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Freiwilliges Soziales Jahr : Bis ans Ende der Welt und noch viel weiter

  • -Aktualisiert am
Kolumbien im Herzen: Der Frankfurter Paul Hentze ging nach dem Abitur für ein Jahr nach Südamerika. Mit Hilfe des Programms „weltwärts“ engagierte er sich dort ehrenamtlich für behinderte Kinder.
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          Jeden Morgen schlagen Tausende von Menschen ihre Zeitung auf. Drogenkrieg in Mexiko, heißt es da, Hungersnot in Äthiopien, Korruption in Kolumbien. Was geht mich Kolumbien an, denken manche vielleicht. Kolumbien, wo liegt das überhaupt? Sie schauen weg, weil es sie nicht interessiert. Paul Hentze wollte nicht wegschauen. Er wollte es erleben. Eine fremde Kultur, ein neues Land, ein einzigartiges Abenteuer, all das faszinierte ihn. Paul Hentze ging „weltwärts“.

          So heißt ein Programm, das es jungen Leuten ermöglichen soll, sich mit finanzieller Unterstützung ein Jahr lang ehrenamtlich in Entwicklungsländern zu engagieren. Gefördert wird es vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung; das Motto lautet: „Lernen durch Helfen“. „Dabei geht es nicht um das Abenteuer Ausland, sondern um das Abenteuer, entwicklungspolitisch zu arbeiten“, sagt Karin Schüler, die das Weltwärts-Sekretariat in Bonn leitet.

          „Abi - und jetzt?“

          Warum gerade Kolumbien, weiß Paul Hentze selbst nicht mehr so genau. „Weil ich mal Lust hatte, was ganz anderes zu sehen.“ Die Schule fand er am Ende nur noch anstrengend. „Oft musste ich etwas lernen, was ich nicht lernen wollte.“ Einfach nur weg - das war für ihn nach dem Abschluss die Hauptsache.

          Hentze ist kein Einzelfall. Jedes Jahr stellen sich sehr viele Schüler die Frage: „Abi - und jetzt?“ Viele wollen nicht gleich studieren, dann arbeiten und als Nächstes Kinder kriegen. Vielen geht das zu schnell. Die meisten wissen noch nicht so richtig, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.

          Die Bewerbung wurde zum Hürdenlauf

          Nach dreizehn Jahren Frontalunterricht war auch Paul Hentze hungrig. Hungrig nach der Chance, einfach einmal das machen zu können, was er wirklich machen wollte. Der Freiwilligendienst Weltwärts bot ihm diese Chance. Beworben hatte er sich über den Verein AFS, eine der etwa 200 Entsenderorganisationen, die Projekte im Ausland vermitteln.

          Die Bewerbung wurde zum Hürdenlauf. Es gab Gespräche, Diskussionen, Gruppenarbeiten. Wie reagiert er auf unbekannte Situationen? Wie spontan ist er? Wie geht er mit Menschen um? Wird er damit zurechtkommen, ein Jahr von Freunden, Familie und Heimat getrennt zu leben? Ein besonderes Hindernis war die Sprache. Hentze hatte nur einen zweiwöchigen Spanischkurs absolviert. Das reicht nicht, um sich sofort mit Menschen über ernste Themen wie Heimweh zu unterhalten.

          Ein neuer Lebensabschnitt

          Am Ende des Bewerbungsmarathons war Hentze erleichtert: Er würde seine Chance bekommen. Er würde nach Kolumbien fahren, in Barranquilla würde er behinderten Menschen Schlagzeugunterricht geben. Zehn Jahre lang hatte er in Deutschland selbst Schlagzeugunterricht bekommen, jetzt würde er anderen etwas von seinem Glück zurückgeben können. Er würde seinen Traum leben.

          Traumhaft einfach war es dann aber doch nicht immer. Paul Hentze sitzt in einem kleinen Café gegenüber vom Frankfurter Hof, braune Haare, weißes T-Shirt, Brille. Zwei Jahre ist es jetzt erst her, damals packte er als Neunzehnjähriger in Ginnheim seinen Koffer, um ihn irgendwo am anderen Ende der Welt wieder auszupacken und einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

          Er gab Schlagzeugunterricht

          „Es gab Höhen und Tiefen“, erinnert er sich. „Die Freunde haben gefehlt. Man kann ja nicht einfach nach Hause fahren. 9000Kilometer musst du auch erstmal überwinden“, meint er. Und trotzdem: Die Erfahrung war es wert. Hentze hat viel gesehen und viel gemacht. Er wird es nie vergessen. „Ich habe zum ersten Mal echte Armut erlebt“, sagt der junge Mann und erzählt von der alten Dame, die in einer kargen Hütte leben musste, zusammengezimmert aus Wellblech und Planen. Ein schockierender Moment. Doch er hat ihn bewältigt wie alles andere auch. Sein Gastbruder erzählte ihm von der Organisation „Un techo para mi país“ - Ein Dach für mein Land. Hentze trat bei. Von da an baute er in seiner Freizeit Holzhäuser. Für diese Frau. Für Kolumbien.

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