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Früheres Sozialrathaus in Frankfurt : Erstversorgung für junge Flüchtlinge

  • -Aktualisiert am

Lebensraum: Die Einrichtung im ehemaligen Verwaltungsbau ist spartanisch, aber für manchen Flüchtling ist es das erste Mal, dass er ein Zimmer für sich hat. Die Jugendlichen werden ärztlich versorgt, bekommen Kleidung und Hilfe beim Zurechtfinden in dem für sie fremden Land. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Das frühere Sozialrathaus Gallus stand leer, dann wurde es besetzt. Jetzt finden dort Minderjährige aus Krisengebieten Unterkunft.

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          Sie heißen Tsinat, Assad, Faiez oder Mohammed. Sie haben einiges hinter sich und hatten schon länger kein festes Dach mehr über dem Kopf. Oder noch nie. Auch jetzt leben sie nicht im Luxus, aber immerhin in Sicherheit. Sie haben ein Bett, einen Tisch und einen Schrank. Und an der Tür zu ihrem Zimmer hängt ein Schild mit ihrem Namen.

          Die Jugendlichen kommen von weit her. Für eine Weile kommen sie dort unter, wo früher Bürokraten Anträge beschieden. Im ehemaligen Sozialrathaus im Gallus betreibt der Verein Arbeits- und Erziehungshilfe (VAE) seit wenigen Wochen ein weiteres Erstaufnahmeheim für minderjährige Flüchtlinge. Innerhalb kürzester Zeit baute er die Räume für diese Zwecke um. Die Wände bekamen einen neuen Anstrich, die Böden wurden neu versiegelt.

          Was aus dem Haus werden soll, ist unklar

          Dass es im ersten Stock einen großen Gemeinschaftsraum gibt, hat der Verein hingegen den Hausbesetzern zu verdanken, die vor einigen Wochen in dem damals noch leerstehenden Haus ein Stadtteilzentrum eröffnen wollten. Die Aktivisten hatten einfach zwei Wände herausgerissen. Aus drei Büros wurde ein Raum. „Das kommt uns sehr entgegen“, sagt der Leiter des Jugendheims, Rüdiger Niemann.

          Das Haus gehört dem Liegenschaftsamt. Was aus dem Gebäude einmal werden soll, ist noch nicht klar. Vielleicht wird eines Tages ein Gymnasium einziehen. „Wir gehen aber davon aus, dass das noch ein paar Jahre dauert“, sagt Niemann. Bis dahin dürfte die soziale Zwischennutzung möglich sein. Prognosen zufolge werden auch in den nächsten Jahren viele Betten für jugendliche Flüchtlinge gebraucht. Im Sommer ist ihre Zahl gestiegen. Noch immer kommen zwei bis drei Mal so viele nach Frankfurt wie zuvor. „Es scheint nicht aufzuhören“, sagt Niemann. Die zehn Plätze, die der VAE derzeit im ehemaligen Sozialrathaus bereithält, sind längst ausgebucht. Demnächst sollen weitere Plätze hinzukommen. Zudem liegen Matratzen als zusätzliche Notbetten in manchen Zimmern. Die Einrichtung ist noch nicht komplett. Bisher gibt es nur eine provisorische Küche. Zusätzliche Duschen müssen eingebaut werden. Werkraum, Waschraum, Lagerraum: Der Verein erweitert die Ausstattung Stück für Stück.

          Jugendliche bleiben länger als vorgesehen

          Für die Jugendlichen ist das Heim nur eine Zwischenstation. Für wenige Wochen sollen sie dort leben. In dieser Zeit bekommen sie eine ärztliche und bürokratische Erstversorgung. Das Sozialamt versucht die Frage zu beantworten, ob sie wirklich jünger als 18 sind. Mit den Sozialarbeitern gehen die Jugendlichen einkaufen. Für Kleidung steht ihnen ein Budget von 150 Euro zu. Die Kleiderspenden, die der VAE erhält, sind den abgemagerten Jugendlichen meist eine Nummer zu groß. Viele derjenigen, die von der Polizei aufgegriffen werden oder sich freiwillig beim Sozialamt melden, haben nicht mehr dabei, als das, was sie am Leib tragen. Einer der Jungen hat zusätzlich eine Ausgabe des Neuen Testaments mitgebracht. Sie liegt nun neben seinem Bett. In der Einrichtung bekommen die Flüchtlinge einen Crashkurs in deutscher Kultur. Sie lernen den Unterschied zwischen Bio- und Restmüll, manche hatten in ihrem Leben noch keine Zahnbürste in der Hand. Die Mitarbeiter des Heims sagen das, was alle sagen, die mit Jugendlichen zu tun haben, deren Flucht in Deutschland geendet hat: „Man merkt, dass sie lernen wollen“, meint Max Damm, der den Tagesablauf der Jugendlichen koordiniert. Es sei unglaublich, wie schnell sie Deutsch lernten und sich an die Strukturen und Regeln hielten.

          Frankfurt musste auch deshalb mehr Plätze für junge Flüchtlinge schaffen, weil die Jugendlichen länger in der Stadt bleiben als vorgesehen. Andere Städte und Landkreise nehmen weniger von ihnen auf, als sie nach dem hessischen Verteilungsschlüssel müssen. Ein Argument der säumigen Kommunen: Sie fänden keinen Träger, der Plätze schaffe. Solche Probleme hat Frankfurt nicht. Innerhalb weniger Wochen hat der VAE das ehemalige Sozialrathaus hergerichtet. „Im Improvisieren sind wir gut“, sagt Niemann.

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