https://www.faz.net/-gzg-6yevd

„Freestyle“-Projekt in Kassel : „Überall herrscht Krieg“

  • -Aktualisiert am

Vieles hat sich geändert

Anfang 2010 begann sich Onderka um eine Bleibe für Freestyle zu kümmern. Im November desselben Jahres wurde die Halle am Ostring eröffnet. Sie ist längst frischgestrichen, hat einen neuen Bodenbelag, einige Sportgeräte inklusive eines alten Ford Mondeo, der den Jugendlichen als Bühne für ihre Akrobatik dient. Kaum hatte sich Onderka der Organisation und Logistik des Projekts angenommen, kam die Nachricht, dass die Finanzierung der „Sozialen Stadt“ im März 2012 enden werde, nachdem die Beteiligten zunächst mit zehn Jahren Förderung gerechnet hatten. Onderka nahm Kontakt zur Jugenddezernentin Anne Janz von den Grünen und zu Kämmerer Jürgen Barthel (SPD) auf. Die Stadt half nicht nur beim Umbau der Halle, und Kassels Polizeipräsident Eckard Sauer leistete „tolle Hilfe“, berichtet Onderka. Um den Jahresetat von 150000 Euro zu decken, gewann er den Kämmerer, der im Etat Mittel für freiwillige Leistungen der Stadt zur Verfügung stellte. Onderka fand aber auch Klienten, die die Halle für Seminare mieten, und er gewann eine Stiftung, die die Familie eines Hochschullehrers und Unternehmers gegründet hat, als Förderer. Aber noch fehlen 50000 Euro am Jahresetat. Schwer sei es, sagt Onderka, Geld für Personalkosten einzuwerben. Aber ohne Menschen scheiterte das Projekt.

Was sich für Eko, den Jungen von der Weserspitze mit kurdischen Wurzeln geändert habe, seit er regelmäßig in die Halle komme? „Vieles“, antwortet der junge Mann vielsagend. Eko ist freundlich, reicht zum Gruß die Hand, blickt dem anderen ins Gesicht, und er stellt seine Zuverlässigkeit unter Beweis. Er ist „Young Leader“, übernimmt Aufgaben in der Halle, organisiert Spiele und Turniere, ist den anderen ein Vorbild. Dafür bekommt er als Anerkennung ein wenig Geld, und er beschreitet als „Young Leader“ den Weg zum anerkannten Trainer. In der Halle, sagt er, bleibt die Politik vor der Türe. Kurden spielen mit Türken, Türken mit Russen. Die Eltern lernen von der Integration der Straßenkinder, kommen zum türkischen Nachmittag oder zum russischen Abend.

Er habe gedacht, er erhalte Respekt, wenn er dem anderen keinen zeige

Vormittags geht Eko zur Schule. Er will den Hauptschulabschluss schaffen, um dann Erzieher zu werden, denn in der Arbeit mit den Kindern findet er Erfüllung. Gakovic unterstützt Eko auf seinem Weg. Eko habe schon mehr als ein Jahr bewiesen, dass er zuverlässig sei, dass er zuhöre und sich kümmere. Es komme darauf an, die Kinder und Jugendlichen zu motivieren, herauszufinden, worauf ihr Ehrgeiz ziele. „Das ist in Bosnien, in Bagdad und an der Weserspitze dasselbe“, sagt Gakovic. „Schau dir die Kindergärten an. Dort müssen wir Sozialkompetenz vermitteln, aber es fehlen Männer im Kindergarten.“

Eko ist seinerseits Vorbild für einen Jungen, der erst 14 Jahre alt ist, aber schon erwachsen aussieht. Die Größe und sein Äußeres bestimmen seinen Status. Der Junge ist Albaner. Sein Großvater sei im Jugoslawienkrieg gestorben, und alle sagten, erzählt der Junge, er sehe ihm so ähnlich. Der Vater, sagt der Junge, sei ein „Krieger“, habe gegen die Serben gekämpft. Er, der Junge, habe in Deutschland nicht den Respekt erfahren, den er erwartet habe. Und er habe gedacht, er erhalte Respekt, wenn er dem anderen keinen zeige. Ein unterlassener Gruß oder ein schräger Blick genüge, um Angst zu verbreiten, denn „Augen schießen schärfer als Knarren“. Schon im Kindergarten habe er sich geschlagen. Später kamen Messerstechereien, räuberische Erpressung und Massenschlägereien hinzu. Der Junge ist seit ein paar Wochen „Young Leader“ wie Eko. Er glaubt, dass er es geschafft habe, sich den schlechten Freunden zu entziehen, die ihn offenbar auf ihren Streifzügen vorschickten, weil er noch nicht strafmündig war. Gakovic gibt sich abwartend: „Die Kunst ist nicht der Anfang, die Kunst ist es, die Veränderung zu erhalten.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Auf dem Weg zur Pressekonferenz: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

EU-Konferenz : Regierungen wollen unnötige Reisen einschränken

Die Grenzen im Binnenmarkt bleiben offen, doch sollen die Regeln noch strenger werden. Insbesondere für Menschen, die in Hochrisikogebieten leben. Genau dafür hatte sich Bundeskanzlerin Merkel stark gemacht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.