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G. F. Heim Söhne im Odenwald : Anmutige Löffel

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Edles Salatbesteck: aus Plexiglas-Platten geschnitten, unter Hitze geformt, dann geglättet. Bild: Kretzer, Michael

Einst hatte die Firma G. F. Heim Söhne aus dem Odenwald Weltgeltung, mit Haarschmuck und Knöpfen und Hutnadeln. Heute produziert sie hochwertige Kunststoffwaren für den gedeckten Tisch.

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          Mit knapp vier Euro hat der bunte Eierlöffel seinen nicht eben niedrigen Preis, für den Eierbecher legt der Kunde fast zehn Euro hin. Wenn er weiß, wo er ihn bekommt. Im gemeinen Einzelhandel gelingt das nur schwer, er muss schon in Porzellangeschäfte gehen, in einen der Designerläden auf der Züricher Bahnhofstraße oder ins Internet. Es ist eine Mischung aus Understatement und relativer Größe. Nicht einmal ein Logo leistet sich das Unternehmen G. F. Heim Söhne, um seine Markenprodukte aus der Masse hervorzuheben. Andererseits: Allein 40000 bis 50000 Eierlöffel verlassen jährlich die kleine Manufaktur in Ober-Ramstadt. Der Familienbetrieb beschäftigt derzeit zwölf Mitarbeiter. Heidi und Bernd Huse leiten das Unternehmen in fünfter Generation; im Herbst feierte die Firma ihr Bestehen seit 150 Jahren.

          Die Heimschen Produkte, die Eier- und Joghurtlöffel, das Salatbesteck, die Eierbecher bezaubern durch ihre schlichten Formen und eine seidigglatte Oberfläche, sie sind monochrom oder farbig gemasert. Nicht immer hat die Fabrik Kunststoffwaren produziert; am Am Anfang der Firmengeschichte stand Material aus dem Panzer von Schildkröten.

          Haarschmuck für die russische Zarin

          Der Kammmacher Georg Friedrich Heim gründete 1862 in Ober-Ramstadt eine Firma zur Verarbeitung von Schildpatt. Kämme und Haarschmuck wurden hergestellt, nach der Jahrhundertwende auch Griffe für Stöcke und Schirme, Hutnadeln, Knöpfe und Gürtelschließen, Bürsten und Handspiegel. 185 Personen arbeiteten 1912 in dem damals neu errichteten Backsteinbau, der europaweit größten „Schildpattwarenfabrik“, wie sich das Unternehmen nannte. Die Waren wurden in alle europäischen Länder exportiert, nach Australien und Südamerika. In London und Paris unterhielten Heim Söhne eigene Lager. Reklame hatte das Unternehmen nicht nötig. Die Kundschaft erwies sich als treu und wuchs. Die russische Zarin erwarb Haarschmuck, nachdem eine Ausstellung Heimscher Produkte auf der Mathildenhöhe in der Darmstädter Künstlerkolonie anschließend in St. Petersburg gezeigt worden war.

          In den zwanziger Jahren aber war es Zeit für eine neue Geschäftsidee, denn als die Frauen Bubikopf trugen, brach der Markt für Haarspangen aus Schildpatt zusammen. Die Familie Heim antwortete mit neuen Materialien und Ersatzprodukten. Neue Kunststoffe wie Galalith und Edelkunstharze fanden ihre Anwendung und nicht zuletzt das von der Firma Röhm & Haas entwickelte Plexiglas.

          Vom Schildpatt zum Plexiglas

          Daraus macht das Familienunternehmen heute noch Besteck. Plexiglas ist Heidi und Bernd Huse zufolge ähnlich zu behandeln wie Schildpatt, es zu verarbeiten habe damals von den Mitarbeitern keine grundlegend neuen Kenntnisse verlangt - und Schildkröten musste nicht mehr zu Leibe gerückt werden. Es seien auch, hebt die Familie Huse hervor, einstmals die Tiere nicht für die Kämme und Spangen getötet worden, sondern für die damals als Delikatesse weithin geschätzte Schildkrötensuppe. Die Panzer seien gleichsam nur nebenbei verarbeitet worden. Das Plexiglas wird in Form von quadratmetergroßen, wenige Millimeter dicken Platten in die Fabrik geliefert. Lasergesteuerte Maschinen schneiden, ohne dass Abfall anfällt, die Formen etwa für Löffel aus. Die wenigen Mitarbeiter legen dann den Rohling in einen kleinen Kasten und formen ihn unter Wärme und mit Druck.Dann beginnt die Feinarbeit: Die Ränder verlieren mit Hilfe kleiner Schleifmaschinen ihre Kanten, und schließlich lassen sie die bunten Löffel noch in hölzernen Poliertrommeln eine Woche lang glätten. Bei Salatbesteck oder Eierbechern verläuft die Prozedur ähnlich.

          Heidi und Bernd Huse wollen mit ihrem kleinen exquisiten Angebot weiter wachsen, wollen den Export erhöhen und damit auch das Geld verdienen für neue Ideen und neue Designs. In 50 Jahren sollen dann die Kinder und Enkel das zweihundertjährige Bestehen des Unternehmens feiern.

          Für Konkurrenz ist die Nische zu klein

          Konkurrenz auf dem Markt sehen Huses eher nicht, dafür ist ihre Nische auch zu klein. Koziol in Erbach erwähnen sie. Und sie verweisen darauf, dass eigentlich jedes Material, aus dem Besteck bestehe, Konkurrenz sei. Abfällig sprechen sie über Campinggeschirr aus Kunststoff. Billigproduktion sei ihr Ding nicht. Chinesen hätten sich mit Kopien ihrer Löffel und Eierbecher versucht, aber nichts so Schönes hergestellt.

          Ob einfarbig oder mit Kunststoffmaserung: Heidi und Bernd Huse freuen sich, dass immer mehr junge Kunden zu ihren Produkten greifen. Apfelgrün und Pink seien derzeit die beliebtesten Farben. Außer Geschirrteile herzustellen und Küchenrollenhalter, Prospektständer, Butterdosen oder Messerbänkchen nach eigenem Entwurf hat das Unternehmen Heim Söhne ein weiteres Geschäfstfeld entwickelt. Es lasert, fräst, formt, poliert und schleift Kunststoffteile nach Wunsch von Kunden, für Labore beispielsweise.

          In dem Fabrikgebäude macht das Familienunternehmen Besuchern - auf Anmeldung - das weitgehend erhaltene historische Kontor mit seinem Jugendstilfenster und den Vitrinen mit Gegenständen der vergangenen 150 Jahre zugänglich. Und Heim Söhne beteiligen sich auch an der geplanten sogenannten Kunststoffstraße im Landkreis Darmstadt-Dieburg: Dort hatten sich einst diverse kunststoffverarbeitende Fabriken entwickelt. Manche gibt es noch, an andere erinnern Museen, etwa das in Ober-Ramstadt mit seiner besonderen Abteilung. Eierbecher von Heim aber sind in der Umgebung noch nicht zu bekommen.

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