. Die Polizei ermittelt jetzt.

          Einige Medien bieten Honorare für Sensationsvideos an

          Die Sensationsgier ufere immer mehr aus, warnt der hessische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Andreas Grün. An Einsatzorten filmten Gaffer regelmäßig so penetrant, dass sie Helfer behinderten und die persönlichen Rechte der Opfer verletzten. „Jeder will in den sozialen Netzwerken etwas posten“, vermutet Grün. Einige Medien animierten Zuschauer oder Leser auch noch, Sensationsvideos einzusenden um dafür Honorare zu kassieren, kritisierte er.

          Die Entschuldigung, dass ein Video womöglich den Ermittlern bei der Aufklärung helfen könnte, lässt Grün nicht gelten. „Wenn die Polizei schon vor Ort ist, fotografiert und filmt sie selbst.“

          Auch der Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbandes, Harald Popp, resümiert: „Die Sensationslust ist ungebrochen.“ Gegenüber Helfern und Opfern sei dies „eine gewisse Respektlosigkeit“. Popp hofft, dass es mit schärferen Gesetzen ein Umdenken gibt. Der Bundesrat hat kürzlich einen Vorstoß gestartet, um gedankenlose Gaffer zur Vernunft bringen.

          Empfindliche Strafen für Gaffer geplant

          Neu ins Strafgesetzbuch aufgenommen werden soll demnach: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not Hilfeleistende der Feuerwehr, des Katastrophenschutzes oder eines Rettungsdienstes behindert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

          Das hessische Innenministerium begrüßt die Pläne. Es sei nicht zu tolerieren, wenn Rettungskräfte im - oft ehrenamtlichen - Einsatz durch die Schamlosigkeit anderer behindert oder sogar von ihnen angegriffen werden. Deshalb müssten Gaffer deutlich in die Schranken gewiesen werden.

          Mobile Sichtschutzwände sollen bei Unfällen vor Gaffern schützen, die oft die Arbeit von Polizisten und Feuerwehrleuten behindern.

          Früher haben Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Bad Hersfeld große Decken hochgehalten, um bei Unfällen die Opfer vor neugierigen Blicken zu schützen. Seit vergangenen Jahr ist es eine Plane mit der Aufschrift: „Nicht gaffen, Mitglied werden“. „Es hat viele Reaktionen gegeben, darunter viel Zuspruch“, sagt Feuerwehrsprecher Marco Wenderoth. Das Plakat sei bereits mehrmals im Einsatz gewesen, etwa bei Unfällen auf den Autobahnen 4 und 7.

          Psychologie-Professor: „Gaffen ist ein angeborener Instinkt“

          „Oft fahren die anderen Autos sehr langsam an dem Unglücksort vorbei, jeder zweite hat sein Handy gezückt und filmt“, berichtet Wenderoth. Es käme auch vor, dass Wagen auf der Gegenspur anhielten, um gute Bilder zu erhaschen. „Das ist sehr gefährlich, auch für die freiwilligen Helfer, die gesund wieder nach Hause kommen wollen.“

          Oft seien sehr ernste Worte nötig, um Schaulustige etwa bei Hausbränden dazu zu bewegen, einfach weiterzugehen. „Gaffen ist inzwischen ein Stück weit normal geworden“, sagt Wenderoth. Das Smartphone mit Videotaste wirke da wie ein Katalysator.

          Für den Notfallpsychologen Bernd Gasch ist Gaffen ein sehr menschliches Verhalten. „Es ist ein angeborener Instinkt, der weit in die Menschheitsgeschichte zurückgeht“, erklärt der emeritierte Psychologie-Professor der Universität Dortmund. Schon im Mittelalter seien Hinrichtungen ein Ereignis gewesen.

          Drang zu filmen stärker als die Rücksicht

          Besonders große Neugier lösten ungewöhnliche Ereignisse aus, bei der große physikalische Kräfte wirkten. Sind zusätzlich Menschen involviert - womöglich Prominente - dann werde das Geschehen noch interessanter.

          „Stellen Sie sich vor, ich wäre dabei gewesen, als Frau Merkel beim Langlaufen auf den Po gefallen ist und ich hätte das gefilmt“, sagte Gasch. Hätte er dann das Video im Sportverein herumgezeigt - „das hebt mich natürlich in der Hierarchie ganz hoch“. Geltungsbedürfnis spiele bei filmenden Gaffern eine Rolle - also die Summe der Daumen-hoch-Zeichen bei Facebook, sagt Gasch. Für die Schaulustigen sei in dem Moment der Drang, dabei zu sein und zu filmen, stärker als die Rücksichtnahme.

          „Gaffer verlassen mit ihrem Verhalten eine Grundfeste humanitärer Gesellschaften“, sagt der Rettungsdienstleiter beim hessischen Deutschen Roten Kreuz, Günter Ohlig. „Menschen in Not anzuglotzen, zu fotografieren oder gar zu filmen folgt den niedersten Instinkten und sollte in einer zivilisierten Gesellschaft nicht zu den Alltagserscheinung zählen.“ Daher begrüße er die Bundesratsinitiative.

          Ohlig gibt jedoch zu bedenken, ob der mögliche neue Strafbestand auch geahndet werden kann. „Nur, wenn die Polizei personell und technisch wirklich in die Lage versetzt wird, entsprechende Gaffer zu erfassen oder auch Aufzeichnungsgeräte sicher zu stellen, wird die Strafverfolgung wirklich möglich sein.“ Dies könnten die Rettungskräfte nicht auch noch leisten.

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