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Frühere Kraft erzählt : Nur 2,14 Euro je Stunde bei Zeitarbeitsfirma?

  • -Aktualisiert am

Martin Krist hat 80 Stunden beim Handelsunternehmen Tegut verbracht. In einer Filiale füllte der Student Regale auf. Angesichts der ersten Lohnabrechnung war er fassungslos.

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          Martin Krist hat 80 Stunden beim Handelsunternehmen Tegut verbracht. In einer Filiale füllte der Student Regale auf. Krist, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, war nicht direkt bei Tegut angestellt, sondern bei der Combera Handelsservice GmbH. Das Unternehmen mit Sitz in Leipzig erledigt für verschiedene Supermarktketten in ganz Deutschland Dienstleistungen wie das Auffüllen von Regalen.

          Als Krist am Ende des Monats auf seine Lohnabrechnung schaute, war er fassungslos. Auf sein Konto wurden 171,93 Euro überwiesen statt, wie von ihm erwartet, 520 Euro. „Nach dieser Lohnabrechnung beträgt mein Stundenlohn 2,14 Euro“, sagt er. Im Vorstellungsgespräch seien aber 6,50 Euro je Stunde vereinbart worden. Auch auf der Abrechnung ist von 6,50 Euro die Rede. Nur soll er danach lediglich 26,45 Stunden gearbeitet haben. Dadurch die niedrige Überweisung.

          Zuerst nichts Böses gedacht

          Krist vermutete zunächst ein Missverständnis. Dann sagte ihm eine Vorgesetzte, er werde nach Paletten bezahlt, nicht nach Stunden. Er habe eben zu langsam gearbeitet. Es gelte ein Akkord-Lohn, der nach erbrachter Leistung ausgezahlt werde. Die Vorgesetzte rief in Erinnerung, dies sei ihm auch am ersten Arbeitstag mitgeteilt worden. Da hatte sich der junge Mann noch nichts Böses gedacht. „Es hat mich nicht weiter beunruhigt, weil mir die Arbeit sehr gut von der Hand ging“, sagt Krist. Mitarbeiter, die direkt bei Tegut angestellt sind, hätten ihn immer gelobt, sogar ein Ausbildungsplatz sei ihm von der Handelskette angeboten worden. Dass er am Ende für 80 Stunden gerade 171 Euro bekommen habe, bezeichnet der Student als „eine Frechheit und in keiner Weise nachvollziehbar“.

          Krist schrieb einen Brief an das Unternehmen, listete auf, wie viel Stunden er gearbeitet hatte, und forderte, ihm die fehlende Summe zu überweisen. Mehrere Anrufe bei der Firma seien erfolglos geblieben, sagt er. „Immer sagte man mir, dass der Geschäftsführer im Urlaub ist.“ Schließlich bekam er schriftlich, an der Höhe der Zahlung sei nicht zu rütteln.

          Werkverträge zwischen Supermarktketten und Dienstleistern stehen schon länger in der Kritik. Viele Supermarktketten, etwa Rewe oder Netto, lassen ihre Regale von Dienstleistern auffüllen. „Diese Verträge sind ein leidiges Thema“, sagt Horst Gobrecht, Gewerkschaftssekretär von Verdi. Schon die tariflich festgelegten 6,50 Euro je Stunde halte er für sittenwidrig. Denn ein bei einer Handelskette direkt angestellter Mitarbeiter verdiene nach Tarif fast das Doppelte. „Wenn zwei bis drei Euro pro Stunde gezahlt werden, ist vollends die Perversion eingetreten.“

          Krist hat gekündigt und sich einen neuen Nebenjob gesucht. Er sagt, er wisse von Kollegen, denen es ähnlich ergangen sei. Einer habe monatelang für drei Euro die Stunde gearbeitet.

          Wolfgang Strba, Frankfurter Fachanwalt für Arbeitsrecht, liegen Krists Verträge vor. Er gibt ihm gute Chancen, seinen fehlenden Lohn beim Arbeitsgericht einzuklagen. „Vertraglich abgemacht sind 6,50 Euro“, sagt er, „und die hat der Betroffene nach eigenen Angaben nicht erhalten.“ In seinem Arbeitsvertrag mit Combera sei keine Akkordlohn-Vereinbarung getroffen worden. Es werde vielmehr auf einen Manteltarifvertrag verwiesen, der 6,50 Euro je Stunde vorsehe.

          In Internetforen beschweren sich Nutzer über intransparente Abrechnungen von Combera. Sie schreiben, dass ihnen eine Akkordlohn-Vereinbarung vorenthalten worden sei. Ein Forumsmitglied, das nach eigenen Angaben zwei Monate für Combera gearbeitet hat, schreibt: „Ich warte jetzt seit über zwei Monaten auf mein Geld. Telefonische Auskunft gleich null, man wird nur hingehalten.“ Ein anderer berichtet, dass er für vier Euro die Stunde arbeite.

          Das Unternehmen wehrt sich. Combera sei vom TÜV zertifiziert, sagt Geschäftsführer Henry Wieder. Den Vorwurf, die Löhne systematisch zu drücken, weist er zurück. Bei mehreren tausend Lohnabrechnungen im Monat könne es zu technischen Fehlern im System kommen. Dass die Vorgesetzte von Krist behauptete, dass ein Akkord-Lohn gelte, sei falsch. Trotzdem: Eine Nachzahlung hat es nicht gegeben.

          Einzelhändler zeigt sich überrascht

          Krists Mutter reagierte aufgebracht, schrieb einen Brief an Tegut: „Sie arbeiten mit Unternehmen zusammen, die alles andere als seriös und ehrlich sind. Hier wird mit allen Tricks versucht, noch in der Arbeitswelt unerfahrene junge Erwachsene auszunutzen.“ Dass ein Unternehmen wie Tegut solche Vertragspartner habe, könne sie nicht verstehen. Erst vor einigen Monaten war das Unternehmen zum zweitbesten Arbeitgeber Deutschlands in seiner Größe gewählt worden.

          Tegut hatte für sechs Filialen Combera beauftragt. Bei dem Einzelhändler zeigt man sich über die Vorfälle überrascht. Combera habe sich immer an die tarifliche Bezahlung gehalten, sagt Karl-Heinz Brand, Mitglied der Geschäftsleitung. „Ich bedauere es, wenn es zu solchen Vorfällen gekommen ist.“ Tegut könne aber nicht die Lohnabrechnungen von Combera kontrollieren. Die Mitarbeiter sollten sich an das Dienstleistungsunternehmen wenden. Brand fügt hinzu, seit Mitte des Jahres sei Combera kein Vertragspartner mehr von Tegut. Dies habe betriebsinterne Gründe, es hänge nicht mit solchen Vorfällen zusammen. Wie lange Combera Vertragspartner von Tegut war, möchte das Unternehmen nicht mitteilen.

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