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Friedberger Tafel : „Niemand schaut auf mich herab“

  • -Aktualisiert am

Auf Augenhöhe: Der Tafel-Mitarbeiter Jakob Vogel reicht einer Kundin eine Tüte voll Lebensmittel. Bild: Maximilian von Lachner

Nach einer Zwangspause beliefert die Tafel in Friedberg wieder Kunden. Die dürfen Lebensmittel in der Corona-Zeit alle zwei Wochen am Fenster abholen.

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          Bianka B. ringt um Fassung. Die alleinerziehende Mutter von sechs Kindern im Alter zwischen sechs und 21 Jahren ist mit Unterbrechungen seit Jahren Stammkundin der Friedberger Tafel. Nach einem schweren Verkehrsunfall wurde sie abhängig von Alkohol und Drogen. „Aber am 6. September bin ich zwei Jahre trocken“, sagt sie mit unüberhörbarem Stolz. Und dann brechen doch die Dämme. „Ich bin den Tafel-Mitarbeitern so dankbar. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie machen würde“, sagt die 45 Jahre alte Hartz-IV-Empfängerin mit tränenerstickter Stimme. „Die Leute hier sind immer sehr fürsorglich. Vor allem gegenüber meiner Jüngsten.“ Wie aufs Stichwort kommt der Tafel-Vorsitzende Peter Radl mit einem großen bunten Schokoladenei um die Ecke, das er der Sechsjährigen schenkt. Sie strahlt über beide Backen.

          Lysann H. nimmt seit mehr als fünf Jahren die Nahrungsversorgung der Tafel in Anspruch. Zwei Jahre lang hat sie dort selbst mitgeholfen. Depressionen, Rauschgift und Hartz IV prägen ihr Leben. Für sie ist es wichtig, unter Menschen zu kommen. Bei der Tafel fühlt sie sich herzlich aufgenommen – gleichgültig ob als Kundin oder Mitarbeiterin. „Hier schaut niemand auf mich herab“, sagt Lysann.

          2006 gegründet, versorgt die Friedberger Tafel aktuell rund 1600 Personen in 650 Familien. Jeder Kunde – so nennen die Tafelaner ihre Abnehmer – zahlt 2,50 Euro pro Lieferung und für jedes weitere Familienmitglied 50 Cent. „Das hat etwas mit Selbstwertgefühl zu tun“, sagt Peter Radl. „Niemand soll sich bei uns als Almosenempfänger fühlen.“

          3000 bis 5000 Kilogramm Lebensmittel

          Etwa 70 Helfer bilden den Mitarbeiterstamm. Jeden Tag sind 25 von ihnen im Einsatz. Im ersten Schritt holen die Ehrenamtlichen im Alter zwischen 15 und 82 Jahren montags, mittwochs und freitags mit drei Kühlwagen und einem Kombi die Lebensmittel bei den 40 mitwirkenden Supermärkten in der Region ab. In der Woche kommen 3000 bis 5000 Kilogramm zusammen. Die wahllos auf der Rampe abgestellten Kisten werden schon vor dem Einladen das erste Mal sortiert. Die Helfer achten darauf, dass Früchte keine Schadstellen haben oder angefault sind, dass Verpackungen unversehrt sind. Nur einwandfreie Sachen kommen in den Transporter.

          Im zweiten Schritt werden im Sortierraum in der Kleinen Klostergasse Körbe gefüllt. Aufgeklebt sind Etiketten mit den Namen der Abholer, Anzahl der Familienmitglieder sowie Tag und Uhrzeit der Auslieferung. Die Aufteilung in vier Farben erleichtert die Zuordnung auf einen Blick. Schließlich erfolgt die Ausgabe an die Kunden.

          Zupackend: Alexander Gereev sortiert die Lebensmittel im Lagerraum.

          Die Auflagen infolge der Corona-Pandemie sorgen für zusätzliche logistische Herausforderungen. Nachdem die Friedberger Tafel am 23. März schließen musste, nahm sie am 20. April ihre Arbeit wieder auf. Nach der Wiedereröffnung lief es zunächst schleppend an, weil man viele Kunden nicht kontaktieren konnte. Erst nach und nach wurde das Vor-Corona-Niveau erreicht. Gut 100 Abholer werden jeden Tag bedient. Jeder Einzelne reicht eine Tasche von außen durch ein offenes Fenster in den Innenraum, wo sie gefüllt und anschließend zurückgegeben wird. Die Tafel-Mitarbeiter tragen sogenannte Face Shields aus Plexiglas, die ein Frankfurter Unternehmen gespendet hat. Um Warteschlangen zu vermeiden, müssen sich die Kunden dienstags persönlich anmelden. Wer über einen Berechtigungsschein verfügt, wird alle zwei Wochen bedient.

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