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„Freestyle“-Projekt in Kassel : „Überall herrscht Krieg“

  • -Aktualisiert am

Mitmachen: Kinder beteiligen sich am Freestyle-Projekt. Bild: Klein, Nora

„Freestyle“ heißt ein Projekt in Kassel, das sich an Kinder und Jugendliche aus einem sozialen Brennpunkt wendet.

          6 Min.

          Eko ist 18 Jahre alt und an der Weserspitze aufgewachsen, einer Straßengabelung in der Kasseler Nordstadt, wo ein Arbeiterstadtteil mit einem klassischen Mittelstand von selbständigen Handwerkern zu einem sozialen Brennpunkt geworden ist. „An der Weserspitze kriegst du alles“, sagt der junge Mann kurdischer Abstammung. „Wenn du Waffen brauchst, gehst du um die Ecke. Von den Dealern lernst du den Drogenhandel. Als Kind schaust du zu, wie es geht, und sie bringen es dir bei. Du siehst die schicken Frauen mit den schönen Autos aus den anderen Stadtteilen, die sich hier ihre Tabletten holen. Und du lernst: Der Kriminelle kriegt immer und überall seine Leute. Auf ihn ist Verlass. Er hat Status.“

          Status - das ist offenbar das, was alle wollen, Anerkennung und Respekt. Materielle Symbole nötigen den anderen Bewunderung ab, und der Respekt findet seinen Ausdruck in Zeichen der Unterwerfung. Die Erfahrung von Gewalt gehört in diesem Milieu zum Alltag. Zwischen Türken und Kurden herrsche Krieg, sagt Eko, aber auch in Bosnien. „Überall herrscht Krieg“, lautet die Erfahrung nach 18 Jahren einer Jugend in einer deutschen Großstadt, wo die Angehörigen von mindestens zwei Dutzend Nationen vielfach in feindlicher Abgrenzung voneinander in einen Quartier leben, das die Deutschen, die es sich leisten können, meiden. Der Stolz, den manche Kultur ihren Angehörigen abverlangt, macht das Zusammenleben nicht leichter. Man ist stark, nicht schwach. Über Sorgen und Probleme sprechen die Jugendlichen nicht.

          „Alltagssorgen“

          „Die Kinder hängen auf der Straße ab, sie werden dort nicht gelobt“, berichtet Eko. „Die Eltern arbeiten Tag und Nacht. Wenn du einem Freund sagst, ich habe keine Arbeit, antwortet der dir: Ich kann dir nicht helfen. Ich will meinen eigenen Arsch retten.“ Jüngst traf Eko einen jungen Mann, der drei Mal nacheinander Tankstellen im Quartier überfallen hatte. Er ging lieber in den Knast als Sozialstunden zu leisten, zeigte - nach seiner eigenen Auffassung - Härte statt Schwäche. Das steigerte wiederum in seiner Welt der Kriminellen seinen Status. Die Debatte über einen Warnschuss-Arrest löst Hohn und Spott unter jenen aus, die ihre Initiatoren einer solchen Diskussion damit in die Schranken weisen wollen.

          Eko hatte, wie er einräumt, selbst „Alltagssorgen“. Welche es waren, darüber schweigt er lieber. Aber seit einem Jahr kommt er in die Freestyle-Halle am Ostring, die für 200 Kinder und Jugendliche aus ungezählten Kulturen zu einer Heimat geworden ist. „Freestyle“, berichtet Enver Gakovic, sei „Sport nach dem Ikea-Prinzip. Du kannst Dir aussuchen, was du willst, ob Fußball, Basketball oder Tanzen“. „Freestyle“ entspann sich aus Gakovics eigener Lebenserfahrung. „Ich habe es entwickelt“, sagt er, „wir holen die Probleme von der Straße in die Halle, die Alltagsprobleme, die aus Langeweile Schlägereien und Erpressung entstehen lassen.“ Gakovic ist Mitte 30. Er wurde in Kassel geboren, ging in die Heimat seiner Eltern nach Bosnien zurück, um mit dreizehn Jahren nach Kassel in die Nordstadt zurückzukehren. Über den Fußball fand er Freunde und seinen Platz in der Schulklasse. Er machte Karriere als Kickboxer und Fußballer, ging abermals auf den Balkan und kam wieder nach Kassel. Dort nimmt er sich seit fast einem Jahrzehnt jener Kinder und Jugendlicher an, die er die „Straßenkinder“ nennt, in die er sich hineinversetzen kann, und denen er helfen möchte.

