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Neue Frankfurter Altstadt : „So ein Projekt braucht eine Saison, bis es etabliert ist“

Blick auf bunte Nachbildungen: Der Hühnermarkt in der neuen Altstadt Bild: Helmut Fricke

Nach dem Winter erwacht das Dom-Römer-Areal wieder zum Leben. Spürbar mehr Touristen ziehen durch die Gassen, immer mehr Geschäfte sind fertig und öffnen. Doch viele Mieter und Käufer klagen über Baumängel.

          Morgens früh um neun Uhr steigt ein Mann vor der „Goldenen Waage“ auf ein Podest. Er hat sich sein Gesicht weiß geschminkt, eine rote Nase aufgesetzt und ein buntes Kostüm angezogen. Als Clown verkleidet, winkt er den Passanten zu und ruft „Hallo, Monsieur!“, sobald ein Tourist an ihm vorübergeht. Der Hut zu seinen Füßen ist noch leer, bei den Frühaufstehern hat er wenig Glück.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Valerie Klaß schon eher. Sie hat morgens um neun Uhr schon die ersten Mitbringsel verkauft. Die Töpferei Bauer handelt mit handgemachten Fachwerkhäusern aus Ton, auch die Dresdner Frauenkirche kann man dort für knapp 200 Euro als Modell erwerben. Das Geschäft läuft so gut, dass Klaß den Laden schon früh aufsperrt. Es decken sich derart viele Touristen bei ihr ein, dass der gutgelaunten Verkäuferin manchmal ein „and“ rausrutscht, wenn sie „und“ sagen will. Die meisten Kunden seien in „positiver Stimmung“. Das gilt auch für sie, das Urlaubsgefühl steckt offenbar an.

          Neueröffnungen und Leerstände

          Auf dem Hühnermarkt hat das Wirtshaus schon hundert Stühle rausgestellt, die mittags bei Sonnenschein auch besetzt sind. Auch das Café Herz an der Braubachstraße, dessen Decke über und über mit hängenden Plastikpflanzen bestückt ist, wurde gestern mit einer großen Party eröffnet. Bis auf sechs Geschäfte und Restaurants und drei Museen sind inzwischen alle Häuser in der Altstadt geöffnet. Drei dieser Läden – die Metzgerei Dey am Hühnermarkt, der türkisch-portugiesische Bäcker Saray Pastanesi im Haus „Zu den drei Römern“ und die Konditorei in der „Goldenen Waage“ sollen noch im April aufmachen.

          Öffnen

          Dann stehen nur noch drei Geschäfte leer: Ein Kiosk im Haus „Zur Flechte“ am Hühnermarkt dient dem benachbarten Wirtshaus, dessen erstes Obergeschoss noch ausgebaut wird, als Materiallager. Im Eckhaus schräg gegenüber will eine Berliner Stiftung ein Café betreiben. Und für ein Geschäft an der Braubachstraße sucht die Dom-Römer GmbH noch einen Mieter. Für den etwas versteckt gelegenen Dessous-Laden am Rebstockhof, der schon wieder schließen musste, hat die Dom-Römer-GmbH bereits einen Nachfolger gefunden: In dem Geschäft will ein Versandhändler für Kindermode einen „Showroom“ einrichten.

          Eigentlich schon fertig

          Es bleiben die drei Museen: Das Struwwelpeter-Museum öffnet im Sommer, die „Goldene Waage“ sogar erst im Herbst. Das prächtigste Fachwerkhaus der Alstadt ist von innen zwar so gut wie fertig. Allerdings muss die Ausstattung noch restauriert werden. Die antiken Möbel, Bilder und Brokattapeten stammen aus dem Depot des Historischen Museums und sind noch beim Restaurator. Das benachbarte Stoltze-Museum ist eigentlich schon fertig, aber bisher noch nicht bautechnisch abgenommen und daher nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen.

          Noch ein Baustofflager: In das Eckgeschäft soll bald ein Kiosk einziehen. Bilderstrecke

          Ein halbes Jahr ist seit der großen Eröffnungsfeier im Herbst vergangen, und immer noch ist die Altstadt nicht komplett fertig. Dass sich die Arbeiten derart lange hinziehen, hat auch mit Baumängeln zu tun. Bayram Tulan, der Betreiber der Bäckerei Saray Pastanesi, klagt: Erst passte die Fußbodenheizung nicht, dann wurde die Lüftungsanlage nicht fertig übergeben. Tulan musste vieles auf eigene Kosten herrichten. Jetzt fehlen noch die letzten Genehmigungen, bevor er Mitte April die Türen öffnen kann. Er hat die Fläche schon zum 1. Oktober übernommen und zahlt seither 3500 Euro Miete im Monat. „Wir fangen mit einem Minus an“, sagt er.

          Auch die beiden Wohnungen im Stadthaus, die das Amt für Immobilien übernommen hat, sind noch nicht fertig. Die Dom-Römer GmbH sei immer noch mit der Mängelbeseitigung beschäftigt, heißt es aus dem Baudezernat. Auch die Käufer einiger Wohnungen klagen über Baumängel. Inzwischen seien 70 Prozent der Wohnungen belegt, schätzt Michael Guntersdorf. Er ist der Geschäftsführer der Dom-Römer GmbH, sieht die Fehler aber vor allem bei anderen: Viele Einzelhändler und Gastronomen hätten den Arbeitsaufwand unterschätzt. Bei der „Goldenen Waage“ habe der „detailfreudige Architekt“ Jochem Jourdan länger gebraucht. Natürlich gebe es Mängel, sagt Guntersdorf – in Summe etwa 11.000. „Bei so einem komplexen Projekt ist das nicht verwunderlich.“ Die meisten Schäden seien aber leicht zu beheben und „eher kosmetische Sachen“ wie Flecken auf der Wand und wacklige Türklinken. „Zu 90 Prozent sind das Kleinigkeiten.“

          Der Bauherr der Altstadt will dem Quartier noch etwas Zeit geben. „So ein Projekt braucht eine Saison, bis es etabliert ist. Wir hatten bisher nur Rumpfmonate.“ Er ist guter Dinge, dass die Altstadt bald belebt ist. „Wir sind auf einem guten Weg, das Projekt anständig zu Ende zu bringen.“

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