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Freiwillige Gebühr im Handel : Bis zu 30 Cent für eine Plastiktüte

Sie soll schlecht für die Umwelt sein: die Plastiktüte Bild: dpa

Von nun an wird es öfter vorkommen, dass Kunden in Geschäften für Tragebeutel aus Plastik zahlen müssen. Viele finden das richtig.

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          „Wir machen mit“ steht auf einem Schild an der Kasse bei C&A an der Zeil. Damit kündigt die Textilkette offensiver als andere Geschäfte in Frankfurt an: Die Plastiktüte wird von heute an Geld kosten.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Plastiktüten haben seit langem einen schlechten Ruf, unter anderem, weil sich der Kunststoff erst in Hunderten von Jahren zersetzt. Statt im Recycling-Kreislauf landen viele Tüten in der Natur, etwa im Meer, wo sie von Vögeln und Fischen gefressen werden, die daran verenden. Der 1. April galt bisher als der Termin, an dem eine freiwillige Vereinbarung zwischen dem Handelsverband Deutschland und dem Bundesumweltministerium über die Einführung einer Plastiktütengebühr in Kraft treten sollte. Damit reagiert der Handel auf eine EU-Richtlinie, wonach der Plastiktütenverbrauch innerhalb der nächsten zehn Jahre auf jährlich 40 Stück je EU-Einwohner sinken soll. In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch aktuell bei mehr als 70 Tüten. Da nach Angaben der Beteiligten noch nicht alle Punkte geklärt sind, soll die Gebühr offiziell später kommen.

          Einige haben schon lange eine Tüten-Gebühr

          Das hält aber offenbar viele Einzelhändler nicht davon ab, wie geplant loszulegen. Eine Stichprobe in Frankfurt zeigt: Außer C&A werden heute etwa auch die Filialen von H&M, Das Depot und die Buchhandlung Osiander im Skyline Plaza Gebühren einführen. C&A und Osiander verlangen 20 Cent, H&M will 15 Cent, Das Depot je nach Größe fünf, zehn oder 15 Cent. Andere Unternehmen machen weiter wie bisher. Zumindest haben die Verkäuferinnen an den Kassen bei Peek & Cloppenburg, Appelrath Cüpper, Hugendubel und Kaufhof nach eigenen Angaben bisher keine Anweisung bekommen.

          In anderen Geschäften werden seit langem Gebühren fällig. Die Drogerieketten Rossmann und dm etwa haben Plastik teils abgeschafft, teils gebührenpflichtig gemacht und bieten mit Nylontaschen, Taschen aus Mehrwegkunststoff oder auch Papier kostenpflichtigen Ersatz an.

          Nicht nur Ablehnung für Kostenpflicht

          Die Kaffeekette Tchibo hat Anfang des Jahres umgestellt. Bei Saturn im Einkaufszentrum „My Zeil“ erfährt der Kunde zur eigenen Überraschung: „Wir machen das schon seit eineinhalb Jahren.“ Tüten kosten fünf, zehn oder 15 Cent. Die Billigkette Kik geht noch einen Schritt weiter. Schon seit vergangenem Oktober gibt sie nach den Worten einer Verkäuferin in der Zeil-Filiale keine Plastiktüten mehr heraus, sondern nur noch große und kleine Stoffbeutel (0,75 und ein Euro) sowie Taschen aus Mehrwegkunststoff (ein Euro). „Ist wegen der Umwelt“, sagt die Verkäuferin. „Die Leute schimpfen, aber was soll man machen?“

          Nicht immer stößt die Gebühr auf Ablehnung. Karstadt hat die Umstellungsphase gerade hinter sich. Zum 1. März hat das Warenhaus die Tüten-Gebühr eingeführt (fünf bis 30 Cent). „Die einen sagen so, die anderen so“, stellt eine Verkäuferin fest. Befürworter freuten sich, nach dem Motto: Das wird auch Zeit. Andere würfen dem Unternehmen vor, es wolle mit der Gebühr Geld verdienen.Viele hätten sogar Tragetaschen dabei, was den meisten aber erst dann einfalle, wenn sie hörten, dass die Tüte Geld koste. Anderen machen die paar Cent offenbar nichts aus, wie etwa der Kundin, die sich gestern Morgen bei Karstadt zwei Paar Strümpfe in eine Plastiktüte stecken ließ, obwohl sie einen Rucksack dabeihatte, in dem noch viel Luft war.

