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Fußballtore in Frankfurt eingesammelt : Die Angst, dass ein Tor fällt

Friedhof der Fußballtore: Auf einem Betriebsgelände neben dem Platz der SG Höchst 01 lagern gut 30 kleinere der 351 eingesammelten Tore. Bild: Fricke, Helmut

Das Sportamt Frankfurt hat nach einem tödlichen Unfall in Hamburg 351 mobile Fußballtore eingesammelt. Sie sollen nicht stabil genug sein. Doch das ist seit zwölf Jahren amtlich. Interessiert hat es niemanden.

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          Da stehen sie nun, 29 Aluminiumgestelle, zusammengeschoben auf einem matschigen Platz der SG Höchst 01. Fünf Meter breit und zwei Meter hoch sind die Tore, vier Männer können sie leicht heben. Nebenan, auf einem Betriebsgelände des Vereins, zwischen Splitthaufen und Containern, finden sich 33 weitere Tore. Die meisten von ihnen sind kleiner, nur drei Meter breit. Kinder- und Jugendmannschaften brauchen sie zum Training und von der G- bis zur D-Jugend auch für Punktspiele. Weil die Jüngeren noch nicht auf dem ganzen Feld kicken, verkleinern sie mit den transportablen Toren die Spielfläche.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Problem ist: Im Moment kicken viele Frankfurter Fußballer überhaupt nicht, zumindest nicht auf mobile Tore. Kein einziger der rund 80 Fußballvereine in der Stadt darf sie noch benutzen. Das Sportamt hat sie Anfang Januar in einer Hauruck-Aktion in wenigen Tagen eingesammelt oder angekettet. Begründung: Lebensgefahr.

          Junge vom Tor erschlagen

          Die Geschichte der eingesammelten Tore hat einen traurigen Anlass und einen kuriosen Verlauf. Ihren Anfang nimmt sie in Hamburg, am Abend des 17.Mai 2013 im Stadtteil Harburg, auf dem Platz des Sportvereins Dersimspor. Ein paar Spieler der F-Jugend schauen den Größeren aus der C-Jugend zu. Unter den Kleinen ist ein sieben Jahre alter Junge, den seine Freunde „Effi“ nennen. Sein Bruder trainiert mit der C-Jugend. Die Jungs sind 13, 14 Jahre alt.

          Um Flachschüsse zu üben, haben die Jugendlichen die Tore so gedreht und hingelegt, dass sie eine kleinere Einschussfläche bieten. Irgendwann ist die Übung zu Ende, die Spieler gehen in die Kabine. Effi und die anderen nutzen den Platz und beginnen zu kicken. Jungs und ein Ball. Wenig später schickt der Trainer der C-Jugend drei Spieler zurück auf den Platz. Sie sollen die Tore wieder aufrichten. Die drei gehen zu einem der Tore und heben es an – mit einem Ruck. Sie passen nicht auf, verlieren die Balance. Und Effi steht an der falschen Stelle. Der kleine Junge, so wird es später die Hamburger Polizei mitteilen, wird von einer Aluminiumstrebe am Kopf getroffen. Er erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und verliert viel Blut. Wenig später stirbt er im Kinderkrankenhaus Altona.

          Damokles-Schwert über Sportamt

          Von dem Unfall erfährt das Frankfurter Sportamt nicht etwa im Mai. Sondern erst viele Monate später. Kurz vor Jahresende nehmen zwei Mitarbeiter an einer Fortbildung der Universität Osnabrück teil. Es geht um das Thema „Sicherheit auf Sportplätzen“. Effis Unfall wird erörtert. Die Mitarbeiter lernen, dass sie sich grob fahrlässig verhalten, falls sie solche Tore weiter im Namen des Sportamts genehmigen, ohne als verantwortlicher Eigentümer zum Beispiel Zusatzgewichte an den hinteren Bodenstangen anzubringen. Sie bekommen es mit der Angst zu tun. Alarmiert kehren sie nach Frankfurt zurück.

          Die plötzliche Aufregung ist nicht zu verstehen. Denn schon 2002 beschlossen die deutschen Sportminister ein Papier mit dem Titel „Tore müssen fallen, nicht umfallen“, das die Kippgefahr beim Transport benannte. Darin findet sich der Satz: „In der Vergangenheit sind bedauerlicherweise mehrere schwere Unfälle beim Umkippen von Ballspieltoren geschehen.“ Außerdem wird auf die europäische Norm DINEN748 für Fußballtore verwiesen. Sie stammt aus dem Jahr 1996 und schreibt eine bestimmte Standfestigkeit vor. Um sie auch für mobile Tore zu erreichen, seien „Bodenbefestigungen“, „Bodenanker“ oder „Antikipp-Vorrichtungen“ vorzusehen. Wenn der Leiter des Sportamts, Georg Kemper, nun davon spricht, ohne das Handeln seiner Behörde hätte „ein Damokles-Schwert“ über Sportlern, Vereinsverantwortlichen und Sportamtsmitarbeitern geschwebt, dann schwebte dieses Schwert dort seit mindestens zwölf Jahren. Ohne dass es jemand bemerkt hätte. Und ohne dass es je herabgefallen wäre.

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