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Fußball : "Steigerung der Grausamkeit"

Geht es noch schlimmer als damals, am 5.Mai vergangenen Jahres, als Mainz 05 bei Union Berlin noch einen Punkt gebraucht hätten, um zum erstenmal in der Vereinsgeschichte in die Bundesliga aufzustegen? Es geht. Für Klubchef Strutz war das 3:4 in Ahlen eine neue Form der Grausamkeit.

          Geht es noch schlimmer als damals, am 5.Mai vergangenen Jahres, als die Mainzer bei Union Berlin noch einen Punkt gebraucht hätten,um zum erstenmal in der Vereinsgeschichte in die Fußball-Bundesliga aufzusteigen? Damals verloren die Rheinhessen 1:3, die entscheidenden Tore fielen in der Schlußphase, und es war der VfL Bochum, der sich den dritten Aufstiegsplatz sicherte. Geht es noch schlimmer? Ja, murmelte Harald Strutz, der Präsident des FSV Mainz 05, am Montagabend nach der spektakulären 3:4-Niederlage der Rheinhessen bei LR Ahlen. "Das war die Steigerung der Grausamkeit." 0:2 waren die Mainzer schon nach elf Minuten und Toren von Rath und Sopic zurückgelegen, hatten sich dann gefangen, waren durch Niclas Weiland, Bodog und Auer bis zur 52. Minute 3:2 in Führung gegangen, und alles schien den erhofften Verlauf zu nehmen. Ein Sieg beim Abstiegskandidaten, das hätte bedeutet: Platz drei und drei Punkte Vorsprung zwei Spiele vor Schluß vor der Konkurrenz aus Frankfurt und Greuther Fürth. Doch dann verloren sie wieder den Überblick, Trainer Klopp nahm mit Thurk, Azaouagh und Niclas Weiland nach und nach drei seiner Offensivkräfte aus dem Spiel, nahm seiner Mannschaft damit die Möglichkeit der Entlastung gegen die wie aufgedreht anrennenden Ahlener, ohne seine Abwehr aber wirklich zu stärken. Plötzlich ging es drunter und drüber im Mainzer Strafraum, der Ball knallte gegen die Latte, flog auch einmal ins Tor, was der Schiedsrichter zu Unrecht wegen einer angeblichen Abseitsstellung nicht anerkannte. Ahlen provozierte und bekam eine Fülle von Freistößen, der Ball flog schier pausenlos in hohem Bogen in den Mainzer Strafraum, wo die Ahlener längst die Lufthoheit hatten und Torhüter Wache - von seinen Kollegen verlassen - zunächst rettete, was noch zu retten schien. Doch als die Artikel, die von einem glücklichen und wichtigen Mainzer Sieg berichtet hätten, geschrieben und fast schon in die Redationen gesendet waren, da konnte auch Wache nicht mehr helfen. Es war die 90.Minute, dann die Nachspielzeit, "ein ManU-Erlebnis", wie der Mainzer Manager Heidel in Erinnerung an das legendäre Champions League-Finale zwischen Bayern München und Manchester United sagte. Mit zwei Toren innerhalb von 90 Sekunden drehten Zepek und Chiquinho für die Ahlener das Spiel - der Gipfel des Glücks für die abstiegsbedrohte Mannschaft und ihren Trainer Werner Lorant, das Tal der Tränen für die Mainzer Verlierer.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Was nun? Selbst der Mainzer Trainer Jürgen Klopp, sonst ein Meister der kühlen Analyse, verlor nach dem niederschmetternden Ergebnis die Fassung. Der Schiedsrichter, der selbstgerechte Lorant, der sich in Ahlen aufführt wie ein Abgesandter aus der großen weiten Fußballwelt, den es aus unbekannten Gründen in die Provinz verschlagen hat, selbst der eigene Torhüter - sie alle bekamen die Wut von Klopp zu spüren. Die Enttäuschung suchte ein Ventil, doch schon am Tag danach sah es anders aus. "Mir sind die Gäule durchgegangen", sagte Klopp und kehrte zur Normalität zurück. Die Fakten sehen so aus: Zwei Spieltage vor Saisonende liegen die Mainzer punktgleich, aber mit der um drei Treffer schlechteren Tordifferenz hinter Fürth und Frankfurt auf Rang fünf, das sieht nicht wirklich gut aus für die Rheinhessen, die nun nicht nur die schlechteste Ausgangsposition der drei Aufstiegskandidaten haben, sondern auch das Debakel von Ahlen verarbeiten müssen. "Wer uns abschreibt, macht einen Fehler", sagte Klopp tapfer, und auch Manager Heidel hat nach der ersten Enttäuschung noch einmal nachgerechnet. "Das wird eine Millimeterentscheidung." Heidel hat in der Mannschaft Trotz ausgemacht, den Fans ("Für sie war das ein Schock") verspricht er für das kommende Spiel gegen Lübeck: "Wir werden loslegen wie die Feuerwehr. Noch ist die Geschichte nicht erledigt."

          Den Druck sieht Heidel nun wieder auf den anderen, auf der Eintracht und Fürth, lasten, aber ob die Mainzer wirklich noch einmal zurückkommen? Präsident Strutz hofft auf so etwas wie Gerechtigkeit. "Noch einmal", sagt er, "haben wir so ein Ende wie in der vergangenen Saison nicht verdient." Das Schlimmste daran wäre vielleicht nicht einmal das Scheitern, das Schlimmste wäre die Reaktion darauf. Die Häme der Gegner, die es schon immer gewußt haben daß Mainz keine Siegermannschaft ist - und, genau so schlimm, das Mitleid der Wohlwollenden. "Das will ich nicht", sagt Strutz. Die Mannschaft hat noch zwei Spiele, um es zu verhindern.

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