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Zukunft der Mundart : Fröhlich beleidigen auf Hessisch

„Sie wird aussterben“: Mundartschauspieler Walter Renneisen (rechts) über die hessische Mundart Bild: Helmut Seuffert

Der „Datterich“ gehört in Darmstadt zum Allgemeingut, Badesalz babbelt auch für nichthessische Ohren. Doch wie ist es um die Zukunft dieser Mundart bestellt, wenn die meisten „mit einem hochdeutschen Schnabel“ sprechen?

          Die derbe Variante der Darmstädter Mundart kommt gut an. Roland Hotz spricht einige Sätze, für Nicht-Darmstädter schwer zu verstehen, einen Dialog an der Supermarktkasse, irgendwas mit einem Apfel - ein kurzes Alltagsgespräch in der Umgangssprache, wie sie einst in den Gassen der Altstadt entstanden ist. Dafür applaudiert das Publikum im Kammerspiel des Staatstheaters in Darmstadt, wo in einer Podiumsdiskussion darüber gesprochen wird, ob die Mundart eine Zukunft habe. Der Theatermacher Hotz moderiert diese Debatte am Sonntagmorgen.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Trotz der Sympathie, die die Zuhörer im Saal für die Darmstädter Sprache offenbar hegen - die Zukunftsaussichten des Dialekts werden auf dem Podium düster gesehen. „Keine Chance“ habe die Mundart, sagt der Mundartschauspieler Walter Renneisen: „Sie wird aussterben.“ Außerhalb Hessens rufe das Hessische oft nur Gelächter hervor. Wie Sächsisch und Schwäbisch sei es „unfreiwillig komisch“. Vor allem schlecht geschriebene Verse in der Fastnacht hätten die hessische Zunge in Verruf gebracht.

          Wie ihm der Schnabel gewachsen ist

          Gösta Gantner, Kurator des Datterich-Festivals vor einer Woche, versucht es mit einer Erklärung: Wer als junger Mensch so rede, wie ihm der Schnabel gewachsen sei, spreche meist „mit einem hochdeutschen Schnabel“. Allenfalls die Kultur mit ihren Veranstaltungen könne ein Reservat sein, in dem die Mundart noch ihren Platz finde.

          Die Schauspielerin Iris Stromberger schlägt vor, Dialekt in der Schule zu unterrichten, nach dem Vorbild Norddeutschlands, wo das Platt Unterrichtsfach sei. Jeder könne das Hessische lernen, genauso wie Englisch oder Französisch, Kinder von Zugezogenen aus anderen Regionen in Deutschland ebenso wie der Nachwuchs von Einwanderern. Immerhin sei die schlimmste Phase des Aussterbens der Mundart schon überstanden, so die Einschätzung der Historikerin Annette Neff. Denn wenigstens sei es vorbei mit dem Naserümpfen über die Dialektsprecher. Ihr Akzent sei kein „Marker für die Unterschicht“ mehr. Aber es sei schwierig, einen Schulunterricht im Dialekt zu etablieren, denn viele Lehrer verstünden ihn selbst nicht.

          Hans-Joachim Klein, Präsident des Darmstädter Heinerfestes, berichtet von den Vorteilen des Dialekts, etwa dass dieser Untertöne und Andeutungen ermögliche, die dem Hochdeutschen abgingen. Wenn man über eine erwachsene Frau sage, sie sei „ein lieb Meedsche“, dann sei das keineswegs despektierlich und etwas ganz anderes, als wenn sie hochdeutsch als „liebes Mädchen“ tituliert werde. Außerdem könne man mit den Ausdrücken des Dialekts so schön beleidigen - immer so, dass es sich fröhlich anhöre und alles nicht so gemeint sei. Hotz sieht es immerhin als positives Zeichen, dass Jugendliche sich gegenseitig wieder mit „Ei Gude, wie?“ begrüßten. Und die Jugendsprache, in der man „Ey, ich geh Schwimmbad“ sage, sei schließlich auch ein Dialekt.

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