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Frei Schule Frankfurt : Strenge nur im Spiel

Mitbestimmt: In der Freien Schule werden Regeln nicht von oben gesetzt, sondern zwischen allen Beteiligten ausgehandelt. Bild: Wolfgang Eilmes

Repressionsfrei erziehen lautet seit 40 Jahren das Credo der Freien Schule in Frankfurt. Das lobt die Schuldezernentin enthusiastisch. Doch im freien Spiel der Kinder kehrt ein irritierendes Phänomen immer wieder.

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          Mit so viel Lob aus der hohen Stadtpolitik ist nicht zu rechnen gewesen. Bestimmt nicht 1974, als die Freie Schule gegründet wurde, aber auch nicht unbedingt am Donnerstagabend, beim Rückblick auf die vergangenen vier Jahrzehnte. Schuldezernentin Sarah Sorge nennt die private Alternativschule „einen kleinen Leuchtturm der Frankfurter Bildungslandschaft“ und ein Vorbild für öffentliche Schulen. Pädagogische Ansätze, die in der Freien Schule entwickelt und verfolgt wurden, fänden sich heute etwa im Bildungs- und Erziehungsplan des Landes Hessen wieder.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Enthusiasmus Sorges mag ein wenig darin begründet sein, dass die 45 Jahre alte Grünen-Politikern selbst in der antiautoritären Kinderladen-Bewegung groß geworden ist und offenbar gute Erinnerungen daran hat. Doch auch objektiv gesehen ist vieles, was an der Freien Schule erdacht wurde, inzwischen im öffentlichen Schulwesen angekommen. Nicht im Idealtypus einer „repressionsfreien Erziehung“, oft nur in Methoden wie dem morgendlichen Stuhlkreis, aber doch in Gestalt größerer Freiheiten, als es früher denkbar war.

          Mehr als nur Nabelschau

          Ganz so weit wie im alten Schulhaus in Sachsenhausen und seit kurzem auch am zweiten Standort in Eckenheim geht die Selbstbestimmung in aller Regel aber nicht. Dort entscheiden die Kinder zwischen drei und 13 Jahren selbst, ob und wann sie lernen wollen. Die Lehrer schaffen Anreize und Gelegenheiten, sie zeigen, dass Lesen und Schreiben wichtige Fähigkeiten sind, aber sie zwingen niemanden. Offenbar ist das auch nicht nötig: Bis zum Wechsel auf die Regelschule sind die allermeisten Jugendlichen in der Lage, dort gute bis sehr gute Leistungen zu bringen.

          Es würde jedoch nicht zur Freien Schule passen, wenn ein Schuljubiläum lediglich Anlass zur selbstzufriedenen Nabelschau wäre. Auf der Feier im Studierendenhaus auf dem Bockenheimer Campus der Universität werden Anspruch und Realität durchaus kritisch reflektiert. Auf dem Podium diskutieren ehemalige und derzeitige Lehrer, Schüler und Eltern über die Frage „Was wird hier gespielt?“. Angesprochen wird das irritierende Phänomen, dass eines der liebsten Spiele in der Freien Schule - heute wie vor 40 Jahren - die Schule selbst ist. Und zwar in einer traditionellen, keineswegs repressionsfreien Variante.

          „Simulation der Regelschule“

          Frühere Schüler erzählen, wie sie im Spiel von ihren Lehrern gefordert haben, strenge Noten zu verteilen - am besten mit Rotstift. Sie selbst hätten darauf bestanden, gerade zu sitzen und ruhig zu sein. Die ehemalige Lehrerin Renate Stubenrauch erinnert sich mit einem leichten Schaudern sogar daran, dass eine Schülerin sie gebeten habe, sie mit dem Lineal auf die Finger zu schlagen.

          Der Erziehungswissenschaftler Gerold Scholz, der seinerzeit die Schulgründung begleitete und zum Jubiläum einen Vortrag hielt, sieht in dem Spiel eine Simulation der Regelschule. Anders als dort seien es aber die Kinder, die Strenge und Disziplin einforderten und die Macht somit mit den Erwachsenen teilten.

          Lustvolles Spiel mit der Macht

          Daniel Hartlaub, Schüler der ersten Generation, erklärt sich den offenkundigen Reiz gespielter Repression anders: In der Freien Schule habe er als Kind so viel bestimmen dürfen, dass die Reibungspunkte mit den Erwachsenen gefehlt hätten. „Wir wollten provozieren.“ Und wie hätte das besser gelingen können als mit dem Wunsch, ebenjene autoritäre Pädagogik nachzuspielen, die Eltern und Lehrer, vielleicht aus der Erfahrung ihrer eigenen Schulzeit, so entschieden ablehnten?

          Eine andere Sicht hat Harald Gottschalk, Geschäftsführer der Freien Schule: Nach seiner Wahrnehmung sei das Spiel mit der Macht nicht angstbesetzt, sondern könne etwas Lustvolles haben. Vielleicht in der Art, wie sich Kinder gegenseitig Schauergeschichten erzählen, im wohligen Gefühl, dass sie in Sicherheit sind.

          Viel Diskussionsstoff

          Dass sich nicht nur mit strengem Unterricht provozieren lässt, berichten andere Ehemalige auf der Jubiläumsfeier: Auch die allzu freundliche Darstellung von Polizisten im Räuber-und-Gendarm-Spiel habe in den politisch aufgeheizten siebziger Jahren für Diskussionen unter den Eltern gesorgt. Schließlich wurde aber auch das toleriert, ebenso wie die lasziven Posen der Teenager-Mädchen, die sich im Stil der Rocky-Horror-Picture-Show so gar nicht nach den Vorstellungen ihrer feministisch bewegten Mütter kleideten.

          So etwas zuzulassen gehört wohl auch zur repressionsfreien Erziehung, die, wie Gottschalk sagte, nicht nur Chance, sonder auch Herausforderung sei - für die Kinder, die ihre Grenzen finden müssen, genauso wie für die Eltern und Pädagogen, die es aushalten müssen, wenn die lieben Kleinen sich bis an diese Grenzen herantasten und manchmal auch darüber hinausgehen.


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