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Hessen : Kailing nicht mehr für DGB-Spitze nominiert

Bild: dpa

Als Gabriele Kailing 2014 Stefan Körzell an der Spitze des Gewerkschaftsbundes ablöste, waren die Erwartungen groß. Sie konnte sie offenbar nicht erfüllen.

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          Rolle rückwärts beim Deutschen Gewerkschaftsbund: In wenigen Monaten wird die Leitung des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen wieder in Männerhand liegen. Die derzeitige Bezirksleiterin Gabriele Kailing ist nicht für die Neuwahlen auf der Bezirkskonferenz am 9. Dezember in Frankfurt nominiert. Der Bezirksvorstand, der aus den Chefs von acht Einzelgewerkschaften gebildet wird, darunter IG Metall, Verdi, IG Bau und IG BCE, hat stattdessen den bisherigen Regionalgeschäftsführer des DGB in Nordhessen, Michael Rudolph, dem Bundesvorstand für das Amt vorgeschlagen. Die Bundesspitze des Gewerkschaftsbundes folgt traditionell dieser Empfehlung.

          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Man müsse es als Entscheidung für Rudolph sehen und nicht als eine gegen Kailing, hieß es gestern in einer offiziellen Erklärung des DGB Hessen-Thüringen. Kailing suche neue gewerkschaftspolitische Aufgaben. Wenn man mit dem Kräftespiel zwischen dem DGB und den Einzelgewerkschaften etwas vertraut ist, kann man dieser Deutung kaum folgen.

          Vertretung der Interessen der Mitglieder oder der Vorsitzenden?

          Es spricht alles dafür, dass die Chefs der Einzelgewerkschaften, die den Bezirksvorstand des DGB bilden, ihre Organisationen nicht angemessen durch Kailing vertreten sahen, die im Juli 2014 in Bad Hersfeld auf der Bezirkskonferenz zur Vorsitzenden gewählt worden war. Aus dem Kreis des Bezirksvorstands waren gestern denn auch Einlassungen zu vernehmen, die diesen Schluss bestätigen: Ein Bezirksvorsitzender des DGB habe nicht nur eine Repräsentations-Aufgabe, sondern müsse vor allem die Interessen der einzelnen Mitgliedsgewerkschaften bündeln und durchsetzungsstark vertreten, sagte gestern ein Vertreter aus dem unmittelbaren Führungskreis einer größeren Einzelgewerkschaft im Gespräch mit dieser Zeitung. Kailing habe das nicht in dem Maße getan, wie man das erwartet habe. Die Nominierung des 39 Jahre alten Rudolph ist demnach sehr wohl auch eine Entscheidung gegen die 53 Jahre alte Kailing.

          In einer offiziellen Mitteilung des mächtigen IG-Metall-Bezirks Mitte hörte sich das allerdings wieder etwas anders an: IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Köhlinger dankte darin Kailing für ihre Arbeit. Ihre Entscheidung zum beruflichen Wechsel respektiere die IG Metall, und man wünsche ihr für die neue Aufgabe alles Gute und viel Erfolg. Rudolph als Kandidat für ihre Nachfolge als Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen könne sich der vollen Unterstützung des IG-Metall-Bezirks Mitte sicher sein.

          Heikel daran ist nicht nur die unterschiedliche Darstellung, sondern auch die Tatsache, dass es vor allem Köhlingers Vorgänger Armin Schild war, der seinen großen Einfluss geltend gemacht hatte, um Kailing durchzusetzen. Damals ging es auch darum, erstmals einer Frau die Spitzenfunktion im DGB-Bezirk Hessen-Thüringen anzuvertrauen. Wie es hieß, hatte sich der DGB-Bundesvorsitzende Reiner Hoffmann sehr für die Wahl einer Frau eingesetzt. Auch in der Gewerkschaft Verdi, in der die Frauen mit mehr als 56 Prozent die Mehrheit der Mitglieder stellen, beobachtete man die Entwicklung damals kritisch, schließlich wollte man dort endlich eine Frau an der Spitze sehen. Kailing galt bei Verdi allerdings nicht eben als Protagonistin einer kämpferischen Frauenförderung. Und ihren mächtigen Förderer aus der IG Metall, Armin Schild, zog es bald nach Berlin als einen von zwei Geschäftsführern des Vereins „Netzwerk Zukunft der Industrie“, wo er seither die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften, Unternehmen und Politik organisiert.

          Persönliche Überzeugungskraft und Präsenz

          So konnte Kailing kaum auf erfahrene Unterstützung in einem sehr speziellen Job zurückgreifen, der deshalb besonders hart und heikel ist, weil der DGB-Bezirksvorsitzende im Vergleich zu den Chefs der Einzelgewerkschaften seine Macht nicht aus dem Amt und einer mächtigen Organisation gewinnt, sondern vor allem aus der persönlichen Überzeugungskraft und der Präsenz.

          Genau über diese Fähigkeiten verfügt Körzell. Nicht zuletzt deshalb stand der Zwei-Meter-Mann seit 2002 an der Spitze des Bezirks und wurde dreimal wiedergewählt, bevor er an die Bundesspitze wechselte. Dass die sachkundige Tarifexpertin Kailing, die zuvor bei der IG Bau arbeitete, die mit dem Weggang Körzell entstandene Lücke rasch würde schließen können, konnte man in Gewerkschaftskreisen eigentlich nicht ernsthaft geglaubt haben. Stellvertretender Bezirksvorsitzender wird wohl der Thüringer Gewerkschafter Sandro Witt bleiben.

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