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Fütterung von Wildvögeln : Augen auf bei der Wahl des Futterhauses

Volles Rohr: Eine Blaumeise bedient sich an einer Futtersäule im Garten. Bild: dpa

Von „Biologisch gesehen macht das keinen Sinn“ bis zur vehementen Befürwortung - selbst Experten sind sich uneins, ob Wildvögel im Winter gefüttert werden sollen. Wer als Laie ein paar Dinge beachtet, wird den Tieren jedenfalls nicht schaden.

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          Es dauert nur wenige Stunden, dann haben die Vögel in dem Garten am Frankfurter Stadtrand die neue Futterstelle entdeckt. Zuerst die Kleinen, Kohl- und Blaumeise, Kleiber und Feldsperling. Ein paar Tage später zeigt sich auch der Buntspecht, und am Boden sammeln Elster, Eichelhäher, Grünspecht und Amsel auf, was die anderen fallengelassen haben. Dazwischen ein Eichhörnchen, an dessen Anwesenheit sich die Vögel nicht stören. Eine Freude, dem mitunter hektischen Treiben zuzuschauen.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Wer allerdings glaubt, er fröne nicht nur seiner persönlichen Neugier, sondern tue Wildvögeln mit der Fütterung etwas Gutes, der schaut besser nicht auf die Internetseite der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen. „Biologisch betrachtet, macht das Füttern im Winter wenig Sinn“, steht da. Wo viele Vögel seien, erhöhe sich die Gefahr von ansteckenden Krankheiten. Zudem reiche auch eine ausgewogene Futtermischung nicht, das tierische Eiweiß zu ersetzen, das Vögel aus Insekten aufnähmen. Der kurze Abschnitt endet mit dem etwas gönnerhaften Satz: „Wenn wir bei der Winterfütterung aber unsere Freude an den Gefiederten oder die Möglichkeit eines Zugangs zur Natur für alte Menschen und Kinder im Auge haben, macht das maßvolle Füttern dennoch einen Sinn.“

          Der Laie bleibt ratlos zurück

          Am anderen Ende des wissenschaftlichen Meinungsspektrums steht der Ornithologe Peter Berthold, der lange Jahre Direktor der Vogelwarte Radolfzell war. Der Bestsellerautor („Vögel füttern, aber richtig“) wirbt vehement für eine Ganzjahresfütterung, die seiner Meinung nach wesentlich zum Vogelschutz beiträgt. Sie ist für ihn sogar moralische Verpflichtung. Sein Argument: In ausgeräumten Landschaften fänden Wildvögel immer weniger natürliche Lebensräume und damit auch weniger Nahrung. Und da der Energiebedarf der Vögel nicht nur im Winter hoch sei, sollten sie über das ganze Jahr hinweg versorgt werden.

          Angesichts der widersprüchlichen Äußerungen der Experten, die in ähnlicher Form seit Jahrzehnten zu vernehmen sind, bleibt der Laie etwas ratlos zurück. Volker Bannert, Vorsitzender des Nabu Frankfurt und zuständig für das Sachgebiet Ornithologie, hält wie die Kollegen von der Vogelschutzwarte den Effekt der Winterfütterung auf den Vogelbestand für gering, jedenfalls in städtisch geprägten Regionen. Doch in Details äußert er sich konzilianter, bei hartem Frost etwa könne die Fütterung einzelnen Vögeln das Überleben erleichtern.

          Vor allem schätzt Bannert den pädagogischen Effekt. Er hat es an sich selbst erlebt, dass er über die Beobachtung von Vögeln am Futterhaus mehr Arten kennengelernt hat. Die Futterstellen nahe am Haus einzurichten sei kein Problem, es sei denn, jede Stunde würden die Vögel gestört.

          Wichtig sind vor allem saubere Futterstellen

          Wer sich dafür entscheidet, Vögel zu füttern, muss einige Dinge beachten. Mit verschiedenen Futtersorten lassen sich unterschiedliche Arten anlocken. Sonnenblumenkerne, Hanfsamen, Weizen und Hafer, unbehandelte Erdnüsse sind geeignet. Frische Apfelstücke kommen bei Amseln und Rotkehlchen gut an. Meisenknödel gibt es mit verschiedenen Zusätzen.

          Wichtig ist vor allem, für saubere Futterstellen zu sorgen. Futterhäuser sollten regelmäßig gereinigt werden. Es ist wegen der Architektur mancher dieser Häuser nicht einfach, in das Innere zu kommen. Daher achtet man am besten schon beim Kauf auf ausreichend große Öffnungen. Besonders praktisch sind Silos oder auch Wannen, die sich mit einem Handgriff herausnehmen und in der Küche reinigen lassen.

