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Kampf gegen Drogensucht : Youtube als Therapie

Shore steht für Heroin: Der Ex-Junkie spricht auf seiner Tournee über seine Drogenerfahrungen (Symbolbild). Bild: dpa

Ein früherer Junkie erzählt schonungslos aus seinem Leben, der Video-Blog wird zum Erfolg. Nun geht $ick auf große Tournee und auf die Suche nach Heilung.

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          Ein Mann – muskulös, die Haare kurz, ein großes Tattoo bedeckt den Unterarm – sitzt am Küchentisch und redet und redet. Er zappelt hin und her, der Körper bewegt sich, mit einem Feuerzeug steckt er sich die Selbstgedrehte wieder an. „Der ganze Körper ist wie eine offene Wunde“, sagt er. „Jeder Nerv liegt blank, du kannst nicht sitzen, du kannst nicht stehen, du kannst nicht liegen. Du kannst dich nicht bewegen, du kannst auch nicht hin und her laufen, weil der Körper ist echt gefickt so.“

          Alexander Jürgs

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          $ick nennt sich der Mann, weil er seinen echten Namen nicht preisgeben möchte – und wovon er in der Folge 55 seiner Youtube-Serie berichtet, ist ein kalter Entzug. Wegen Drogendelikten und Diebstählen hatte man ihn festgenommen und in die Justizvollzugsanstalt Hannover gesperrt. Dort saß er nun, abhängig vom Heroin, übermüdet, am Verzweifeln. Doch $ick schaffte den Entzug. Es blieb ihm ja auch gar nichts anderes übrig, dort in der Haft. Aber als er wieder draußen war, ging alles von vorne los. Beinahe ein Vierteljahrhundert war sein Leben ein Kreislauf aus Drogensucht, Beschaffungskriminalität und Gefängnis.

          Die Seiten gewechselt

          Heute steht $ick besser da. Man kann auch sagen: Er hat die Seiten gewechselt. Er arbeitet in der Suchtprävention, will helfen, dass anderen das, was er durchlebt hat, erspart bleibt. $ick ist aber auch ein Youtube-Star. Und ein erfolgreicher Buchautor. „Shore, Stein, Papier“ heißt der Video-Blog vom Küchentisch, in dem er davon erzählt, wie er drogensüchtig und kriminell wurde, in dem er beschreibt, was ihn an den Drogen fasziniert hat, was sie mit ihm gemacht haben. Shore steht für Heroin, Stein für Kokain, Papier für Geld – es ist der Straßenslang der Dealer. 15 Jahre war $ick alt, als er das erste Mal in seinem Leben Heroin rauchte. Er war sofort abhängig, sagt er in einem der Videos. Und er soll es jahrzehntelang bleiben, bis schließlich seine Tochter auf die Welt kommt und er sein Leben umkrempelt.

          2012 begann er, seine Erlebnisse in eine Kamera zu sprechen. Für ihn war das Youtube-Format „wie eine Therapie“, wird er später schreiben. Schmerzhaft bis zur Depression, aber heilend. Und „Shore, Stein, Papier“ wird zum Hit. Die Menschen interessieren sich für die schonungslosen Beichten des Ex-Junkies. $ick nimmt kein Blatt vor den Mund, ist ehrlich gegenüber sich selbst, das macht seine Videos so beeindruckend, so fesselnd. 2015 gewinnt „Shore, Stein, Papier“ den Publikumspreis beim Grimme-Online-Award. Der Piper Verlag sichert sich die Rechte an der Geschichte, ein Ghostwriter beginnt, das Buch zu schreiben. Als klar wird, dass der fremde Autor den eigensinnigen Sound von $icks Lebensbeichten nicht zu treffen vermag, setzt sich der Ex-Junkie selbst an den Laptop. $ick sagt, dass es wichtig ist, dass Drogenabhängige ihre Geschichten erzählen, dass sie sich in der Suchtprävention engagieren. Ihnen, die das Heroin, Kokain oder Crack so geliebt haben, nimmt man es ab, wenn sie vor den Drogen warnen.

          In diesem Jahr nun geht $ick, mittlerweile Mitte vierzig, mit seiner Geschichte auf Lesereise durch Deutschland. Am Dienstag ist er mit seinem Buch im Wiesbadener Schlachthof. Wahrscheinlich ist auch diese Tour für ihn Therapie. Und wir alle können ihm zuhören.

          Shore, Stein, Papier

          Die Lesereise macht am 26. Februar um 20 Uhr im Schlachthof Wiesbaden in der Murnaustraße 1 halt.

           

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