https://www.faz.net/-gzg-9n6d6

„Fridays for Future“ : Studieren geht über Demonstrieren

  • -Aktualisiert am

Student unter Schülern: Samuel Kramer auf der Freitags-Kundgebung in Frankfurt Bild: Bäuml, Lucas

An den „Fridays for Future“-Kundgebungen nehmen bisher nur wenige Hochschüler teil. Dafür hat das Thema Klimaschutz in den Hörsälen Konjunktur.

          Er ist Student und will sich im Kampf gegen den Klimawandel engagieren – eine Gruppe namens „Students for Future“ möchte Samuel Kramer trotzdem nicht gründen. „Das würde die Bewegung nur weiter aufspalten.“ Der Dreiundzwanzigjährige studiert an der Goethe-Universität; von Anfang an hat er sich an den Schülerprotesten beteiligt, die unter dem Motto „Fridays for Future“ stehen. Es handele sich um eine gesamtgesellschaftliche Bewegung, sagt er. Auch wenn sie von den Schülern ausgegangen sei, wolle er seinen Teil zum Protest beitragen. Anfang des Jahres hat er in einem Seminar für „Politische Philosophie und Theorie im Anthropozän“ versucht, auch seine Kommilitonen dafür zu gewinnen.

          Die Teilnehmer hatten über die Frage diskutiert, welche Verpflichtungen die Menschen heute gegenüber der nächsten Generation haben. Sie wird weit stärker vom Klimawandel betroffen sein als die jetzige. Bei solchen theoretischen Überlegungen dürfe es nicht bleiben, dachte sich Kramer. „Ich kann nicht an einer Hausarbeit über den Klimawandel schreiben, ohne etwas Praktisches zu machen.“ Am letzten Tag des Seminars stellte er sich deshalb vor seine Kommilitonen, rief sie auf, sich zu vernetzen und etwas zu tun.

          Das ungenutzte Potential freisetzen

          Aus seiner Idee ist ein E-Mail-Verteiler entstanden, über den Informationen zu Klimaschutz-Aktionen verbreitet werden sollen. Die Zahl der Teilnehmer ist überschaubar, zwölf sind es bisher. Doch Kramer ist guter Dinge, dass sich im Lauf der Zeit mehr Studenten anschließen werden, wenn er in anderen Seminaren für sein Vorhaben wirbt. Viele seien schon lange am Thema Klimawandel interessiert. „Es braucht wenig, um das ungenutzte Potential freizusetzen“, glaubt Kramer. Die Strukturen seien schon vorhanden; als Beispiele nennt er die Initiativen „Fridays for Future Frankfurt“ und „Climate Justice FFM“. Mit dem Mail-Verteiler wolle er Vereinigungen, die den Klimawandel thematisierten, unterstützen und einen Überblick über die Aktionen schaffen. „Ich habe einfach ein persönliches Interesse daran, die Leute zu motivieren, etwas zu machen.“

          Zusammen mit zwei Kommilitoninnen hat er sich außerdem vorgenommen, Abgeordnete zu besuchen. Die Studenten wollen Politiker aus der Region mit den international vereinbarten Klimazielen konfrontieren, ihnen aber auch zeigen, dass gerade das Anstreben dieser Ziele sie wählbar mache. Außerdem wollen sie eine Art „grünes Vorlesungsverzeichnis“ schaffen. Dort sollen alle Veranstaltungen der Goethe-Universität mit Bezug zum Klimaschutz aufgelistet werden. Die globale Erwärmung und ihre Folgen werden mittlerweile in vielen Seminaren behandelt. Das wachsende Interesse der Studierenden sei auch daran zu erkennen, dass sie die Umwelt immer öfter in ihren Abschlussarbeiten thematisierten, sagt eine Sprecherin des Instituts für Physische Geographie der Frankfurter Universität.

