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Frischezentrum : Der Bauch von Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Männer, die auf Echsen fahren: morgendliche Betriebsamkeit im Frischzentrum Bild: Fricke, Helmut

Um Mitternacht startet der Handel im Frischezentrum, der Großmarkthalle der Stadt. Dort ist es immer kalt wie im Kühlschrank, und der Ton ist rauh. Eine Männerwelt - mit ein paar Ausnahmen.

          3 Min.

          Thomas und Echse warten, bis alles aufgeladen ist. Thomas wippt mit dem Fuß. Echse quietscht. Thomas ist Transportfahrer im Frankfurter Frischezentrum. Echse ist sein Transporter. Mindestens 60 Jahre alt, doppelt so alt wie Thomas. „Die Dinger sind halt nicht kaputtzukriegen“, sagt Thomas und stellt sich auf die Lenkplatte des Transporters, der eigentlich Eidechse heißt, den Thomas aber nur kurz Echse nennt. Wippt er nach links, fährt auch der Transporter nach links, wippt er nach rechts, fährt Echse blöderweise auch nach links. „Na ja, ein bisschen kränkeln die Dinger dann schon. Fahren dafür aber mit Strom. Hochmodern, das Ganze.“ Thomas grinst. Dann reicht es erst einmal mit dem Gequatsche, und Thomas verschwindet mit Echse in einem der Gänge. Ist ja noch früh.

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten.

          Sehr früh. Um Mitternacht ziehen die Händler im Frischezentrum die Rollläden ihrer Buden hoch, für sie beginnt dann der Arbeitstag. Fisch wird in die Auslage gelegt, toter Lachs, Pangasius, Seeteufel auf Eissplittern. Ein Stand weiter strecken sich Erdbeerköpfchen dem Käufer entgegen, daneben Artischockenherzen, Götterfrüchte. Über alledem liegt in der Halle ein Rattern und Surren von Maschinen, das nie verstummt.

          Einiges hat sich verändert - vieles nicht

          Frühstücken kann man hier gut, zumindest mit den Augen. Jetzt, um vier Uhr morgens, ist alles da, und die Interessenten gehen durch die Reihen, umtänzelt von den Verkäufern: „Ah, mein Freund, ich habe genau das Richtige für dich.“

          Vor knapp zehn Jahren verschwand die alte Großmarkthalle. An ihrem angestammten Platz, im Ostend, wird nun die neue Europäische Zentralbank gebaut. Mit dem Umzug an den nördlichsten Rand der Stadt, nach Nieder-Erlenbach, kam auch der Namenswechsel für die Halle. Auch sonst hat sich einiges verändert in den vergangenen Jahren, aber vieles eben auch nicht.

          „Hier laufen nur Männer herum. Arbeitet bei Ihnen auch eine Dame?“

          „Eine was?“

          „Eine Frau.“

          „Nee, alles fest in Männerhand.“

          Aber einen Tipp gibt es: Zu Götz solle man gehen.

          Ein bisschen mit der Zeit gehen

          Also zu Götz. Der Chef, Philipp Götz, verkauft Äpfel und brummt an seinem Stehpult. Er schreibt ein paar Zahlen auf einen Zettel, dann reißt er das Stück Papier vom Rechnungsblock und gibt es einem Käufer, während im Hintergrund ein Mitarbeiter Stiegen voll roter Äpfel auf eine Eidechse lädt. „Und jetzt zu mir“, klingt es glockenhell über die Äpfel hinweg aus dem Büro. Ein freundliches Gesicht erscheint im Fenster, die Wangen rot und die Augen leicht getuscht. Eine Frau, ohne Zweifel. Eine von insgesamt dreien im Frischezentrum. Die zweite arbeitet als Sekretärin im Büro von Götz meistens am PC. Die dritte verkauft Gulasch und Wurst im Brot im Imbiss.

