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Fußballfans prügeln sich an A5 : Massenschlägerei als Kampfsport-Format

Festnahme: Am Rande von Spielen zwischen Eintracht und Lilien hat die Polizei immer wieder eingegriffen, dieses Foto zeigt einen Vorfall aus dem Jahr 2016 Bild: dpa

Nach der Prügelei zwischen Fans von Eintracht Frankfurt und Darmstadt 98 nahe Weiterstadt zeigt sich die Polizei weitgehend machtlos. Und die Vereine schweigen sich dazu aus. Doch geht es überhaupt um Fußball?

          2 Min.

          Die Videos sehen zum Teil furchterregend aus. Im Internet und in sozialen Netzwerken kursieren Filmaufnahmen, in denen sich zwei Gruppen von Männern auf einem Acker gegenüberstehen und aufeinander losgehen. Es handelt sich dabei häufig um arrangierte Kämpfe zwischen Fans von Fußballvereinen. Ein solcher Kampf hat auch in der Nacht von Samstag auf Sonntag auf einem Feld nahe der A5 in Weiterstadt stattgefunden. Nach Angaben der Polizei hatten sich jeweils etwa 120 Anhänger von Eintracht Frankfurt und Darmstadt 98 zu der Schlägerei verabredet.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zeugen alarmierten die Polizei, weil sich die Prügelei offenbar bis zum Standstreifen der A5 ausgeweitet hatte. Als die Beamten eintrafen, flüchteten die beteiligten Personen zu Fuß oder mit ihren Fahrzeugen in alle Himmelsrichtungen. Einige von ihnen konnten festgenommen werden, sie wurden inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt. Ihnen drohen Strafverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung. Dass es sich nicht nur um eine harmlose Prügelei, sondern um schwerwiegende Gewalt handelte, beweisen die Funde der Polizei: Die Beamten stellten unter anderem Quarz-Handschuhe und Teleskopschlagstöcke sicher.

          Überregionale Unterstützer für Lilien-Fans

          Auf einschlägigen Hooliganseiten finden sich nähere Details zu der Schlägerei. So sollen sich in dem Lager der Darmstädter auch Fans aus Bern, Berlin, Bremen, Minsk und des FC St. Pauli befunden haben. Der Kampf soll nach zweieinhalb Minuten beendet gewesen sein. Sogar ein Gewinner des Kampfs ist dort genannt.

          Das deutet darauf hin, dass die Beteiligten die Schlägerei nicht primär als Ausdruck der Abneigung gegen andere Fußballfans sehen, sondern als eine Art Sport. In den vergangenen Jahren hat die gewaltbereite Fanszene die Schlägereien als eigenes Format begründet, das sich unter dem Druck der Polizei, aber auch als Ergebnis der Arbeit von Fanprojekten aus dem Stadion heraus an abgelegene Orte verlagert hat. Möglichst gleich große Teams treten dort gegeneinander an, die Gruppen sind durch unterschiedliche Farben klar voneinander zu unterscheiden. Auf Videos sind neutrale Personen zu sehen, die vermutlich gewisse, rudimentäre Regeln durchsetzen sollen. „Gewonnen“ hat, wer am Ende noch steht.

          Wie die Polizei in Darmstadt am Montag mitteilte, laufen die Ermittlungen noch. Bei Darmstadt 98 hüllt man sich derweil in Schweigen. Man habe die Meldung der Polizei „zur Kenntnis genommen“, hieß es am Montag nur. Von Eintracht Frankfurt war lediglich zu hören, man kommentiere die Vorkommnisse nicht, lehne Gewalt in jeder Form aber grundsätzlich ab.

          Fußball nicht im Vordergrund

          Aus Kreisen der Frankfurter Fanszene ist der Hinweis zu hören, dass sich die Beteiligten an der Schlägerei im gegenseitigen Einvernehmen darauf einließen. Zudem stehe der Fußballkontext, also die Nähe zu Darmstadt 98 und zu Eintracht Frankfurt, bei den Prügeleien nicht im Vordergrund. So würden für die Schlägereien zunehmend auch Männer rekrutiert, die wenig mit Fußball zu tun hätten und eher dem Kampfsport zugeneigt seien, hier aber eine Plattform gefunden hätten, um Gewalt auszuleben.

          Zuletzt gab es im November 2019 eine größere Schlägerei zwischen Frankfurtern und Darmstädtern am Bahnhof Grube-Messel; im Februar 2017 kam es zudem vor einer Bundesligapartie der beiden Teams zu einer Prügelei vor einem Lokal in Frankfurt-Bockenheim. Da die Schlägereien meist in einem engen und begrenzten Kreis vereinbart würden und keine Außenwirkung entfalteten, stehen der Polizei laut Aussagen der Polizei Frankfurt nur begrenzte rechtliche Möglichkeiten zur Verfügung, die Auseinandersetzungen zu verhindern, hieß es am Montag. Bei potentiellen Risikospielen etwa versuche man, etwa durch Aufenthalts- und Betretungsverbote, Auseinandersetzungen in unmittelbarer Stadionnähe zu verhindern, um so Unbeteiligte zu schützen.

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