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Fußballer Alexander Schur : Immer mit der Ruhe

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Niemals geht man so ganz: Schurs Rückzug von der Frankfurter Fußballbühne im Mai 2006 war nur von kurzer Dauer. Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Für Alexander Schur ist der „langsame Schritt der richtige Weg“. Der frühere Profi will sich über seine Arbeit mit der Eintracht-Reserve für höhere Aufgaben empfehlen.

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          Es war das Zimmer 412. Aber Alexander Schur und Sandro Schwarz, die beiden Auszubildenden zum Fußballlehrer, nannten es die „Zelle 412“, die sie sich teilten - weil sie so spartanisch eingerichtet war. Und weil sich die ehemaligen Frankfurter und Mainzer Fußballprofis wie die anderen Teilnehmer am Lehrgang in dem mehrstöckigen Bettenhaus ein bisschen zusammengepfercht vorkamen - ganz so wie im Gefängnis. Ihre bescheidene Unterkunft lag in Reichweite der Sportschule Hennef, an der die beiden von Juni 2012 an meist in der ersten Wochenhälfte die Schulbank drückten, aber nicht wie Schüler behandelt wurden. Die Dozenten hätten von „Erwachsenenbildung“ gesprochen, sagt Schur. Seit Ende März ist der Einundvierzigjährige nun Fußballlehrer, im Rahmen eines Festaktes in Bonn erhielt er seine Urkunde. Nur die Abschlussnote kennt der gebürtige Frankfurter noch nicht. Sie kommt demnächst auf dem Postweg. Sein Gefühl sagt ihm, dass es eine zwei bis drei werden wird. „Priorität hat für mich, die Lizenz bekommen zu haben“, sagt er.

          Hinter Schur liegen anstrengende Monate, vom Aufwand her war es die intensivste Zeit in seinem Leben, wie er sagt. Denn das Eintracht-Urgestein, dessen Kopfballtreffer zum 6:3 in der Nachspielzeit gegen Reutlingen den Bundesliga-Aufstieg 2003 erst ermöglichte, ist nicht nur Vater von drei Kindern. Er trainiert auch die zweite Frankfurter Vereinsmannschaft in der Regionalliga Südwest. Die kämpft ausgerechnet in dieser Saison um den Klassenverbleib, trotz des 2:0-Erfolgs am Dienstag bei 1899 Hoffenheim II steht dem Tabellenletzten noch ein beschwerlicher Weg bevor. Ihm gilt jetzt die volle Konzentration von Schur. An den Abstieg denkt er nicht. Nur daran, dass er seinen Vertrag bis Juni 2014 erfüllen möchte - in der Regionalliga. Andere Angebote liegen ihm ohnehin nicht vor. Der einstige Eintracht-Kapitän sagt: „Sie würden mich auch nicht interessieren.“

          Die Ungeduld packt ihn nicht

          Schur, der Abitur hat, ist gelernter Bankkaufmann. Beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) machte er vor einigen Jahren ein Praktikum. Regelmäßig von 9 bis 17 Uhr im Büro gearbeitet zu haben - dieser Rhythmus half ihm bei dem strammen Programm, das die Absolventen der Fußballlehrerausbildung zu bewältigen hatten. Aber an den Schreibtisch, etwa als Bankangestellter, wird er wohl nicht zurückkehren. „Man sollte das machen, was man besser beherrscht.“ Der Fußball bleibt sein Leben. Mancher im Verein traut ihm sogar zu, irgendwann Cheftrainer der Eintracht zu werden. Schur sagt: „Ich war der erste, der sich gefreut hat, dass Armin Veh bleibt. Die erfolgreiche Arbeit, die er leistet, kann keiner wieder machen.“ Während seiner Praktika in Frankfurt ist ihm die „gute Ausstrahlung“ von Veh aufgefallen. „Er ist null negativ, sondern ein absolut positiver Mensch. Das ist auch das Gesicht der Mannschaft in ihrer Spielkunst.“ Und weiter: „Armin Veh ist sich absolut sicher in dem, was er macht.“ Der Stuttgarter Meister- und Frankfurter Aufstiegstrainer könnte ein Vorbild für Schur sein.

          Irgendwann wird er sicher ein Profiteam betreuen. Doch die Ungeduld packt ihn nicht. Zum einen, weil er ein „vorsichtiger Mensch“ sei. „Ich schaue, ob ich es gut mache.“ Außerdem lautet sein Motto: „Der langsame Schritt ist der richtige Weg.“ Führt der ihn dann auf die Trainerbank des Eintracht-Bundesligateams? „Sollte Armin Veh irgendwann nicht mehr Trainer sein, habe ich ein bisschen mehr Erfahrung in ein, zwei Jahren. Dann stellt sich die Frage vielleicht ganz anders“, sagt Schur. Er kann sich aber auch vorstellen, in der ersten und zweiten Liga zunächst einmal Assistenztrainer zu werden. Etwa, wenn ein erfahrener Trainer wie der Bornheimer Zweitliga-Coach Benno Möhlmann jemanden suchen würde. „Er macht beim FSV Frankfurt einen Riesenjob“, findet Schur.

          „Irgendwann könnten wir ein Trainerteam werden“

          Nicht mehr in der Ausbildung in Hennef zu stecken, empfindet er als „absolut befreiendes Gefühl“. Die 15 Prüfungsstunden seit Anfang Februar haben ihm noch einmal alles abverlangt. Jetzt aber witzelt er: „Mit dem Mündlichen tue ich mich leichter. Ich schreibe so langsam. Da kam ich ein bisschen unter Zeitdruck.“ Geblieben ist ihm das „Riesennetzwerk“, das er sich aufgebaut hat. Sein Lehrgangskollege Frank Kramer trainiert nun die Spielvereinigung Greuther Fürth in der Bundesliga. Ein Wiedersehen auf der Schulbank gab es mit den früheren Eintracht-Profis Mirko Dickhaut und Jörg Böhme. Dank der Ausbildung kann Schur jetzt noch systematischer arbeiten, wie sein Hintergrundwissen deutlich größer geworden ist. Trotz der Doppelbelastung sei es eine „fast zu hundert Prozent positive Zeit“ gewesen.

          In dieser ist ihm Schwarz, mit dem er eine Fahrgemeinschaft bildete, ein sehr guter Freund geworden. „Irgendwann könnten wir ein Trainerteam werden“, meint Schur. „Sandro ist mir richtig ans Herz gewachsen. So, als ob wir uns schon 30 Jahre kennen würden.“ Zellengenosse Schwarz verlässt im Sommer den Ligarivalen Eschborn und wird U19-Trainer der Mainzer Bundesligamannschaft. Schur indes will den Ligaverbleib mit der Eintracht. Die Ruhe dazu hat er: Seine schlaflosen Nächte gehören der Vergangenheit an.

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