          Zuwendung ist wichtig

          Er will Vorbild sein für die Kinder und Jugendlichen, ihr Freund und väterlicher Begleiter. Diese Straßenkinder seien zu problematisch für einen Verein. Aber sie könnten sich schließlich auch nicht „wegradieren“. In der Halle lernen sie Disziplin, Achtung vor dem anderen, Zuverlässigkeit und Verantwortung zu übernehmen. Es beginnt mit der Begrüßung. Kinder und Jugendliche, die ein Leben lang unter sich schauten, ihre Augen hinter Mützen verbargen, die sie tief ins Gesicht gezogen hatten, sollen lernen, den anderen anzusehen, ihm die Hand zu reichen und zu fragen, wie es dem Gegenüber gehe. Der andere revanchiert sich mit Fragen: „Wie war die Schule? Klappt es mit dem Führerschein?“ Kinder und Jugendliche, an deren Entwicklung bisher niemand erkennbar Anteil nahm, richten sich unter der Zuwendung mit Worten förmlich auf, lernen, wie es Eko sagt, über ihre Probleme und mithin über ihre Schwächen zu sprechen. Für Gabkovic ist „die Kommunikation das A und O. Die kommen nach acht Jahren zurück und sagen Danke. Es ist ein Kreislauf. Alles kommt zurück, das Gute und das Schlechte.“

          Alexandro Popescu trifft immer wieder auf junge Menschen, die ihm berichten, wie ihnen Gakovic, den sie Eno nennen, einst geholfen habe. Popescus Familie stammt aus Rumänien. Als Kind kam er nach Göttingen, wo er erfuhr, was es heißt, nicht akzeptiert zu werden. Als er 15 und 16 Jahre alt war, wurde er von den Ausländern gejagt, die in ihm den Deutschen sahen, „und an der nächsten Straßenecke warteten die anderen“. Denn für die Deutschen war er ein Ausländer. „Wenn Kinder mit vier bis sechs Jahren Gewalt erleben, dann weiß man, wie sie mit sechzehn oder siebzehn sein werden“, sagt Popescu, der selbst hat einstecken müssen, aber auch gelernt hat auszuteilen. Als er nach der zehnten Klasse im niedersächsischen Schulsystem endlich zum Gymnasium gehen durfte, wurde es besser. Zum Studium der Mechatronik ging er nach Kassel. Dort schenkt er seine Zeit und seine Zuneigung den Vernachlässigten. Der Student gibt Nachhilfe in Mathematik, ist Trainer in der Freestyle-Halle, spielt aber auch einmal Verstecken. Ausgerechnet jene Jugendlichen mit dem übelsten Strafregister wollten dies: „Nach außen geben sie sich stark, aber in ihrem Inneren sind sie Kinder.“

          Aus der Freizeitbeschäftigung wurde ein Beruf

          Ein Leidtragender multikultureller Erfahrungen ist auch Karsten Onderka. Darum ist es wohl kein Zufall, dass auch er sich dem Freestyle-Projekt verschrieben hat. Onderka wurde 1970 in Bonn geboren. Sein Vater ist Bauingenieur und bereiste die halbe Welt. Die Familie zog mit. Der Junge wuchs in São Paulo auf und kam über eine Station in Nordamerika mit zehn Jahren nach Deutschland zurück. Er konnte zwar deutsch, aber die Sprache, in der er dachte und fühlte, war Portugiesisch. Er blieb in der Schule sitzen, ging von zu Hause weg, verdiente sein eigenes Geld, unternahm weite Reisen, lernte den Beruf des Speditionskaufmanns, holte das Abitur nach, absolvierte ein Studium in Internationaler Betriebswirtschaft, schrieb seine Diplomarbeit bei Mercedes in São Paulo, arbeitete als Projektmanager, in der Seeschifffahrt und baute Photovoltaikparks.

          Der Liebe wegen kam er nach Kassel und der Liebe zum Fußball wegen zu „Dynamo Windrad“, einer munteren linken Gruppe, die vor 30 Jahren von Sport- und Kunststudenten in Kassel gegründet wurde und in der Szene von Sport und Politik durchaus national und international ein Begriff ist. Über den politisch ambitionierten Sportverein fand Onderka zu Freestyle. „Dynamo Windrad“ hatte sich des Projekts angenommen, das wiederum über das Programm „Soziale Stadt“ vom Bund und der EU finanziert wurde. Aus der Freizeitbeschäftigung wurde für Onderka ein Beruf. Er ist ein Manager, der nicht ruhen kann, einerlei ob er Ozeanriesen dirigiert, Photovoltaikmodule in China ordert oder sich in Fragen eines Sozialfonds hineinfuchst.