          Manche bieten eine Papiertüte

          Nach einer in dieser Woche veröffentlichten Umfrage gehen mehr als zwei Drittel der Verbraucher bereits mit Korb, Rucksack oder Stofftasche einkaufen. Etwa 80 Prozent der Befragten äußerten sich positiv zur Plastiktüten-Gebühr. Gut jeder Zweite war sogar dafür, die Ausgabe in Geschäften ganz zu verbieten. So weit wollen zwei junge Mädchen, die beim spanischen Mode-Filialisten Mango stöbern, nicht gehen. Grundsätzlich fänden sie Papier aber „schon besser“.

          So gesehen sind sie auch bei anderen Filialisten für junge Mode - außer Mango etwa Zara und Esprit - gut aufgehoben. Hier kommen Hose und T-Shirt nur noch in die Papiertüte. Eine Ausnahme machen Zara und Mango nur, wenn „Sale“ ist. Dann darf es vorübergehend wieder Plastik sein.

          Als gut gilt, was lange hält

          Ob Papier besser ist für die Umwelt, ist ohnehin umstritten. Für die Herstellung von Papiertüten werden ebenfalls Ressourcen verbraucht, etwa Zellstoff, Wasser, Energie. Von Vorteil ist Papier aus Umweltschützer-Sicht nur dann, wenn Altpapier und stabiles Material eingesetzt werden, damit die Tüte wieder benutzt werden kann. Das gilt für jeden Plastik-Ersatz. Als gut gilt alles, was lange hält: Stoffbeutel, Rucksack, Einkaufskorb.

          So gesehen ist auch die zerknitterte Plastiktüte, die eine Kundin schon einen Tag vor dem Tüten-Zahltag bei C&A aus der Tasche zieht, für Umweltschützer eine willkommene Lösung.

          „Coffee to go“ im eigenen Becher?

          Außer Plastiktüten gibt es jede Menge anderen Verpackungsmüll. Man muss nur mittags bei Feinkost Mayer an der Frankfurter Freßgass’ einen geschnippelten Salat kaufen, um zu wissen, wovon die Rede ist. Auch der Kaffee zum Mitnehmen gehört zu den bequemen Produkten, die den Abfallberg wachsen lassen. Für den „Coffee to go“ werden nach Schätzungen bundesweit rund 2,6 Milliarden Einwegbecher im Jahr verbraucht. Das sind 40 000 Tonnen Müll allein in Deutschland, wie das hessische Umweltministerium vorrechnet. In einem Brief hat Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) jetzt dem Handel vorgeschlagen, Kunden einen Anreiz zum Verzicht auf die Plastikbecher zu geben. Sie empfiehlt einen Preisnachlass von zehn Cent für den Fall, dass ein Kunde ein Trinkgefäß mitbringt. Hygienische Bedenken beim Nachfüllen von Mehrwegbechern in Kaffeehäusern, Bäckereien oder Raststätten sieht die Ministerin nicht. Das Verkaufspersonal müsse darauf achten, dass die Becher nicht mit den Abfüllstutzen in Berührung kämen. Oder der Kaffee müsse zunächst in ein eigenes Gefäß und dann erst in den mitgebrachten Becher gefüllt werden. Eine freiwillige Lösung zu finden, hält die Ministerin für besser, als ein Pfand einzuführen oder eine Abgabe auf Einwegbecher zu erheben. (hoff.)

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