          Auch unerwünschter Besuch wird angelockt

          Stilbewusste Zeitgenossen, die ein Design-Haus erwerben wollen, sollten über die ästhetische Qualität nicht den eigentlichen Zweck aus dem Blick verlieren. Wichtig ist zum Beispiel, dass das Dach ausreichend weit übersteht, um das Futter vor Regen zu schützen. Das Modell Bauhaus-Villa mit umlaufenden Futtertrog, das ohne Dachüberstand auskommen muss, ist keine gute Wahl. Für manche modernistisch gestalteten Häuser wird an kritischen Stellen scharfkantiges Metall verwendet. Wo sie ohne Verletzungsgefahr nicht landen können, werden Vögel kaum auftauchen.

          Die Größe des Hauses und seiner Einfluglöcher entscheidet auch darüber, welche Arten es aufsuchen können. Jedem Vogelfütterer muss aber klar sein, dass herunterfallende Reste auch für möglicherweise unerwünschten Besuch sorgen werden, etwa von Tauben. Die gezielte Vergrämung einzelner Arten ist kaum möglich und wird von Vogelschützern wie Bannert abgelehnt. Bei der Aufstellung des Futterhauses ist darauf zu achten, dass sich Katzen nicht unbemerkt nähern können. Das Haus sollte man daher am besten mindestens in 1,60 Metern Höhe befestigen, hängend oder auf einem möglichst glatten Ständer.

          Immer für Nachschub sorgen

          In den vergangenen Jahren sind Futtersäulen immer beliebter geworden. Die röhrenförmigen Gebilde aus Plexiglas haben mehrere kleine Öffnungen, unter denen Stangen angebracht sind. Die Vögel lassen sich darauf nieder und versorgen sich mit Futter. Die Säulen haben zwei wesentliche Vorteile: Das Futter wird nicht nass, und es kann nicht durch Exkremente der Vögel verdreckt werden. Praktisch ist auch, dass sich auf einen Blick erkennen lässt, wie viel Vorrat noch vorhanden ist.

          An einer Futterstelle sollte Wasser zur Verfügung stehen, und zwar auch im Winter. Beim Kauf von Vogeltränken ist deshalb darauf zu achten, dass sie aus frostsicherem Material bestehen. Das Wasser sollte möglichst täglich gewechselt werden, um die Verbreitung von Keimen zu verhindern. Überhaupt ist es wichtig, für eine kontinuierliche Fütterung zu sorgen. Wer Vögel an eine Futterstelle gewöhnt hat, kann sie in Schwierigkeiten bringen, wenn er in einer Frostperiode plötzlich nicht mehr für Nachschub sorgt.

          Für die Piep-Show Futterhäuser und Futtersäulen gibt es in den meisten Baumärkten und Gartencentern schon für wenige Euro. Auch mit dem Vogelschutz befasste Verbände wie der Nabu und der bayerische Landesbund für Vogelschutz betreiben eigene Internet-Shops (ww.lbv-shop.de). Die Gestaltung der Häuser genügt selten höheren Ansprüchen, sondern folgt zumeist der ländlich-rustikalen Tradition. Für Freunde guten Designs finden sich bei Anbietern wie Torquato Häuser in unterschiedlichen Stilrichtungen, die deutlich mehr als hundert Euro kosten können. Zudem bieten kleine Hersteller und Heimwerker etwa über Plattformen wie Ebay und Dawanda liebevoll gestaltete Häuser in Kleinstserien an, auf Wunsch in Sondergrößen. Anleitungen für den Eigenbau finden sich in Büchern und im Internet. Vogelfutter ist in Gartencentern, Supermärkten, Drogerien und Zoogeschäften erhältlich. Als spezialisierte Anbieter im Internet sind etwa Vivara, Futter-Spatz, Schwegler und Pauls Mühle zu nennen. Gutes Vogelfutter ist keineswegs günstig. Wer mehrere Futterstellen einrichtet, die gut angenommen werden, und dazu noch die klassischen Meisenknödel aufhängt, kann im Lauf eines Winters leicht auf Ausgaben in Höhe mehrerer hundert Euro kommen. Fünf Kilo Nüsse kosten etwa 15 Euro, 20 Kilo Sonnenblumenkerne je nach Anbieter und Qualität zwischen 20 und 30 Euro. Meisenknödel im Hunderter-Pack gibt es für etwa 20 Euro. Ein Preisvergleich lohnt sich also. Wer Zeit hat, kann Futter auch selbst herstellen, Anleitungen gibt es auf www.wildvogelhilfe.org und www.lbv.de.

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