          Die Rechenmaschine macht ihr Rattrattrattritt. Sie schiebt die schmale Papierrolle nach oben. „Bevor ich ins Geschäft eingestiegen bin, gab es hier noch nicht mal einen Computer“, sagt Martina Götz, die Frau des Chefs. Und sie ist erst fünf Jahre dabei. „Ein bisschen mit der Zeit gehen muss man ja schon“, sagt sie und setzt sich auf eine Wärmflasche. In der Halle sind fünf Grad, so wie immer. Der Kaffee läuft nur träge durch die Maschine.

          Man gewöhnt sich an alles

          Ihre Schwiegermutter habe oft draußen verkaufen müssen, vor der alten Großmarkthalle, erzählt Frau Götz. Im Schneegestöber stand sie unter einem Sonnenschirm, die einzige Farbe um sie herum waren die Äpfel mit ihren roten Backen. „Das hätte ich nicht gemacht“, sagt Frau Götz. Mit Enkel Philipp macht nun schon die dritte Generation Götz in Äpfeln. Schon immer wohnte die Familie im Odenwald. Nach Frankfurt fahren sie eine Stunde, Aufbruch ist um 23 Uhr, nicht ungewöhnlich für Händler aus dem Großmarkt. Frau Götz sagt nur ein Wort: „Gewöhnung.“

          Als ihr Mann vor fünf Jahren schwer erkrankte, wurde sie zur ersten Angestellten des Obstgroßhandels. Früher war sie Krankenschwester in einer großen Internistenpraxis gewesen, das gab sie auf. Nun Apfelfrau. „Das größte Kompliment, das mir ein Kunde jemals gemacht hat: Frau Götz, Sie haben keine Ahnung von Äpfeln, aber Sie verkaufen sie gut.“ In ihrer ersten Zeit am Stand, wenn ihr Mann nicht da war, versuchten manche Kunden, sie gegeneinander auszuspielen. Sie nahmen die kleine Frau mit den hübschen Fingernägeln nicht ernst. „Dein Mann hat mir aber immer einen günstigeren Preis gemacht.“ „Nee, nee.“ Frau Götz blieb hart.

          Damen mit wenig Stoff

          Aber auch von ihrem Mann gab es nach ihrem ersten Einkauf einen Rüffel. Frau Götz brachte damals zehn Schalen Erdbeeren mit. Dabei war noch gar keine Saison. „Die kannst du gleich wieder zurückbringen“, sagte ihr Mann. Sie hat schnell gelernt. Und den Stand ein wenig dekoriert, wenn auch anders, als man erwartet. An der drei Meter hohen Außenwand des Bürocontainers hängen Dutzende von Pin-up-Girls, Damen mit ganz wenig Stoff, aufgehängt von der Frau des Chefs.

          80 Prozent der Einkäufer sind Stammkunden bei Götz, mit den meisten kam sie über die Jahre klar. Wen sie nicht mochte, den hat sie mit ein paar Worten vertrieben. Allen anderen wünscht sie nach dem Einkauf einen schönen Tag und alles Gute. Die Händler spüren die Preisdruck der Discounter, aber noch laufe das Geschäft gut. Bei Götz kaufen Restaurantköche ein, außerdem Markthändler, Besitzer von Feinkostläden. Über einen Zwischenhändler beliefern sie die Lufthansa mit Äpfeln. Hinter dem Großmarkt in Frankfurt stehen noch viel größere Märkte, etwa die Raiffeisen, wo die Bauern ihre Ernte abliefern und von denen Götz und all die anderen ihre Produkte beziehen. Ein- bis zweimal fährt der Lastwagen des Unternehmens an den Bodensee und bringt Äpfel mit.

          Jetzt bricht der Tag an, Frankfurts Straßen erwachen langsam, die Sonne geht auf. Der Blick von hier oben, kurz vor dem Vordertaunus, zu dieser Zeit ist grandios, wenn die weiter unten gelegenen Hochhäuser erst ganz schwarz sind, dann rot, orange, gelb werden. Da kommt Thomas noch einmal vorbei, diesmal ohne Echse. „Ja, ja, schon schön.“

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