          Vieles hat sich geändert

          Anfang 2010 begann sich Onderka um eine Bleibe für Freestyle zu kümmern. Im November desselben Jahres wurde die Halle am Ostring eröffnet. Sie ist längst frischgestrichen, hat einen neuen Bodenbelag, einige Sportgeräte inklusive eines alten Ford Mondeo, der den Jugendlichen als Bühne für ihre Akrobatik dient. Kaum hatte sich Onderka der Organisation und Logistik des Projekts angenommen, kam die Nachricht, dass die Finanzierung der „Sozialen Stadt“ im März 2012 enden werde, nachdem die Beteiligten zunächst mit zehn Jahren Förderung gerechnet hatten. Onderka nahm Kontakt zur Jugenddezernentin Anne Janz von den Grünen und zu Kämmerer Jürgen Barthel (SPD) auf. Die Stadt half nicht nur beim Umbau der Halle, und Kassels Polizeipräsident Eckard Sauer leistete „tolle Hilfe“, berichtet Onderka. Um den Jahresetat von 150000 Euro zu decken, gewann er den Kämmerer, der im Etat Mittel für freiwillige Leistungen der Stadt zur Verfügung stellte. Onderka fand aber auch Klienten, die die Halle für Seminare mieten, und er gewann eine Stiftung, die die Familie eines Hochschullehrers und Unternehmers gegründet hat, als Förderer. Aber noch fehlen 50000 Euro am Jahresetat. Schwer sei es, sagt Onderka, Geld für Personalkosten einzuwerben. Aber ohne Menschen scheiterte das Projekt.

          Was sich für Eko, den Jungen von der Weserspitze mit kurdischen Wurzeln geändert habe, seit er regelmäßig in die Halle komme? „Vieles“, antwortet der junge Mann vielsagend. Eko ist freundlich, reicht zum Gruß die Hand, blickt dem anderen ins Gesicht, und er stellt seine Zuverlässigkeit unter Beweis. Er ist „Young Leader“, übernimmt Aufgaben in der Halle, organisiert Spiele und Turniere, ist den anderen ein Vorbild. Dafür bekommt er als Anerkennung ein wenig Geld, und er beschreitet als „Young Leader“ den Weg zum anerkannten Trainer. In der Halle, sagt er, bleibt die Politik vor der Türe. Kurden spielen mit Türken, Türken mit Russen. Die Eltern lernen von der Integration der Straßenkinder, kommen zum türkischen Nachmittag oder zum russischen Abend.

          Er habe gedacht, er erhalte Respekt, wenn er dem anderen keinen zeige

          Vormittags geht Eko zur Schule. Er will den Hauptschulabschluss schaffen, um dann Erzieher zu werden, denn in der Arbeit mit den Kindern findet er Erfüllung. Gakovic unterstützt Eko auf seinem Weg. Eko habe schon mehr als ein Jahr bewiesen, dass er zuverlässig sei, dass er zuhöre und sich kümmere. Es komme darauf an, die Kinder und Jugendlichen zu motivieren, herauszufinden, worauf ihr Ehrgeiz ziele. „Das ist in Bosnien, in Bagdad und an der Weserspitze dasselbe“, sagt Gakovic. „Schau dir die Kindergärten an. Dort müssen wir Sozialkompetenz vermitteln, aber es fehlen Männer im Kindergarten.“

          Eko ist seinerseits Vorbild für einen Jungen, der erst 14 Jahre alt ist, aber schon erwachsen aussieht. Die Größe und sein Äußeres bestimmen seinen Status. Der Junge ist Albaner. Sein Großvater sei im Jugoslawienkrieg gestorben, und alle sagten, erzählt der Junge, er sehe ihm so ähnlich. Der Vater, sagt der Junge, sei ein „Krieger“, habe gegen die Serben gekämpft. Er, der Junge, habe in Deutschland nicht den Respekt erfahren, den er erwartet habe. Und er habe gedacht, er erhalte Respekt, wenn er dem anderen keinen zeige. Ein unterlassener Gruß oder ein schräger Blick genüge, um Angst zu verbreiten, denn „Augen schießen schärfer als Knarren“. Schon im Kindergarten habe er sich geschlagen. Später kamen Messerstechereien, räuberische Erpressung und Massenschlägereien hinzu. Der Junge ist seit ein paar Wochen „Young Leader“ wie Eko. Er glaubt, dass er es geschafft habe, sich den schlechten Freunden zu entziehen, die ihn offenbar auf ihren Streifzügen vorschickten, weil er noch nicht strafmündig war. Gakovic gibt sich abwartend: „Die Kunst ist nicht der Anfang, die Kunst ist es, die Veränderung zu erhalten.“

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