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Klinikverbünde erfolgreich? : Patienten wünschen sich Spezialisten

Jahrelange Defizite in Millionenhöhe: Bei den Frankfurt-Main-Taunus-Kliniken führte die Bildung des Verbunds nicht zum gewünschten Erfolg. Bild: Rainer Wohlfahrt

Das Land Hessen fordert kommunale Kliniken auf, Verbünde zu schließen und Behandlungsschwerpunkte zu bilden. Doch nicht überall führt diese Strategie zu wirtschaftlichem Erfolg.

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          Das Jahr hatte eigentlich ganz gut angefangen. Das städtische Klinikum Darmstadt präsentierte im April erstmals seit zehn Jahren kein Defizit mehr, sondern eine schwarze Null. Vor vier Jahren lag das Betriebsergebnis noch bei einem Minus von 18 Millionen Euro. In der Zwischenzeit hat das Klinikum in kommunaler Trägerschaft zwei katholische Krankenhäuser – das Marienhospital in Darmstadt und das St. Rochus in Dieburg – übernommen. Auch wenn für das hochdefizitäre Haus in Dieburg Insolvenz angemeldet wurde, so ist die Strategie der Stadt Darmstadt aufgegangen, durch den Zukauf die medizinische Grundversorgung zu garantieren, Fachabteilungen zu bündeln und Kaufabsichten privater Kliniken abzuwehren.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) ist dieses Darmstädter Vorgehen genau der Weg, der eingeschlagen werden muss, damit kommunale Krankenhäuser in der starken Wettbewerbssituation im Rhein-Main-Gebiet bestehen können. In diesen Woche werden dem Vernehmen nach zwei Frankfurter Krankenhäuser ankündigen, Behandlungsschwerpunkte zu bilden.

          Alle Häuser sollten im Verbund arbeiten, „größere Einheiten sind besser und erfolgreicher“, sagt Grüttner. „Die Häuser müssen sich mehr spezialisieren und sehr auf die Qualität konzentrieren.“

          Keine Garantie für wirtschaftlichen Erfolg

          Doch nicht überall ist die Bildung eines Verbunds eine Garantie für wirtschaftlichen Erfolg. Bei den 2016 gegründeten Frankfurt-Main-Taunus-Kliniken – ein Verbund aus dem städtischen Klinikum Frankfurt-Höchst und den Main-Taunus-Kliniken, mit Standorten in Hofheim und Bad Soden – ist es im vergangenen Jahr nicht rund gelaufen. Höchst, das jahrelang Defizite um die zehn Millionen Euro auswies, konnte zwar nach Angaben von Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter das Minus „auf nur noch 2,5 Millionen Euro“ reduzieren, doch dafür sorgten die Main-Taunus-Kliniken für Schlagzeilen. Statt der avisierten schwarzen Null wurde ein Sechs-Millionen-Euro-Defizit erwirtschaftet. Wie berichtet, prüft der Aufsichtsrat derzeit, ob man gegen den für das Defizit verantwortlichen Geschäftsführer juristisch vorgeht.

          Im Gespräch mit Spezialisten: Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner

          Zeigt das Beispiel der Frankfurt-Main-Taunus-Kliniken nicht, dass ein Verbund allein noch kein Garant für Wirtschaftlichkeit ist und sich kommunale Kliniken ohnehin damit schwerer tun als privat geführte Häuser? Der Aufsichtsratschef der Frankfurt-Main-Taunus-Kliniken, Wirtschaftsprüfer Harald Schmidt, hält dem entgegen, dass das Wissen, wie man ein Krankenhaus in die schwarzen Zahlen führt, nichts damit zu tun habe, ob ein Haus in kommunaler, gemeinnütziger oder privater Trägerschaft sei. „Die Grundprinzipien sind überall gleich.“

          Einig sind sich die Fachleute, dass bei städtischen Häusern häufig die Politik zu stark hineinregiert und durch Zusatzversorgungen höhere Personalkosten entstehen – allerdings nicht bei den Medizinern, die bezahlt man bei den Privaten häufig besser. Die Privaten sparten zudem über den Umfang des Einkaufs viel Geld ein .

          „Wir müssen uns stärker spezialisieren“

          Aufsichtsratschef Schmidt weiß daher, dass es „kein Selbstläufer“ ist, kommunale Kliniken wirtschaftlich zu führen. Anfangs hätten sich die Gesellschafter – die Stadt Frankfurt und der Main-Taunus-Kreis – ebenso wie die Kliniken selbst sehr distanziert zueinander verhalten. Doch dann sei bei Stadt und Kreis die Einsicht gereift, dass das zu Recht kritisierte Nebeneinander, auch der Geschäftsführer – neben Dreizehnter war dies bis Ende Januar Tobias Kaltenbach – aufgegeben werden müsse. Man entschied, einen Vorsitzenden der Geschäftsführung zu berufen, der für beide Häuser und den Erfolg des Verbunds verantwortlich sein sollte.

          Im Januar wurde Martin Menger an die Spitze berufen, der zuvor beim privaten Klinikkonzern Rhön gewesen war. „Menger hat Richtlinienkompetenz“, sagt Schmidt, „er ist für das Gesamte verantwortlich.“ Entscheidend sei nun, dass, ehe der 260-Millionen-Euro-Neubau in Höchst in 2019 fertiggestellt sei, feststehe, an welchem der Standorte des Verbunds Zentralabteilungen wie IT und Logistik untergebracht werden, welche medizinischen Schwerpunkte der Verbund setzen wolle. „Wir müssen uns stärker spezialisieren, ausdifferenzieren“, sagt Schmidt und fordert, ein Angebot zu schaffen, das bundesweit attraktiv ist. „Der Patient wünscht sich absolute Spezialisten.“ Schmidt ist überzeugt, dass dies dem größten regionalen Klinikverbund gelingen und er im Wettbewerb bestehen kann, selbst im überversorgten Rhein-Main-Gebiet mit fast 40 Häusern.

          Von einer Überversorgung mag man im Gesundheitsministerium nichts hören. Es gebe vielleicht zu viele konkurrierende Anbieter, sagt Grüttner, aber es gebe auf keinen Fall zu viele Behandlungsmöglichkeiten. Die extreme Grippewelle im vergangenen Winter habe gezeigt, dass jedes Bett gebraucht werde. Weniger, „und es hätten womöglich nicht alle Patienten versorgt werden können“, daher würden aktuell mit Unterstützung des Landes die Intensivkapazitäten erweitert. Das solle die Häuser jedoch nicht hindern, zusammenzuarbeiten und sich für jeden Patienten erkennbar zu spezialisieren. Denn Wettbewerb, den wolle man natürlich schon.

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