          Zunehmend Beachtung in politischer Diskussion

          Ganze Studiengänge sind mittlerweile auf den Schutz des Klimas und auf Nachhaltigkeit im weiteren Sinne ausgerichtet; auch an den Hochschulen im Rhein-Main Gebiet. Das liege allerdings nicht daran, dass sich die Menschen zurzeit besonders für das Thema interessierten und die Unis darauf reagierten; es sei genau umgekehrt, sagt Reinhard Dörner, Studiendekan des Fachbereichs Physik der Universität Frankfurt. „Als Wissenschaftler und Bürger bin ich froh, dass dieses Thema jetzt auch in der politischen Diskussion und öffentlichen Wahrnehmung zunehmend die Beachtung bekommt, die es im wissenschaftlichen Diskurs schon lange hat.“

          Das Lehrangebot der Goethe-Uni zu diesem Thema sei sehr gut, findet der Kernphysiker Dörner. Im Bachelorstudiengang Meteorologie zum Beispiel würden klimabezogene Inhalte sehr prominent behandelt. In den Masterstudiengängen Umweltwissenschaften sowie Ökologie und Evolution sollen die Studenten lernen, welchen Einfluss der Mensch auf Ökosysteme hat.

          Die Welt besser machen

          Die Frankfurt University of Applied Sciences bietet neuerdings den Bachelorstudiengang Elektro- und Informationstechnik an, in dem der Schwerpunkt auf Energietechnik gelegt werden kann. Dort geht es beispielsweise auch darum, wie Energie umweltschonend gewonnen werden kann, ohne dass Ressourcen ausgebeutet werden. Das Interesse an solchen Themen sei sehr groß, sagt der Ingenieurwissenschaftler Hartmut Hinz. Das zeige auch die steigende Zahl der Studenten in dem Fach. An der Frankfurt University gibt es auch die Studiengänge Zukunftssicheres Bauen sowie Bio- und Umwelttechnik.

          Wie eine nachhaltige Stadtentwicklung aussehen kann, soll im Fach „Sustainable Urban Development“ vermittelt werden, das die Technische Universität Darmstadt in Kooperation mit der Vietnamesisch-Deutschen Universität anbietet. An der Hochschule Rhein-Main gibt es Studiengänge mit dem Schwerpunkt Umwelttechnik. Im Studiengang Mobilitätsmanagement spielen auch Elektroautos und -fahrräder eine Rolle. Volker Blees, Professor für Verkehrswesen an der Hochschule Rhein-Main, spricht von einer „herausfordernden Erwartungshaltung“ der Studenten. „Sie wollen praktische Ansätze lernen, wie sie die Welt besser machen können“, sagt er. „Da tut sich wahrnehmbar etwas.“

          Samuel Kramer studiert zwar Germanistik und Philosophie, sucht sich aber gezielt Seminare über Klimaschutz aus. Er möchte, dass sich mehr Leute bewusst machen, dass der Klimawandel jeden etwas angehe. Die kleine Gruppe, die seit seinem Aufruf entstanden ist, hat dem E-Mail-Verteiler den Namen „Rhizome“ gegeben. In der Botanik heißen so die Wurzelgeflechte einer Pflanze. Damit wollen die Studenten zeigen, dass auch sie durch ihre gemeinsame Forderung verbunden sind, die da lautet: nicht nur über den Klimawandel diskutieren, sondern auch etwas dagegen tun.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          AKK im Kabinett : Auf dem Marsch ins Kanzleramt

          Wer wie Annegret Kramp-Karrenbauer Regierungschefin werden will, darf sich vor dem Verteidigungsministerium nicht fürchten. Auch in der Politik gilt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

          Mexikanischer Drogenboss : „El Chapo“ muss lebenslang ins Gefängnis

          Der mexikanische Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán muss lebenslang ins Gefängnis. Das Strafmaß wurde am Mittwoch in New York verkündet. Zuvor hatte „El Chapo“ das Gericht mit einer Beschwerde überrascht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.