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Fußballerin mit Burnout : Zurück in die Spur

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Seltenes Lächeln: Sarah Günther hatte sich einst von ihrem Wechsel zum 1. FFC Frankfurt einiges versprochen, und sie brachte auch gute Voraussetzungen mit an den Main. Am Ende aber stand das Scheitern beim Frauenfußballverein Nummer eins in Deutschland. Bild: picture-alliance / Becker & Bred

Leer und ausgebrannt: Die Fußballspielerin Sarah Günther spricht über ihr Burnout-Syndrom.

          3 Min.

          Sarah Günther spricht leise. Die Stimme der ehemaligen Profi-Fußballspielerin des 1. FFC Frankfurt zittert, stockt immer wieder, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Sie wirkt unsicher, ein wenig ratlos, Tränen steigen ihr in die Augen. Der Moment, in dem das Leben der heute Neunundzwanzigjährigen zerbrach, ist nicht an einem Augenblick festzumachen. Vielmehr ist es ein Prozess gewesen, ein schleichender. Einer, den sie nicht wahrhaben wollte - der Prozess ihres psychischen Zerfalls. Sarah Günther litt unter dem Burnout-Syndrom. Heute kämpft sie für eine Enttabuisierung des Themas.

          Das Auftreten von Burnout im Sport erscheint zunächst als Paradoxon. Sport gilt schließlich als Inbegriff für Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit. Professionelle Sportler wollen immer Höchstleistungen erbringen. Wenn sie aber ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden, verwandelt sich die Passion des Sports schnell in chronischen Stress. Gerade der permanente Leistungsdruck ist es, durch den auch die Seele Schaden nehmen kann - wenn sich der Sportler nicht ausreichend Erholungsphasen für Körper und Geist nimmt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte den beruflichen Stress jüngst zu „einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts“.

          Exotische Verletzung

          Sarah Günther wechselte 2005 vom Hamburger SV zum 1. FFC Frankfurt. Damals galt sie als das größte Defensivtalent des deutschen Frauenfußballs, hatte die Jugend-Auswahlen des Deutschen Fußball-Bundes durchlaufen, war auch in der Nationalmannschaft eine feste Größe und kam mit der Bronzemedaille von den Olympischen Spielen in Athen zurück. Der Wechsel nach Frankfurt sollte der nächste Schritt in ihrer Karriere werden, wirklich angekommen ist sie aber nie.

          Im Januar 2006 zog sie sich während der Vorbereitung auf die Rückrunde einen Riss jener Sehne an der Fußsohle zu, die vom Fersenbein hin zu den Zehen verläuft. „Auch noch etwas Exotisches“, kommentiert sie fast schon ironisch. Der Bundesligakader geriet für sie außer Sichtweite. Weil die Sehne ein zweites Mal riss, verbrachte Sarah Günther knapp zwei Jahre mit Reha-Übungen, während die anderen Spielerinnen trainierten und spielten. Sarah Günther hatte nie die Gelegenheit, sich beim FFC zu integrieren. „Ich habe vier Monate kaum gegessen, kaum geschlafen und fühlte mich allein“, sagt sie und erhebt auch Vorwürfe gegen die damalige Sportliche Leitung. Niemand habe das Gespräch mit ihr gesucht, der Verein habe sie völlig allein gelassen.

          Der neue Trainer bemerkte, dass etwas nicht stimmte

          Auch nachdem ihre Verletzung ausgeheilt war, fand Sarah Günther nicht wieder zurück in die Spur: „Ich war schmerzfrei - aber ich bin einfach nicht mehr zu dem Leistungsstand gekommen, an dem ich schon war.“ Sie trainierte mehr, versuchte noch professioneller und konzentrierter zu arbeiten. Psychische Schwäche? Für Sarah Günther ausgeschlossen. „Dann wäre es ja noch unmöglicher geworden, zurück in die erste Elf zu kommen“, sagt sie. Sie sei sich vorgekommen, wie ein Hamster in seinem Rad, das sich immer schneller zu drehen beginnt. „Ich habe viel geweint“, erinnert sich die gebürtige Bremerin. Auch an eine Rückkehr in die Heimat habe sie gedacht und schon den Wohnungsmarkt studiert.

          Glück hatte die 27-malige Nationalspielerin, dass mit Günter Wegmann im Juli 2008 ein neuer Trainer zum FFC kam. Er bemerkte, dass mit der Spielerin etwas nicht stimmte, kontaktierte Werner Schaefer, den Leiter des Olympiastützpunktes Hessen. Der empfahl die Zusammenarbeit mit Suzanna Maric. Die Sportpsychotherapeutin erkannte schnell: „Sarah war nicht mehr die Nationalspielerin, die wir kannten.“ Sie begann eine Therapie mit ihr, inzwischen ist ein großes Vertrauensverhältnis entstanden. Burnout ist als Krankheit nicht anerkannt, es ist eine Zusatzkategorie, die als „Erschöpfungssyndrom“ immer häufiger mit diagnostiziert wird. Die Patienten werden immer jünger. Die Hälfte der Deutschen, bei dem erstmals eine Depression festgestellt wird, ist unter 32. Das Robert-Koch-Institut stellt in seinem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey fest, dass jedes 20. Kind an depressiven Verstimmungen leide, jedes zehnte gar an Angstzuständen.

          Ob sie „gesundet“ ist, weiß sie nicht

          Zudem ist Burnout ein gesellschaftliches Tabuthema und wird noch immer allzu oft mit Schwäche und Versagen gleichgesetzt. Gerade im Leistungssport. Es gelte, Burnout zu enttabuisieren, ihn nicht mehr als Modephänomen darzustellen, sondern als schwerwiegende Symptomatik, sagt Suzanna Maric. Einen richtigen Burnout entwickelt niemand freiwillig, nur um sich eine berufliche Auszeit zu nehmen. Sarah Günther findet es deshalb richtig, dass Betroffene den Weg an die Öffentlichkeit wählen. „Glücklicherweise trauen sich mittlerweile Einige, darüber zu sprechen“, sagt sie. Für sie selbst war dies keine Option: „Ich weiß nicht, was dann noch alles passiert wäre“, sagt sie vieldeutend. Sich anderen zu offenbaren sei das eine, findet Suzanna Maric. Sich selbst aber einzugestehen, psychisch und physisch erschöpft zu sein, sei eine ganz andere Dimension. „Vielleicht sollte man einfach sagen dürfen: Mir geht es nicht gut“, so die Therapeutin.

          Über drei Jahre sind inzwischen vergangen, seit Sarah Günther akzeptiert hat, dass sie vollkommen erschöpft war. Ob sie inzwischen „gesundet“ sei, wisse sie nicht. „Es beschäftigt mich nach wie vor, manchmal werde ich rückfällig“, gesteht sie. Die Erinnerungen an die schlimmste Phase ihrer Depression bleiben, die Gefühle von damals kommen immer wieder hoch, machen sie nachdenklich, aufgeregt und nervös. „Ich war ausgebrannt, einfach leer“, bekennt sie. Sie lernt aber, mit Stress umzugehen. „Nein“ sagen zu können, gehöre beispielsweise dazu. „Ich werde besser“, sagt sie, „aber es geht mir nicht viel, viel besser.“

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